ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2003Vertragswettbewerb: AOK will Sicherstellungsauftrag übernehmen

POLITIK

Vertragswettbewerb: AOK will Sicherstellungsauftrag übernehmen

Dtsch Arztebl 2003; 100(13): A-816 / B-691 / C-647

Blöß, Timo

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LNSLNS Bundesverband fordert wettbewerbliche Reformen im ambulanten und stationären Sektor. Ziel der Ortskrankenkassen: die „integrierte Versorgung als Regelversorgung“.

Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) schalten sich einmal mehr in die aktuelle Reformdebatte im Gesundheitswesen ein. Mitte März präsentierte der Bundesverband der AOK das Gutachten „Vertragswettbewerb in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zur Verbesserung von Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung“ in Berlin. Die von der AOK in Auftrag gegebene Expertise wurde von Fachleuten aus Wirtschaft, Recht und Medizin erarbeitet.
Der Tenor des Gutachtens fügt sich harmonisch in den Reform-Chor
von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und Bundeskanzler Gerhard Schröder ein: Mehr Wettbewerb unter den Leistungserbringern soll zu mehr Qualität und Wirtschaftlichkeit führen. Mit anderen Worten: Das Vertragsmonopol der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) soll aufgebrochen und den Krankenkassen sollen Einzelverträge mit den Leistungserbringern ermöglicht werden.
Die Gutachter plädieren für einen weiteren Ausbau der Konkurrenz unter den Krankenkassen. Diese sollten mit „attraktiven Versorgungsangeboten“ um die Versicherten buhlen. Mit ausgewählten Leistungserbringern könnten die Kassen dann nach dem Modell bestmögliche Verträge für ihre Versicherten vereinbaren. In der Folge entstünde ein Wettbewerb unter den Leistungserbringern um Vertragsabschlüsse mit den Kassen. Anreizsysteme sollen zudem den Wettbewerb noch effektiver machen. Den Versicherten könnten beispielsweise Bonus-Modelle in Aussicht gestellt werden.
Einbetten will der AOK-Bundesverband die verstärkte Konkurrenz in eine „solidarische Wettbewerbsordnung“: Diese soll sicherstellen, dass das Solidarprinzip, die Qualität der Versorgung und ein einheitlicher Leistungskatalog erhalten bleiben.
Neben den geplanten Vertragsöffnungen wolle man auch den Ausbau integrierter Versorgungsstrukturen – mit dem Ziel der „integrierten Versorgung als Regelversorgung“ – vorantreiben, erklärte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Hans Jürgen Ahrens, bei der Vorstellung des Gutachtens in Berlin.
Langfristig werde es dann keine „Einzelarztpraxen“ mehr geben, so Ahrens weiter. Vielmehr würden dann einige Kassenverbände mit Arzt-Netzen, Gesundheitszentren und anderen „neuen Versorgungsformen“ Verträge aushandeln.
„Nicht alle Ärzte und Kassen werden das überleben“
In einem ersten Schritt setzen sowohl die AOK als auch die Gutachter auf erweiterte Vertragsmöglichkeiten im Krankenhaussektor. Mit den Fallpauschalen seien dort bereits wichtige Voraussetzungen für mehr Wettbewerb geschaffen worden. Nach Meinung der AOK sollten auch Einzelkassen mit den Krankenhäusern verhandeln können. Dadurch erhoffen sich die Ortskrankenkassen, „Zu- oder Abschläge“
– je nach Menge und Qualität der Leistung – aushandeln zu können.
Auch die Bedarfsplanung der Länder, die die Betten- und Leistungskapazitäten festlegen, solle durch „bundeseinheitliche Vorgaben“ ersetzt werden. So sollte beispielsweise auf Bundesebene ermittelt und festgeschrieben werden, wie viele Blinddarmoperationen in einer Region benötigt würden. Nach Bedarf könnten die Kassen dann Verträge mit ausgewählten Krankenhäusern über die notwendigen Operationen abschließen.
Mit dem angestrebten Wettbewerb sei das Sicherstellungsmonopol der KVen „historisch überholt“, erklärte Ahrens. In einem „mehrjährigen
Übergang“, so Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Wasem, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und Mitautor der Studie, müsse deswegen die Ablösung des alleinigen Sicherstellungsauftrages erfolgen. Dazu sollten die Krankenkassen auf Landesebene bei speziellen fachärztlichen Leistungen Einzelverträge mit Fachärzten abschließen können. Erfülle eine KV den Sicherstellungsauftrag nicht zu hundert Prozent, müsse die ambulante Versorgung auf Landesebene auch über Verträge mit Krankenhäusern, Arzt-Netzen und Gesundheitszentren gewährleistet werden können.
Ob die Reformideen der AOK die erhofften Einsparungen bringen, bleibt offen. Weder AOK-Chef Ahrens noch die Gutachter wollten sich auf genaue Zahlen festlegen. Zunächst müsse sogar mit höheren Verwaltungs- und Personalkosten gerechnet werden, räumte Ahrens ein. Durch die „Behebung der Ineffizienz“ ergäben sich aber insgesamt „Einsparpotenziale“.
Für den Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. jur. Rainer Hess, steht schon jetzt fest: Ein solcher „Mammut-Apparat“ werde enorme Managementkosten produzieren. Außerdem mache man die solidarische Ausrichtung des Gesundheitswesens durch das von der AOK vorgelegte Modell zunichte.
Zumindest mit weitreichenden Veränderungen in der Versorgungsstruktur rechnet Gutachter Wasem: „Nicht alle Ärzte und nicht alle Kassen werden das überleben.“ Timo Blöß
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