ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2003Hochschule und Doppelkarriere-Paare: Aus der Tabuzone holen

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Hochschule und Doppelkarriere-Paare: Aus der Tabuzone holen

Dtsch Arztebl 2003; 100(13): A-825 / B-701 / C-655

Bühring, Petra

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LNSLNS An US-amerikanischen Hochschulen ist es bei einer Berufung längst die Regel, auch die berufliche Perspektive des Lebenspartners zu berücksichtigen. Deutschland hat einiges nachzuholen.

Sie sind ein so genanntes Doppelkarriere-Paar: Prof. Dr. Ute Frevert und Dr. Ulrich Schreiterer haben verschiedene Umzüge hinter sich, denn Prof. Frevert ist ihre Karriere wichtig, und sie ist dem Ruf verschiedener Universitäten gefolgt. Wenn ihr Mann eine adäquate Stelle am selben Ort finden konnte, ist er mitgegangen, wenn nicht, ist einer gependelt. Seit Sommer 2002 ist das Paar in einem Entscheidungsprozess: Die Historikerin hat einen Ruf der Yale University erhalten. Die Universität lud das Ehepaar in die USA ein, nahm auf die Karriere des Ehemannes – im ersten Gespräch – Bezug und kümmerte sich um eine Stelle. Inzwischen hat Dr. Schreiterer „ein sehr attraktives Angebot“, wie gewohnt an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Wirtschaft. Ute Frevert ist begeistert von der „warmherzigen Art“, mit der der Dekan sich um beide bemüht hat, über den intensiven persönlichen Kontakt. „Die Art der Unterstützung sollte beispielhaft sein für Deutschland“, sagte sie auf der Tagung „Verflechtung von beruflichen Karrieren in Akademikerpartnerschaften“, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft Ende Februar in Bonn veranstalteten.
Forschungsstandort sichern
Allmählich wird auch den deutschen Hochschulleitungen bewusst, dass sie sich ebenso um die Partner kümmern müssen, wenn sie hervorragende Wissenschaftler gewinnen wollen. Denn das traditionelle Modell: Der Mann macht akademische Karriere mit der geforderten Mobilität, die Frau folgt und organisiert das private Leben, wird immer seltener. In Akademikerpartnerschaften wollen immer häufiger beide Karriere machen. Immerhin berichten 50 Prozent der Hochschulen von einer Ablehnung des Rufes, bei der die berufliche Perspektive des Partners eine Rolle gespielt hat. Das ist das Ergebnis einer Befragung deutscher Hochschulen (Rusconi und Solga 2002).
Die Attraktivität des Forschungsstandorts Deutschland ist gefährdet, denn derzeit werden die beruflichen Möglichkeiten für Lebenspartner und die Flexibilität der Kinderbetreuung sowohl von deutschen Wissenschaftlern im Ausland als auch von ausländischen Wissenschaftlern sehr kritisch eingeschätzt. Dies ermittelte die vom Stifterverband in Auftrag gegebene Studie „Brain Drain – Brain Gain“, die so genannte Push- and Pullfaktoren für die Arbeitsaufnahme in Deutschland herausfinden wollte. Unabhängig von den „weichen Faktoren“ bescheinigen 63 Prozent der Wissenschaftler im Ausland den Forschungseinrichtungen in Deutschland gute Bedingungen. Doch 80 Prozent der verheirateten Forscher mit Kindern würden nur zurückkehren, wenn auch der Partner ein adäquates Stellenangebot hätte.
Bisher fördern weniger als zehn Prozent aller deutschen Hochschulleitungen eine Doppelkarriere. Das heißt nicht, dass die Hochschule Bewerbern nicht hilft und Kontakte nutzt, um Ehepartnern Stellen zu vermitteln. „Das Thema ist uralt“, erklärt Prof. Dr. Manfred Erhardt, Generalsekretär des Stifterverbandes, „aber es muss endlich offiziell angesprochen werden, es muss raus aus der Tabuzone.“ Auch die Bewerber müssten das Thema Berufsperspektive für den Partner offen ansprechen, fordert er. Doch vor allem Bewerber für C-3-Professuren fürchten, wenn sie das Thema vor Berufungskommissionen früh ins Gespräch bringen, sich außer Konkurrenz zu setzen. Bewerber für C-4-Professuren haben mehr Verhandlungsspielraum. „Teilweise handeln die Kandidaten den Job für die Ehefrau gleich mit aus“, berichtete Erhardt.
Prof. Dr. Ute Frevert und Dr. Ulrich Schreiterer erachten die Unterstützung US-amerikanischer Universitäten für Doppelkarriere-Paare als beispielhaft. Foto: Eric Lichtenscheidt
Prof. Dr. Ute Frevert und Dr. Ulrich Schreiterer erachten die Unterstützung US-amerikanischer Universitäten für Doppelkarriere-Paare als beispielhaft. Foto: Eric Lichtenscheidt
Offen ansprechen
Gegen die Unsicherheit der Bewerber hilft eine offene Politik der Hochschule. Die University of Washington in Seattle, zum Beispiel, macht in einer eigens dafür aufgelegten kleinen Broschüre darauf aufmerksam, dass Doppelkarriere-Paare mit Unterstützung rechnen können. Die Kandidaten würden darin aufgefordert, das Thema Berufsperspektive des Partners offen anzusprechen. Schließlich ist es in den USA wegen der „political correctness“ in Bewerbungsgesprächen nicht erlaubt, nach dem Familienstand oder nach Kindern zu fragen, berichtet die Deutsch-Amerikanerin Prof. Dr. Maresi Nerad, University of Washington.
Die Besten suchen
Viele Universitäten in den USA hätten spezielle Fonds, um die Lebenspartner derjenigen, die sie unbedingt haben wollen, zu unterstützen. Damit könnten zum Beispiel vorgezogene Professuren an benachbarten Universitäten finanziert werden. An US-amerikanischen Hochschulen werden Stellen nach dem Leitsatz besetzt: „Suche den Besten und ermögliche, was er braucht“, betonte Nerad. Diese Form des aktiven Rekrutierens sollte auch an deutschen Universitäten eingeführt werden, fordert Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Präsident der Humboldt-Universität Berlin: „Für Deutschland bedeutet dies einen notwendigen Paradigmenwechsel.“
Das Ehepaar Prof. Dr. Maria Leptin und Prof. Dr. Jonathan Howard ist ein Beispiel dafür, dass aktives Rekrutieren auch in Deutschland möglich ist. Die Biologen sind viele Jahre mit ihren Kindern zwischen Cambridge und Tübingen hin- und hergependelt, wo sie jeweils einen Lehrstuhl innehatten. Dann kam der Ruf aus Köln vom Institut für Genetik für beide Professoren. Dort sind sie jetzt für unterschiedliche Fachbereiche verantwortlich. Wer hätte solch ein Angebot ausschlagen können?
Petra Bühring
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