ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2003Schweres akutes respiratorisches Syndrom (SARS) unklarer Ursache

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Schweres akutes respiratorisches Syndrom (SARS) unklarer Ursache

Dtsch Arztebl 2003; 100(13): A-860 / B-727 / C-680

Haas, Walter; Buchholz, Udo; Schnitzler, Johannes; Mielke, Martin; Ammon, Andrea

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LNSLNS Am 11. Februar 2003 wurde die Welt­gesund­heits­organi­sation durch die zuständigen chinesischen Ministerien über einen seit November dauernden Ausbruch akuter respiratorischer Erkrankungen in der Provinz Guangdong, Südchina, informiert. Nachdem dort gegen Ende Februar keine Fälle mehr auftraten, wurden seit Ende Februar ähnliche Erkrankungen erst in Vietnam und Hongkong, dann auch in anderen Ländern, bekannt. Die Erkrankung manifestiert sich anfangs mit grippeähnlichen Symptomen und kann nach einigen Tagen, auch bei jungen Menschen, in eine Pneumonie und zum Teil in eine Schocklunge übergehen.
Der Erreger dieser Erkrankung ist bisher nicht bekannt, neuere Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass es sich hierbei um Viren handeln könnte. Die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch wahrscheinlich vorwiegend durch Tröpfcheninfektion. Patienten scheinen erst und vor allem dann infektiös zu sein, wenn sie symptomatisch werden, denn viele der bisher aufgetretenen Fälle betreffen medizinisches Personal, das Patienten ohne Atemschutz untersucht oder versorgt hatte. Die Inkubationszeit beträgt nach derzeitigem Kenntnisstand zwei bis sieben Tage. Das Syndrom wird als schweres akutes respiratorisches Syndrom unklarer Ursache (SARS) bezeichnet.
Aufgrund der weltweiten Entwicklungen hat die Welt­gesund­heits­organi­sation eine Falldefinition entwickelt und zu einer globalen Überwachung des SARS aufgerufen. Ein wichtiger Bestandteil der Falldefinition ist eine Reiseanamnese in Länder, in denen nicht nur importierte Fälle auftraten, sondern auch eine lokale Übertragung stattgefunden hat. Diese Liste wird von der WHO ständig aktualisiert.
Falldefinition
Die Falldefinition ist erfüllt, wenn folgende Eigenschaften erfüllt sind (Stand 18. März 2003).
Ein Verdachtsfall von SARS ist gegeben wenn:
- der Erkrankungsbeginn nach dem 1. Februar 2003 datiert und
- Fieber > 38°C gemessen wird und
- eines oder mehrere respiratorische Symptome auftreten wie zum Beispiel Husten, Atemnot oder Kurzatmigkeit und
- mindestens eine der folgenden Expositionen vorliegt:
– Enger Kontakt innerhalb von 10 Tagen vor Beginn der Symptome mit einem wahrscheinlichen Fall für SARS
– Aufenthalt innerhalb von 10 Tagen vor Beginn der Symptome in einer Region, aus der gemäß der unten stehender Liste Häufungen von SARS berichtet wurden.
Ein wahrscheinlicher Fall von SARS ist gegeben, wenn Kriterien für einen SARS-Verdachtsfall erfüllt sind und mindestens eine der folgenden Bedingungen vorliegt:
- Röntgenbefund weist auf eine Pneumonie oder auf ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS) hin.
- Feststellung einer ungeklärten Atemwegserkrankung mit Todesfolge sowie ein Autopsiebefund mit Hinweisen auf ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS) ohne feststellbare Ursache.
Hinweise
SARS kann zusätzlich auch von Kopfschmerzen, Muskelsteifigkeit, Appetitverlust, Übelkeit, Verwirrtheit, Ausschlag oder Durchfall begleitet sein. Die hier genannten Symptome sind jedoch keine Kriterien der Falldefinition.
Ein enger Kontakt liegt vor, wenn ein Fall gepflegt oder auch körperlich untersucht wurde, eine gemeinsame Wohnung bewohnt wurde oder ein direkter Kontakt mit Atemwegssekreten oder Körperflüssigkeiten mit einem an SARS Erkrankten stattfand.
Länder und Regionen, in denen wahrscheinliche SARS-Fälle (gemäß Falldefinition) aufgetreten sind, sind Kanada (dort nur die Regionen Toronto und Vancouver), China (dort nur Hongkong und die Provinz Guangdong [Kanton]), Singapur und Vietnam (dort nur die Region Hanoi).
Empfehlungen zum Vorgehen
Zur Vermeidung von Infektionen im Bereich des Gesundheitswesens erscheint es in der gegenwärtigen Situation geboten, bei erstmaliger Vorstellung eines Patienten mit akuter respiratorischer Symptomatik und einem Auslandsaufenthalt in einem der Länder mit SARS-Erkrankungsherden innerhalb der letzten 10 Tage, bei der weiteren Anamnese und körperlichen Untersuchung eine „erweiterte Standardhygiene“ zu beachten. Hierzu zählen neben dem Tragen von Handschuhen und hygienischer Händedesinfektion das Tragen eines dicht anliegenden Mund-Nasen-Schutzes. Bei invasiver Diagnostik (beispielsweise Bronchoskopie) empfiehlt sich zusätzlich das Tragen einer Schutzbrille.
Bei unklarer Ursache der Erkrankung und bestehendem Verdacht auf ein SARS ist eine umgehend durchgeführte Röntgenaufnahme der Lunge mit Befundung am gleichen Tag notwendig, um frühzeitig eine Pneumonie zu erkennen. Bei positivem Befund ist eine sofortige Einweisung in die nächste Klinik mit Möglichkeiten zur strengen Isolierung erforderlich. Das Krankenhaus und der Krankentransportdienst müssen vorab informiert werden. Bis zum Transport des Betroffenen muss eine weitestmögliche Isolierung des Betroffenen erfolgen.
Umsetzung des WHO-Aufrufs zur globalen Überwachung
Die namentliche Meldung (nach § 6 Abs.1, Nr. 5a des Infektionsschutzgesetzes) der Verdachtsfälle und der wahrscheinlichen Fälle muss unverzüglich telefonisch an das zuständige Gesundheitsamt erfolgen. Das Gesundheitsamt ermittelt und registriert die Kontaktpersonen, klärt sie über das weitere Vorgehen auf und kann diese in die aktive Gesundheitsüberwachung aufnehmen. Das RKI hat den Gesundheitsämtern Übermittlungsbögen zur Verfügung gestellt, mit denen die Weiterleitung der Fälle (über das Bundesland) durch das RKI an die WHO erfolgt.
Die aktuellen Informationen zum Umgang mit entnommenem Probenmaterial und zu Desinfektionsmaßnahmen sowie zur aktuellen Falldefinition können auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts eingesehen werden.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 860–861 [Heft 13]

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Andrea Ammon MPH
Robert Koch-Institut
Seestraße 10
13353 Berlin

Weitere Informationen im Internet:
www.rki.de
www.rki.de/GESUND/DESINF/RKI-DES.PDF
www.rki.de/GESUND/HYGIENE/HYGIENE.HTM
www.who.int/csr/en/

Ansprechpartner:
Das örtliche Gesundheitsamt

SARS-Hotline des RKI:
0 18 88/7 54 35 36
(Montag - Freitag, 8.30 -17.00 Uhr)

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