ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1996Porsches „Denkfabrik“ in Weissach: Von neuen Autos und alten Bauernhöfen

VARIA: Auto und Verkehr

Porsches „Denkfabrik“ in Weissach: Von neuen Autos und alten Bauernhöfen

Feldkamp, Marie

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LNSLNS Was hat ein reinrassiger Sportwagen mit einem hydraulischen Bergbauschild, das beim Kohleabbau im Ruhrgebiet 1 000 Meter unter der Erde eingesetzt wird, gemein? Beide kommen aus derselben Ideenschmiede: dem Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach (siehe Foto). Die schwäbische Denkfabrik hat sich im letzten Vierteljahrhundert von der werkseigenen Teststrecke zum größten technischen Forschungsinstitut in privater Hand entwickelt. Auch vor "artfremden" Projekten schreckt man dort nicht zurück.


Rund 25 Kilometer westlich von Stuttgart, inmitten der ländlichen Idylle des schwäbischen Heckengäus, liegt das kleine Städtchen Weissach. Als Porsche vor 25 Jahren mit seiner Forschungs- und Entwicklungsabteilung nach Weissach zog, ahnte niemand, daß sich hier einmal die Automobilbauer der ganzen Welt die Türklinke in die Hand geben würden.
Kaum ein Hersteller aus Europa, USA, Japan oder dem Osten, der nicht in diesem Mekka des High-Tech "arbeiten läßt". Mal werden komplette Fahrzeuge entwickelt, wie für den russischen Staatsbetrieb Lada, mal nur Motoren, wie für Spaniens Seat und den schwedischen Volvo. Selbst das legendäre Kultmotorrad HarleyDavidson wird im Schwabenland technisch ausgefeilt.

Diskretion ist oberstes Gebot
Diskretion ist in Weissach oberstes Gebot – die meisten Auftraggeber lassen sich vertraglich Geheimhaltung zusichern. Berührungsängste zwischen Porsche und seiner oft berühmten Kundschaft gibt es nicht. Der hohe Stand der Abgasforschung – bereits 1982 hatte in Weissach ein "Meßzentrum für Umweltschutz" seine Abgasmessungen und Emissionsoptimierung aufgenommen – war Grund für den Entschluß von Audi, BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen, ein gemeinsames "Abgaszentrum der Automobilindustrie" unter dem Weissacher Porsche-Dach zu gründen.
Die Palette der Kundenentwicklung beschränkt sich allerdings nicht auf die Fahrzeugtechnik. Sie reicht von so unterschiedlichen Projekten wie der Neugestaltung des Airbus-Cockpits über den Luftlandepanzer "Wiesel" für die Bundeswehr bis hin zum trivialen Gabelstapler.


Altes Gehöft im Windkanal
Eines der ungewöhnlichsten Forschungsobjekte im Weissacher Windkanal, in dem üblicherweise Automobile auf ihren cW-Wert untersucht werden, dürfte ein 350jähriger Schwarzwaldhof gewesen sein. An dem 1 : 50 nachgebauten Modell des Rainertonishof aus Schönwald ließ das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg die Ursachen für die Sturmschäden an den historischen Schwarzwaldhöfen untersuchen. Um die korrekte Haltung der Fahrer ging es, als sich knapp zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in Atlanta die deutschen Bahn-Vierer im Weissacher Windkanal abstrampelten. Porsches AerodynamikSpezialisten haben den Strömungswiderstand gemessen, um bei unterschiedlichen Windeinfallswinkeln die optimale Körperhaltung der Fahrer zueinander herauszufinden.

Neues Outfit für die Litfaßsäule
Exotisch war auch der Auftrag für die Weissacher Styling-Abteilung, der gu-ten alten Litfaßsäule ein neues Outfit zu geben. Das Ergebnis, eine moderne Plakattonne aus Freiformgußteilen, findet man heute in über 1 000 europäischen Städten.
Fremdentwicklung hat bei Porsche Tradition. Lange bevor die heute so berühmten Flitzer in Zuffenhausen produziert wurden, war der Name Ferdinand Porsche bereits ein Begriff. 1901 baute Porsche als Cheftechniker der k. u. k. Hof-Wagen Fa-brik Jacob Lohner & Co. in Wien das erste Automobil mit Hybridantrieb. 30 Jahre später gründete er dann in Stuttgart das Konstruktionsbüro für Motoren- und Fahrzeugbau, kurz "Büro Porsche" genannt.
In einer Holzbaracke konstruierte 1948 sein Sohn Ferry ein zweisitziges Sportauto auf der Basis von VWTeilen. Der als Typ 356 in die Automobilgeschichte eingegangene Roadster wurde der Grundstein der heutigen Porsche AG. Im noch recht dünnen Verkehr der 50er Jahre mußte zunächst die Autobahn Stuttgart-Heilbronn als Teststrecke herhalten. Es war nur eine Frage der Zeit, wann solch öffentliche Fahrversuche nicht mehr möglich sein würden. So ging Porsche 1953 mit seinen Tests dann auf einen kleinen Flugplatz bei Malmsheim.
Aber auch das konnte nur eine Behelfslösung sein – was man brauchte, war ein eigenes Prüfgelände, um unter Ausschluß der Öffentlichkeit alle denkbaren Fahrsituationen zu testen. 1960 kaufte Porsche in den Gemeinden Weissach und Flacht 38 Hektar Heideland und baute dort ein Skid Pad, eine Kreisbahn zur Erprobung der Fahrdynamik. Einige Jahre später folgte eine Prüfstrecke mit verschiedenen Rennkursen, Geländestrecken und Geraden mit allen Widrigkeiten, die man einem vierrädrigen Gefährt nur antun kann. Es blieb nicht bei der Teststrecke. In Zuffenhausen platzte der Sportwagenhersteller aus allen Nähten, und so siedelten Forschung, Konstruktion, Versuch und Prototypenbau nach Weissach um. Die ursprünglichen 38 Hektar sind heute auf 672 000 Quadratmeter angewachsen; die Prüfstrecke hat sich zu einem streng bewachten Forschungszentrum entwickelt, und aus den 500 Mitarbeitern des Gründungsjahres 1971 sind inzwischen 1 850 Entwickler geworden. Anne Marie Feldkamp

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