ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2003Fachberufe im Gesundheitswesen: Hochschulausbildung ist für viele ein wichtiges Ziel

POLITIK

Fachberufe im Gesundheitswesen: Hochschulausbildung ist für viele ein wichtiges Ziel

Dtsch Arztebl 2003; 100(14): A-882 / B-744 / C-696

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Fotos: Eberhard Hahne Ulrike Wolf vom Deutschen Verband für Physiotherapie präsentiert die Ergebnisse einer Fragebogen-Aktion zur Berufsfeldentwicklung
Fotos: Eberhard Hahne Ulrike Wolf vom Deutschen Verband für Physiotherapie präsentiert die Ergebnisse einer Fragebogen-Aktion zur Berufsfeldentwicklung
Der Sachstand bei der Akademisierung in den Fachberufen ist uneinheitlich. Wenig zielführend erscheint die Unübersichtlichkeit der derzeitigen Studien- und Weiterbildungsangebote.

Der Trend ist klar: Immer mehr Fachberufe im Gesundheitswesen streben eine Ausbildung auf akademischen Niveau an. Die Implikationen für die Ärzteschaft sind weniger deutlich. Der Wunsch nach Zusammenarbeit mit möglichst qualifizierten Partnern geht mit der Sorge einher, gewachsene Strukuren ärztlicher Versorgung – so etwa bei der Verordnung von Heil- und Hilfsmitteln – könnten so mehr und mehr durchbrochen werden. Das Thema Akademisierung war Schwerpunkt der 15. Arbeitstagung der „Konferenz der Fachberufe im Gesundheitswesen bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK)“ am 25./26. März in Köln. Unter Leitung des Präsidenten der BÄK, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, und in Anwesenheit des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, befassten sich die Vertreter der Gesundheitsfachberufe zudem mit der aktuellen Entwicklung in der Gesundheitspolitik und verschiedenen Aspekten der Qualitätssicherung.
Attraktiver für Nachwuchs
Der Sachstand hinsichtlich der Akademisierung in den Fachberufen ist derzeit uneinheitlich. Während bei den Pflegeberufen (Management, Pädagogik und Forschung) eine Hochschulanbindung bereits etabliert ist und bei den Therapieberufen (Logopädie, Ergo- und Physiotherapie) erste Studiengänge – in der Regel berufsbegleitend – seit kurzem eingerichtet sind, befinden sich andere Fachberufe noch auf dem Weg dorthin. So streben zum Beispiel die Berufsverbände der Hebammen und der medizinisch-technischen Assistent/inn/en eine Fachhochschulausbildung an. Bei anderen Fachberufen im Gesundheitswesen, etwa den Arzthelferinnen oder Masseuren, ist gegenwärtig die Akademisierung, zumindest in Form eines grundständigen Hochschulstudiums, kein Thema.
Begründet wurde und wird das Streben nach einer Hochschulausbildung in der Regel mit der Notwendigkeit der Anpassung an das Ausbildungsniveau in den EU-Mitgliedsstaaten. Für Ministerialrat Arno Goßmann, Referatsleiter für Gesundheitsberufe, Pflege und Kammeraufsicht im hessischen Sozialministerium, ist die Gleichwertigkeit mit europäischen Abschlüssen einer der Vorteile der angestrebten Akademisierung. In den Ländern der EU sei für den Zugang zur Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen die Hochschulzugangsberechtigung erforderlich, ein akademischer Abschluss werde nach sechs bis acht Semestern erworben. Da in Deutschland der mittlere Bildungsabschluss (Realschule oder Sekundarstufe 1) ausreicht, könne dies zu Benachteiligungen für hier ausgebildete Angehörige der Gesundheitsfachberufe beim Wechsel in ein anderes EU-Land führen.
Einen weiteren Vorteil der Hochschulanbindung sieht Goßmann darin, dass die Gesundheitsfachberufe so für den Nachwuchs attraktiver werden. Derzeit fehlten Möglichkeiten zum beruflichen Aufstieg, weil es höher qualifizierende Studiengänge bis auf wenige Ausnahmen bisher nicht gibt. Dieser „Sackgassencharakter“ sei mit dafür verantwortlich, dass ungeachtet der hohen Arbeitslosigkeit die Nachfrage nach den Gesundheitsfachberufen nicht gestiegen sei und etwa im Bereich der Krankenpflege vielerorts bereits umfangreiche Werbemaßnahmen zur Behebung des Nachwuchsmangels ergriffen werden müssen.
Goßmann verwies auf die in einigen Bundesländern bestehenden unterschiedlichen Ansätze zu einer Akademisierung, wohingegen in anderen Bundesländern solche überhaupt noch nicht verfolgt werden. Ausgangspunkt sei immer noch der Beschluss der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) von Juni 1998: Erstausbildungen in den Gesundheitsfachberufen sollen nicht in den Hochschulbereich überführt werden; vielmehr sollen nur Aufbaustudiengänge, die auf einer grundständigen Ausbildung basieren, im Hochschulbereich durchgeführt werden.
Vorbehalte in der Praxis
Am weitesten vorangeschritten ist der Prozess der Akademisierung bei der Pflege. Hier gibt es eine Vielzahl grundständiger als auch weiterqualifizierender Studiengänge mit verschiedenen Schwerpunkten. Mit der Möglichkeit, wissenschaftlich in Forschung und Lehre tätig zu sein, sind die Voraussetzungen geschaffen, über die auf Dauer eine Gleichwertigkeit mit anderen akademischen Berufen erreicht werden kann. Allerdings zeigten die Erfahrungen in Hessen, dass es durchaus Vorbehalte in der Praxis gegenüber Absolventen ohne Grundausbildung, die nicht automatisch die Berufserlaubnis nach dem Krankenpflegegesetz erhalten, gibt.
Hier stellt sich die Frage, ob eine Akademisierung – etwa in der Pflege – nicht auch die Aufsplitterung eines bestehenden Berufsbilds bewirken kann, mithin die Tendenz zur Deprofessionalisierung beinhaltet. Inwieweit verträgt sich das Streben nach höherer Qualifikation mit den Erfordernissen der routinemäßig anfallenden Arbeit am Patienten?
Prof. Dr. med. Jürgen von Troschke, Medizinsoziologe an der Universität Freiburg, brachte die möglichen positiven wie negativen Folgen der Hochschulanbindung auf den Punkt. Diese führe zu einer Verbesserung der beruflichen Kompetenz, könne allerdings auch Theorielastigkeit und Praxisverluste nach sich ziehen. Der mit der Akademisierung verbundene Statusgewinn, die angestrebte Teamkooperation auf gleicher Augenhöhe etwa mit den Ärzten, gehe möglicherweise einher mit Konkurrenzkonflikten. Die infolge der Akademisierung zu erwartenden Forderungen nach Einkommenssteigerung würden bei den Arbeitgebern auf wenig Gegenliebe stoßen.
Eine einheitliche Positionierung der ärztlichen Körperschaften zu den Forderungen vieler Gesundheitsfachberufe nach Hochschulausbildung steht derzeit noch aus. Angesichts der Schnittstellenproblematik in vielen Bereichen scheint diese dringend erforderlich. Thomas Gerst
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema