ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1996Kambodscha erwacht aus der Lethargie: Angkor - Symbol der Hoffnung

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Kambodscha erwacht aus der Lethargie: Angkor - Symbol der Hoffnung

Tegtmeier, Olaf

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LNSLNS Nach langer Zeit der Isolation kehrt Kambodscha heute in die Normalität zurück. Die Soldaten der Vereinten Nationen haben das Land verlassen, die Wirtschaft erholt sich mit kleinen Schritten von den Spuren einer Vergangenheit, in der Begriffe wie Sicherheit oder Kontinuität Fremdwort waren. Zwar sind Teile des Landes noch immer politisch instabil, das kulturelle Herzstück Kambodschas jedoch gilt als sicher: Als touristische Hauptattraktion hält die Armee ihre schützenden Arme über die Tempel von Angkor, um die Touristen vor Überfällen der Roten Khmer zu schützen.
In Angkor wird die Größe und der einstige Kunstreichtum des Khmer-Königreiches deutlich, dessen Herrscher vom 9. bis zum 13. Jahrhundert über ein riesiges Gebiet regierten. Es erstreckte sich von der Südspitze des heutigen Vietnams bis hin zur chinesischen Stadt Yunnan im Norden und von dort westlich bis zum Golf von Bengalen. Heute gelten die Tempel dieser untergegangenen Khmer-Kultur als das gewaltigste sakrale Bauwerk der Welt. Ein achtes Weltwunder, Zeichen genialer Baukunst – und das Symbol der Hoffnung für ein wiedergeborenes Land und seine Bewohner.
Die Tempel von Angkor in ihrer ganzen Faszination und Schönheit zu beschreiben ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Zu groß ist die Vielfalt, zu unvorstellbar ihre Schönheit, zu durchdacht und ausgeklügelt ihre Architektur. Die Fakten: Durchzogen von Dörfern, in denen die Zeit vor einem Jahrhundert stehengeblieben zu sein scheint, erheben sich auf einer Fläche von rund 200 km² insgesamt über 100 Tempel – eingebettet zwischen abwechselnd fruchtbaren Reisfeldern und undurchdringlichem Urwald. 120 000 Menschen und 60 000 Elefanten sollen bei den Bauarbeiten eingesetzt worden sein. Als die Bauarbeiten beendet waren, gab es Städte mit bis zu einer Million Einwohnern (zum Vergleich: Die europäischen Städte dieser Zeit kamen über 100 000 Einwohner kaum hinaus).
Geblieben von all dieser Herrlichkeit ist in erster Linie der verwitterte Stein. Die goldenen Dächer, all die Häuser und Paläste – sie sind ein Opfer der Kriege und der Plünderer geworden. Was nicht zerstört und geraubt wurde, hat der Dschungel in sein Reich geholt. Üppig wuchernde Wurzeln durchbrechen an vielen Stellen das Mauerwerk, haben ihre Arme weit in die Tempel hereingeragt, und selbst die Bemühungen der zahlreichen Archeologen wirken nur wie ein Schwertkampf gegen eine siebenköpfige Schlange.
Aber selbst wenn heute der Verfall an vielen Stellen nicht zu übersehen ist, der Anblick der Tempel ist und bleibt überwältigend. Das Herzstück bildet Angkor Wat, das am aufwendigsten restaurierte Bauwerk in Angkor. Ein faszinierendes Zeitdokument, das viel von der Geschichte erzählt, die dieses Land erlebt hat. Erbaut wurde Angkor Wat von König Suryavarman II. Er errichtete den Tempel als sein persönliches Grabmal und weihte ihn dem Gott Vishnu. Ende des 12. Jahrhunderts – nach der Abkehr vom Hinduismus – wurde Angkor Wat zu einem buddhistischen Heiligtum. Noch heute gleicht ein Spaziergang einer architektonischen Traumreise in eine längst vergangene Zeit: Den Besucher erwartet eine schier unendliche Folge von Raumfluchten und Gängen, immer wieder unterbrochen von Treppen und Terrassen, Kaskaden, Säulen und Kuppeln. Am faszinierendsten aber sind die 800 Meter langen Flachreliefs an den Innenwänden der Außengalerie. Sie gelten heute als die längsten zusammenhängenden Flachreliefs der Welt und erzählen verschiedene Szenen aus dem Hindu-Epos Mahabarata.
Auch der Bayon ist mit außergewöhnlichen Reliefs geschmückt, die als steinernes Geschichtsbuch auch heute noch Einblicke in die Welt der Khmer-Kultur erlauben. Bei seiner Entdeckung allerdings war von dem alten Glanz nicht mehr viel geblieben. Den Anstrengungen und dem Einsatz der französischen Restaurateure ist es zu verdanken, daß Bayon heute wieder ein touristischer Höhepunkt ist. Erbaut wurde die Anlage Ende des 12. Jahrhunderts von Jayavarman VII. und bildete als Herzstück das genaue Zentrum seiner Hauptstadt Angkor Thom. In Bayon ist es besonders die dritte Etage mit ihren 49 Türmen, die den Besucher in ihren Bann zieht. Insgesamt 172 versteinerte Gesichter blicken aus ihnen herab.
Auch Ta Phrom gehört zu den Sehenswürdigkeiten, die bei keinem Besuch in Angkor fehlen sollten. Der Macht der Natur überlassen, präsentiert sich der Tempel noch heute so, wie er vor mehr als 130 Jahren von seinen Entdeckern vorgefunden wurde. Riesige Wurzeln winden sich in der Ruine, und die Urkraft des Dschungels vereinigt sich mit der Khmer-Architektur zu einem atemberaubenden Kunstwerk.
Es wird noch viel Zeit vergehen, bis sich Kambodscha von allen Wunden der Vergangenheit erholt und seinen Platz im aufstrebenden Südostasien gefunden hat. Bis dahin werden weiterhin Korruption in Politik und Militär und die immer noch aktiven Rote Khmer das tägliche Leben bestimmen. Um so größer ist die Bedeutung, die Angkor für die Einwohner Kambodschas heute hat. Nicht nur als Devisenbringer, sondern auch als Wahrzeichen und Stolz sichert es das Andenken an die ruhmreiche Vergangenheit und nährt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Olaf Tegtmeier


Visum: Bis zu 15 Tagen problemlos bei der Ankunft am Flughafen erhältlich. Ein Visum für 30 Tage kann in der Botschaft Kambodschas (Grüner Weg 8, 53343 Wachtberg-Pech, Tel 02 28/32 85 09) beantragt werden. Bearbeitungszeit ca. eine Woche.


Geld: Landeswährung ist der Riel, Zweitwährung der US-Dollar (1 US-$ ca. 2 500 Riel). Viele touristische Dienstleistungen werden in Dollar bezahlt. Kreditkarten werden nur in einigen Hotels von Phnom Penh akzeptiert.


Gesundheit: Impfungen sind nicht vorgeschrieben. Es empfiehlt sich jedoch ausreichender Tetanus-, Polio- und Hepatitis-Schutz sowie gegebenenfalls auch Malaria-Prophylaxe.


Anreise: Flüge in die Hauptstadt Phnom Penh gibt es nur über die asiatischen Nachbarländer. Insbesondere über Bangkok sind zahlreiche Flüge erhältlich. Von Phnom Penh aus Weiterflug nach Siam Reap, dem Ausgangsort für alle Besuche in Angkor. Meier’s Weltreisen bietet auch eine kombinierte Studienreise durch Vietnam und Kambodscha an (16 Tage ab ca. 5 159 DM).


Unterkunft: Nach Abzug der UN-Soldaten stehen viele Hotels in Phnom Penh fast leer, die Preise sind zurückgegangen. In Siam Reap stehen zahlreiche Guest-Häuser sowie zwei Hotels für Übernachtungen zur Verfügung.

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