ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2003Schweres akutes respiratorisches Syndrom: Erregernachweis durch weltweite Kooperation

POLITIK: Medizinreport

Schweres akutes respiratorisches Syndrom: Erregernachweis durch weltweite Kooperation

Dtsch Arztebl 2003; 100(14): A-888 / B-750 / C-701

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
SARS beeinflusst das tägliche Leben in Asien. Foto: dpa
SARS beeinflusst das tägliche Leben in Asien. Foto: dpa
Nach Einschätzung der Welt­gesund­heits­organi­sation muss die Infektionskrankheit in mehreren Ländern als mögliche Gefährdung der öffentlichen Gesundheit angesehen werden.

Die Zahl der Personen, die am schweren akuten respiratorischen Syndrom (SARS) erkrankt oder gestorben sind, steigt weiter. Prominentes Opfer ist der italienische Arzt Dr. Carlo Urbani, der den ersten Fall der atypischen Lungenentzündung in einem Hanoier Krankenhaus bei einem Amerikaner diagnostiziert hatte. Der 46-jährige Spezialist für Infektionskrankheiten bei der Welt­gesund­heits­organi­sation starb in Bangkok an den Folgen von SARS.
Guangdong und Hongkong sind weiterhin die Zentren der Infektionswelle, die sich inzwischen in 13 Ländern auf drei Kontinenten verbreitet hat. Die meisten Patienten sind medizinisches Personal, engste Familienangehörige und Personen, die sich in unmittelbarer Nähe der Erkrankten aufgehalten hatten. Normale soziale Kontakte – wie Sitzen im gleichen Raum oder in demselben Flugzeug – scheinen nach den jetzigen Erkenntnissen kein Infektionsrisiko darzustellen. Erst wenn die Patienten akut erkrankt sind, so vermuten die Virologen, seien sie für die engere Umgebung infektiös.
Die Inkubationszeit von SARS beträgt wahrscheinlich zwei bis zehn Tage. Zwei – sich ergänzende – Labortests sind zum Nachweis der Infektion in Anwendung. Obwohl kein kausales Therapeutikum zur Verfügung steht, sind allgemeine Therapiemaßnahmen bei der Mehrzahl der Patienten wirksam. Mit einem schweren Verlauf müsse bei Patienten gerechnet werden, die über 40 Jahre alt sind und/oder an einer chronischen Krankheit leiden.
Als Ursache von SARS wird weiterhin ein Erreger aus der Familie der Coronaviren angenommen. Wie Prof. Dr. med. Hans-Dieter Klenk, Präsident der Gesellschaft für Virologie, anlässlich des Jahreskongresses in Berlin mitteilte, habe man in der Geschichte der Virologie noch nie so schnell einen neuen Erreger identifizieren können. Diese Leistung sei auf das hervorragende Zusammenspiel eines weltweiten Netzwerks von hoch qualifizierten Laboratorien zurückzuführen, die miteinander vernetzt sind und in Echtzeit gemeinsam die aktuellen Befunde erörterten. An dieser internationalen Kooperation sind vier deutsche Laboratorien beteiligt: das Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, die Universitäten Frankfurt/ Main und Marburg sowie das Robert Koch-Institut in Berlin.
Tests mit PCR-Gensonden deuten darauf hin, dass sich das identifizierte Virus von den bekannten Coronavirus-Typen unterscheidet. Hierbei handelt es sich um eine große Virusfamilie, die sowohl beim Menschen als auch bei zahlreichen Tierspezies Infektionen auslöst. Gemeinsam ist allen Coronaviren der morphologische Aufbau und das große Genom aus Ribonukleinsäure. Während Coronavirusinfektionen in der Veterinärmedizin große Bedeutung haben, sind die menschenpathogenen Coronaviren lediglich Auslöser von banalen Infektionen der oberen Atemwege, die durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. Nur bei respiratorischen Vorerkrankungen, wie Asthma bronchiale oder chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen, haben Coronavirusinfektionen größeren Krankheitswert.
„Coronaviren sind unter Menschen weltweit – und damit auch in Deutschland – weit verbreitet“, sagte Klenk in Berlin. Bereits 90 Prozent der Fünfjährigen hätten Kontakt mit dem Virus gehabt. Da sich Coronaviren in herkömmlichen Zellkulturen kaum vermehren lassen, müssen sie durch elektronenmikroskopische und molekularbiologische Methoden nachgewiesen werden.
Mögliche Koinfektion
Zunächst hatten auch deutsche Forscher nach elektronenmikroskopischen Untersuchungen den Verdacht geäußert, SARS werde durch ein Paramyxovirus ausgelöst. „Eine klare Differenzierung zu anderen Viren, wie Corona- oder Bunjaviren, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich“, kommentiert Prof. Hans Wilhelm Doerr, Direktor des Instituts für Medizinische Virologie am Klinikum Frankfurt/Main, die Veröffentlichungen. Auch heute seien Paramyxoviren als möglicher Kofaktor von SARS „noch nicht aus dem Rennen“. So halten es die Virologen für möglich, dass beide Viren zusammentreffen müssen, um beim Menschen die Pneumonie auszulösen. Als Beispiel für eine solche Koinfektion nannte Klenk die Hepatitis delta – eine seltene Form der Hepatitis, bei der die Patienten gleichzeitig mit Hepatitis-D- und Hepatitis-B-Viren infiziert sind. Um sich auf ein Coronavirus als alleinigen Erreger von SARS festzulegen, müsse die Kausalität geprüft werden – und das koste Zeit. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema