ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2003Tessin/Schweiz: Gaumenfreuden von der Bergwiese

VARIA: Reise / Sport / Freizeit

Tessin/Schweiz: Gaumenfreuden von der Bergwiese

Dtsch Arztebl 2003; 100(12): A-800 / B-676

Hamberger, Monika

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Frisch angerichteter Salat aus Wildkräutern von Bergwiesen
Frisch angerichteter Salat aus Wildkräutern von Bergwiesen
Überraschende Begegnungen im Schweizer Kanton im Süden

Langsam bewegt sich die Gruppe von Wanderern den Hang hinauf. Ausgerüstet mit festem Schuhwerk und Plastiktüte, sind sie anscheinend auf der Suche nach etwas ganz Bestimmtem. „Eigentlich gibt es kein Unkraut. Der Begriff ist falsch. Was wir hier sammeln, sind Wildkräuter. Das Wissen über die Wirkungsweise dieser Pflanzen haben wir fast völlig verloren“, erklärt Meret. Wir sind mit Meret Bissegger im Onsernone-Tal unterwegs beim Wanderkochen und pflücken am Wegrand und auf der Wiese Material für unseren mittäglichen Salat: Gänseblümchen, Hirtentäschel, Salbei, Löwenzahn. Das Tal, das vom landschaftlich reizvollen Vallemaggia im Tessin abzweigt, ist nur durch eine schmale Straße erreichbar. Es ist ein Stück Urschweiz: beinahe unberührte Natur, oft südländisch geprägt.
Inzwischen sind die blauen Wolkenlöcher am Himmel verschwunden, und es beginnt zu tröpfeln. Doch der einsetzende Nieselregen verdrießt die Sammelfreude keinesfalls. Die Tüten füllen sich langsam. Meret ist ein wandelndes Biologiebuch, und was ihr nicht bekannt ist, schlägt sie im „Duden“ nach, der im Rucksack mitgeschleppt wird. Nach eineinhalb Stunden Marsch berg-auf, durch Kastanienwald und über kleine Gebirgsbäche erreichen wir die Alp Alzasca. Nass und etwas durchgefroren, sind wir dankbar für das Feuer im Kamin. Mit einem herzlichen „Benvenuto“ begrüßt uns der Hüttenwirt. Während die Jacken vor dem Feuer trocknen, breiten wir die gesammelten Schätze aus. Eine bunte Palette aus Kräutern, Blumen, Blättern und Tannenspitzen wartet auf die Verarbeitung. Noch fehlt etwas „Füllmaterial“, damit es auch für alle reicht. Kein Problem, draußen auf der Alm wächst genügend Knöterich, Klee und Wegerich. Mit Balsamico und Nussöl wird das Ganze verfeinert. Damit wir auf Handfestes nicht verzichten
Fusio – am hinteren Ende des Maggiatales
Fusio – am hinteren Ende des Maggiatales
müssen, gibt es noch Käse. Weißbrot und Wein sind obligatorisch.
Comologno liegt fast am Ende des ruhigen Onsernone-Tales. Über ein enges Gässchen und eine breite Steintreppe erreichen wir den Palazzo Gamboni. Das von außen nicht sonderlich ansehnliche Gebäude birgt in seinem Innern einen wahren Schatz. Aus dem 18. Jahrhundert stammt das Herrenhaus, das von zurückkehrenden Auswanderern erbaut wurde. 2001 erhielt es im Auftrag der Bürgergemeinde eine „sanfte“ Renovation: Mit viel Idealismus, reichlich Liebe zum Detail und einer kräftigen Finanzspritze wurden Gebäude und Inventar restauriert – versehen mit allen Annehmlichkeiten: Heizung und fließendem Wasser, und einem Anbau, in dem die Gäste in Thermalwasser baden können, entstand eine Unterkunft der besonderen Art, ein Kulturort, der ein Erholungsort ist, der das Gestern mit dem Heute verbindet.
Man sieht es, die Holzverkleidung des Zimmers ist wirklich alt: Kiefernholz, das im Laufe der Jahre einen dunklen warmen Braunton angenommen hat und dem Raum eine heimelige Atmosphäre verleiht. Die Decke ist sehr niedrig. Das Bett steht erhöht auf Pfosten. Ein bereitgestellter Schemel erleichtert dem Wanderer das Erklimmen der Schlafstatt. Unten plätschert der Dorfbrunnen vor dem Fenster, die Aussicht ist grandios. In Fusio sind wir fast am Ende des Vallemaggia angekommen. Nur ein Staudamm mit See trennt die Zivilisation von der Unwegsamkeit der Berge. Mitten im Ortskern beherbergt den Gast die Antica Osteria Dazio, die nicht nur ein vorzügliches Essen anbietet, sondern auch Wasser-Therapie-Möglichkeiten.
Ein Fünftel der Fläche des Kantons Tessin beansprucht das Vallemaggia für sich. Der touristische Reiz dieses Tales liegt zweifellos in der Vielfältigkeit der Dörfer, die von starkem Geschichtsbewusstsein geprägt sind. Aber auch von der Struktur der Landschaft, die einen Höhenunterschied von 3 000 Meter zwischen dem höchsten Punkt Basodino mit sich bringt. Piero Bianconi hat es poetisch ausgedrückt: „Das Tal verzweigt, verästelt und teilt sich auf wie eine Hand; ins Val di Campo und Val di Bosco, Val Bavona, Val Lavizzara und Val Peccia; eine große Hand mit knorrigen und krummen Fingern, durchzogen von blauen Wasseradern, die aus Alpenpässen und Bergrücken entspringen, die das Vallemaggia genau begrenzen.“ Monika Hamberger
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