POLITIK

Blick in die Zukunft

Dtsch Arztebl 2003; 100(14): A-883 / B-745 / C-697

Böhmeke, Thomas

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Sogar im Internet kann man jetzt seine Zukunft deuten, die verehrten Kollegen der Universitätsklinik Münster haben die PROCAM-Studie ins Netz gestellt. Dort kann ich meine Sünden addieren und mir die höchstwahrscheinliche Rache meiner Innereien, sprich mein Herzinfarktrisiko, vergegenwärtigen. Nun, mein eigenes Wohlergehen ist unwichtig. Ich versuche, das Schicksal meiner mir anvertrauten Patienten vorherzusagen, so erkläre ich gerade Herrn Zweifel seine koronare Karriere. „Wie, 15,3 Prozent? Heißt das, ich kriege in den nächsten zehn Jahren einen Sechstel-Herzinfarkt?“
Geduldig fange ich noch mal von vorne an. Keine Chance. „Was sollen diese Prozente? Ich habe noch nie etwas von einem 50-prozentigen Herzinfarkt gehört!“
Ich hole tief Luft, kraft meiner wissenschaftlichen Überzeugung mache ich weiter.
„Heißt das, wenn ich aufhöre zu rauchen, kriege ich dann nur einen fünfprozentigen Infarkt? Oder einen zehnprozentigen?“
Ich gebe auf. Diese renitente Weigerung gegenüber evidenter wissenschaftlicher Erkenntnis macht mich fertig. Mein Gegenüber setzt nach: „Ihre Zahlenspielereien klingen wie die getürkten Bilanzen der pleite gegangenen US-Firmen! Alles, was mich interessiert, ist: Bin ich nun krank oder nicht?!“
Wir machen ein Belastungs-EKG, das pathologisch ausfällt. Geschärft durch die PROCAM-Arithmetik nimmt Herr Zweifel eine falschpositive Aussage für sich in Anspruch und verzichtet auf einen Herzkatheter.
Eine Woche später steht er wieder vor mir: „Damit Sie es wissen, ich bin nicht krank! Das hat mein Wunderheiler durch Irisdiagnostik festgestellt!“ Und im Hinausgehen wirft er mir um die Ohren: „Sie mit Ihrem prozentualen Geschwafel!“
Zwei Monate später erhalte ich Kenntnis vom komplizierten Verlauf eines hundertprozentigen Herzinfarkts, der Herrn Zweifel ereilt hat. Nur kurz wiege ich mich in dem trügerischen Gefühl, meine Prozente seien hiermit rehabilitiert. Leider nein. „Mein Wunderheiler hat mir gesagt, dass Sie mit Ihrem prozentualen Unfug meine Irisdiagnostik völlig durcheinander gebracht hätten. Um die wieder ins Gleichgewicht zu bringen, muss ich jetzt 20 Sitzungen machen. Die 1 000 Euro dafür, die müssten Sie eigentlich bezahlen!“
Mein Grundglaube in die Naturwissenschaft ist erschüttert. In meiner Hilflosigkeit rufe ich einen Biomathematiker an. „WAS wollen Sie? Von einer Wahrscheinlichkeit auf ein konkretes Ereignis schließen? Vertändeln Sie nicht meine Zeit, gehen Sie doch zum Wunderheiler!“ Dr. med. Thomas Böhmeke
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