ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2003Außerordentlicher Apothekertag: „Mit uns prügeln Sie die Falschen“

POLITIK

Außerordentlicher Apothekertag: „Mit uns prügeln Sie die Falschen“

Dtsch Arztebl 2003; 100(13): A-811 / B-687 / C-643

Korzilius, Heike

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Gegenseitiges Gesprächsangebot: Schmidt und Friese Foto: Elke Hinkelbein
Gegenseitiges Gesprächsangebot: Schmidt und Friese
Foto: Elke Hinkelbein
Bei den Apothekern geht die Existenzangst um.
Neben finanziellen Einbußen durch das jüngste Spargesetz drohen mit der geplanten Gesundheitsreform Versandhandel und Mehrbesitz.

Eine Mischung aus Wut und Frustration prägte die Stimmung im schlecht beleuchteten Saal des Internationalen Congress Centrums in Berlin. Geradezu düster sahen die rund 1 000 dort versammelten Apotheker auch ihre Zukunft, sollte sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt mit ihren Reformvorstellungen durchsetzen können. In den Zorn auf die Politiker mischte sich bei einigen die Unzufriedenheit mit der eigenen Standesvertretung. „Politik und ABDA treten meine Interessen mit Füßen“ war auf Plakaten zu lesen, die den Weg zum Podium bedeckten.
Die Apotheker sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Das Beitragssatzsicherungsgesetz, das am 1. Januar in Kraft trat, verordnete der Pharmabranche Sonderrabatte in Höhe von 1,37 Milliarden Euro, die sie den Krankenkassen gewähren müssen. Dabei sollte die Pharmaindustrie mit 420 Millionen Euro, der Pharmagroßhandel mit 600 Millionen und die Apotheken mit 350 Millionen Euro belastet werden. Jetzt, drei Monate später, scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen der Apotheker zu bestätigen: Der pharmazeutische Großhandel wälzt die ihm auferlegten Rabatte auf die Apotheken ab. Die Folge seien Einkommenseinbußen von 35 Prozent und die drohende Vernichtung von Tausenden Arbeitsplätzen in den Apotheken, mahnte der Präsident der ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, Hans-Günter Friese, am Mittwoch vergangener Woche beim außerordentlichen Apothekertag. Dieser forderte in einer Resolution den Gesetzgeber auf, diese „Überlast für die Apotheken zurückzunehmen“.
Doch mit der geplanten Gesundheitsreform droht neues Unheil. Von Pfiffen begleitet, zeigte sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Schmidt entschlossen, das Versandverbot für Arzneimittel und das Mehrbesitzverbot für Apotheken aufzuheben. „Es kann nicht sein, dass es immer heißt, wir brauchen Reformen – aber nicht bei uns“, sagte Schmidt. Nach Ansicht der Ministerin ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Europäische Gerichtshof das deutsche Versandverbot kippt. Den Apothekern bot sie Gespräche darüber an, wie unter Versandhandelsbedingungen Arzneimittelsicherheit gewährleistet und ein fairer Wettbewerb gestaltet werden können. In jedem Fall, beschwichtigte Schmidt, solle die Teilnahme von Apotheken und Versicherten am Versandhandel freiwillig sein. „Das haben wir Ihnen zugesagt.“ Als Chance im Wettbewerb auch mit Versandapotheken bestehen zu können, versuchte die Ministerin den Apothekern die Aufhebung des Mehrbesitzverbots schmackhaft zu machen – erfolglos.
ABDA-Präsident Friese distanzierte sich vom schnöden Kommerz: „Arzneimittel sind auch heute kein gewöhnliches Konsumgut.“ Für ihn ist der Apotheker in erster Linie ein Heilberuf, die Apotheke ein Garant für Arzneimittelsicherheit. Dies dürfe nicht „durch markt-
