ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2003Klinische Studien: Die Mehrzahl landet in der Schublade

AKTUELL: Akut

Klinische Studien: Die Mehrzahl landet in der Schublade

Dtsch Arztebl 2003; 100(13): A-809 / B-685 / C-641

Koch, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wenn Freiwillige ihre Zustimmung zur Teilnahme an einer klinischen Studie geben, ist bei den vielen der Grund ausschlaggebend, anderen Patienten mit derselben Krankheit zu helfen. Deshalb sollte es zu den ethischen Selbstverständlichkeiten gegenüber den Patienten gehören, dass die Ergebnisse der Studie veröffentlicht werden. Im „Lancet“ beschreiben die Mitglieder der Ethikkommission an der Hospital Clinic in Barcelona, dass die Realität ganz anders aussieht (2003; 361: 1015). Die Kommission hat das Schicksal aller 158 Studien nachverfolgt, denen sie 1997 nach Beurteilung grünes Licht gegeben hatte. Knapp 80 Prozent der Studien waren so genannte Phase 3- und Phase 4-Studien, in denen vor allem Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Therapien (meist Medikamenten) erfasst werden sollten; 90 Prozent waren von der Pharmaindustrie finanziert. Doch das Schicksal der Studien war „besorgniserregend“, so die Autoren: Von den Ergebnissen der 123 Studien, die bis Herbst 2001 abgeschlossen waren, waren weniger als ein Drittel in Fachzeitschriften veröffentlicht oder auf Kongressen präsentiert worden.

Auch Dr. Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum und Prof. Ian Chalmers vom britischen Cochrane Zentrum betonen in einem Kommentar (Seite 978): Es gehöre explizit in den Aufgabenbereich der Ethikkommissionen, sicherzustellen, dass die Ergebnisse der begutachteten Studien, veröffentlicht werden; „indem sie diesen Anspruch nicht erfüllen, täuschen sie die Öffentlichkeit.“ Dabei gehe es nicht nur um den Missbrauch des Vertrauens der Teilnehmer, die einen Beitrag zum Wachstum des Wissens leisten. Hinzu komme, dass die selektive Publikation von Studien-Ergebnissen auch zu einer Verfälschung des Wissens führen kann. Frühere Untersuchungen zeigen, dass vor allem Studien publiziert werden, in denen beispielsweise Medikamente positiv abgeschnitten haben, dass jedoch Studien mit negativem oder neutralen Ausgang entweder nie oder mit erheblicher Verzögerung veröffentlicht werden. Weil diese Verzerrungen für echten Schaden an Patienten verantwortlich sein können, sei der Verzicht auf Veröffentlichung „eine Form von wissenschaftlichen und ethischem Fehlverhalten“.

Eine Gegenmaßnahme besteht darin, alle Studien vor Beginn in öffentlich zugänglichen Registern anzumelden. Auf diese Weise kann jeder Interessierte das Schicksal einer Studie nachverfolgen (www.controlled-trials.com). Antes und Chalmers fordern, dass Ethikkommissionen ein positives Votum zu Studien von solch einer Registrierung abhängig machen. Klaus Koch
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema