ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2003Homöopathie: Dialog zwischen den Methoden führen

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Homöopathie: Dialog zwischen den Methoden führen

Dtsch Arztebl 2003; 100(13): A-836

Berger, M.

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LNSLNS Die Ausführungen von Herrn Lüdke offenbaren eine Verwirrung über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen und die konkrete Praxis der Homöopathie. Wie bei konventionellen medizinischen Methoden existieren sicher auch innerhalb der Homöopathie fragwürdige Entwicklungen. Daraus aber allgemeingültige Schlüsse über die Methode als solche zu ziehen widerspricht dem Anspruch auf Rationalität. Es ist leider nicht möglich, im Rahmen einer Leserzuschrift auf alle Fehlinterpretationen einzugehen, einige Aspekte sollten jedoch korrigiert werden.
- Die Forderung nach einem evidenzbasierten Vorgehen
in der Medizin ist unbestritten. Entgegen der Behauptung, Homöopathie sei nicht wirksam (ohne Literaturnachweis!), muss man nach Durchsicht der mittlerweile umfangreichen Literatur objektiv feststellen, dass viele Homöopathiestudien signifikante und auch kostensparende Effekte nachgewiesen haben.
- Dem Gedanken der evidence based medicine (EbM) folgend, ist die Frage nach der Wirksamkeit wichtiger als die Frage „warum“ (ein Therapieverfahren hilft). Biologische Plausibilität („warum“) ist wünschenswert, im Rahmen der EbM aber nicht zwingend notwendig, allein auch nicht ausreichend. Die konventionelle Medizin basiert letztendlich auf den kartesianischen Prinzipien der Physik, als wissenschaftliche Referenzmethode. Deren Weiterentwicklung, insbesondere die Bedeutung der Quantenphysik, wurde bislang nicht in medizinische Modelle integriert. Die Homöopathie ist eine kybernetische Methode, es geht um Regulierung von Funktionen oder Steuervorgängen, Dosis-Wirkungs-Beziehungen erhalten bei dieser Betrachtung eine andere Bedeutung. Die Entwicklung neuer Wirkmodelle ist dringend notwendig, sie werden uns in Zukunft helfen, die Phänomene rund um die Homöopathie besser zu verstehen.
- Die Behauptung, Hahnemann sei dogmatisch-religiös geleitet und die Homöopathie sei eine Art Teufelsaustreibung, entspringt einer eher oberflächlichen und tendenziösen Betrachtung. Im Gegenteil, Hahnemann fühlte sich als einer der ersten Ärzte seiner Zeit einem rationalen Vorgehen verpflichtet: „Nur unablässiges Nachdenken, unermüdliche Forschungen, treue Beobachtungen und die genauesten Versuche“ bilden die Grundlagen seiner Arbeit. Bis auf wenige Ausnahmen trennte er sein persönliches Religionsverständnis von der homöopathischen Lehre. Bei einer wertfreien Interpretation historischer Quellen scheint es eigentlich selbstverständlich, den historischen Kontext zu berücksichtigen. Begriffe wie „Lebenskraft“ oder „Miasmen“ waren seinerzeit geläufige rationelle Erklärungsmodelle. Mit Hahnemanns ursprünglichem Modell der Miasmen teilt die Homöopathie heute im Wesentlichen die Begriffe, nicht die weiterentwickelten Inhalte. Wer würde schon auf die absurde Idee kommen, aus historischen Schriften auf die Praxis der heutigen Medizin oder Pharmakologie zu schließen?
- Die theoretischen Probleme des Autors mit homöopathischen Komplexmitteln sind völlig unverständlich. Warum „die Patienten nach Verwendung dieser ,Komplexmittel‘ schwer krank werden oder sogar subito tot umfallen“ müssten, bleibt sein Geheimnis.
- Die Vorstellung des Autors, dass homöopathische Ärzte über die Heilung ihrer Patienten durch Homöopathie überrascht seien, erscheint etwas naiv und spiegelt wohl eher eigene Erfahrungen
wider. Ist ein Chirurg auch überrascht, wenn sein Patient die Operation überlebt?
Die dramatische Zunahme chronischer, funktioneller und psychischer Erkrankungen und die zunehmende Zuwendung zu „alternativen“ Heilverfahren verweist auf Defizite der konventionellen Verfahren in diesen Bereichen. Es ist wünschenswert, den Dialog zwischen den Methoden differenziert zu führen und nicht lediglich auf persönliche Erfahrungen und eigene Misserfolge zurückzugreifen.
Dr. med. M. Berger,
Kanalstraße 39, 22085 Hamburg
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