orientierte Experimente wie Versandhandel oder Fremd- und Mehrbesitz aufs Spiel gesetzt werden“. Ihre Einführung bedeute das Aus für die wohnortnahe Arzneimittelversorgung und das bewährte Apothekensystem. Denn dann drängten ausschließlich ertragsorientierte Kapitalgesellschaften und Kettenapotheken auf den Markt, und der Patient bleibe auf der Strecke, prophezeite Friese. „Wer Versandhandel und Mehrbesitz zulässt, der will die Merkantilisierung der Arzneimittelversorgung.“ Auf Kosteneinsparungen dürfe man dabei nicht hoffen.
Unterstützung auf ganzer Linie erhielt Friese von Horst Seehofer. „Wir lehnen den Arzneiversandhandel klipp und klar ab. Arzneimittelsicherheit und eine wohnortnahe Versorgung dürfen nicht fiskalischen Interessen geopfert werden.“ Eine klare Absage erteilte der Gesundheitsexperte der Union auch der geplanten Aufhebung des Mehrbesitzverbots. „Das führt zur Kommerzialisierung.“ Unter dem tosenden Beifall der versammelten Apotheker kündigte Seehofer außerdem einen Gesetzentwurf der CDU/CSU-Fraktion an, der das Beitragssatzsicherungsgesetz aufheben soll. Auch für einen weiteren Herzenswunsch der Apotheker machte er sich stark: die Halbierung des Mehrwertsteuersatzes für Medikamente. Von der europaweit unterschiedlichen Besteuerung profitierten derzeit Versandapotheken wie DocMorris zum Nachteil der deutschen Apotheken, begründete Seehofer seinen Vorstoß. Mit stehenden Ovationen dankte ihm die Apothekerversammlung seine Unterstützung.
Die Verbitterung der Apotheker ist echt. Sie sind es – wie im Übrigen auch die Ärzte – leid, immer wieder als Kostentreiber gemaßregelt zu werden. Nach Angaben von ABDA-Präsident Friese entfallen „satte“ 62 Prozent des Arzneimittelendpreises in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung auf die Industrie. Nur 17,9 Prozent entstünden bei der Apotheke. „Der Herstelleranteil ist die kostentreibende Komponente. An den im letzten Jahr um 4,9 Prozent gestiegenen Arzneimittelausgaben sind die Apotheken so gut wie gar nicht beteiligt“, betonte Friese. 2002 hätten die Apotheken einen Zuwachs von 1,7 Prozent verzeichnet. Das bedeute faktisch eine Nullrunde. „Mit uns prügeln Sie die Falschen“, lautete sein Vorwurf an die Politik.
Dass die ansonsten so wettbewerbsfreundliche Opposition ihre schützende Hand über die Apotheker hält, lässt den ABDA-Präsidenten jedoch hoffen. Denn für eine grundlegende Gesundheitsreform ist die Regierung auf die Zustimmung der Unionsmehrheit im Bundesrat angewiesen. Deshalb appellierte Friese an die Vertreter von CDU/CSU und FDP: „Knicken Sie nicht ein, wenn es um die Aufrechterhaltung des Versandhandelsverbots und des Fremd- und Mehrbesitzverbots geht.“
Doch der außerordentliche Apothekertag erschöpfte sich nicht in Verweigerung. Die Alternativmodelle der Apotheker für die kommende Gesundheitsreform enthält eine weitere Resolution, die nach heftiger Debatte verabschiedet wurde. Anstelle des Versandhandels sprechen sich die Apotheker darin für ein wohnortnahes Home-Service-Konzept und die Entwicklung eines Hausapothekenmodells aus. Außerdem wollen sie die Arzneimittelpreisverordnung weiterentwickeln. Dabei soll das Einkommen des Apothekers künftig nicht mehr allein vom Preis des Arzneimittels abhängen. Das neue Preisbildungssystem sieht für apothekenpflichtige Arzneimittel feste Abgabepreise vor, wobei preisunabhängige und preisabhängige Komponenten sinnvoll kombiniert werden – eine Idee, mit der sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Schmidt nach eigenem Bekunden durchaus anfreunden kann, die aber nicht auf die ungeteilte Zustimmung der Delegierten traf. Heike Korzilius
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