ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2003Ärztinnen: Potenziale werden (noch) nicht genutzt

THEMEN DER ZEIT

Ärztinnen: Potenziale werden (noch) nicht genutzt

Dtsch Arztebl 2003; 100(14): A-891 / B-753 / C-704

Kopetsch, Thomas

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Weitaus mehr Frauen als Männer beginnen inzwischen ein Medizinstudium.
Im Verlauf der Weiterbildung ist dagegen ein Rückgang des Ärztinnenanteils zu verzeichnen, was auf die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie zurückzuführen ist.

Thomas Kopetsch

Ärztinnen haben einen besseren „Draht“ zum Patienten als ihre männlichen Kollegen – so das Ergebnis einer US-amerikanischen Studie (JAMA, 2002; 288: 756–64). Ärztinnen sind demnach die besseren Gesprächspartner, sie wirken „patientenzentrierter“, sie beziehen häufiger einen größeren Lebenskontext in ihre Gespräche ein, haben weniger Scheu vor psychosozialen Themen und sind insgesamt emotionaler und positiver. Es gibt allerdings keine Daten darüber, ob dadurch die Prognose der Patienten verbessert wird. Zumindest ist – nach einer anderen US-Studie – schlechte Kommunikation einer der häufigsten Gründe für den Arztwechsel (Journal of General Internal Medicine, 2002; 1: o. S.). Denn eine befriedigende Kommunikation ist genau das, was Patienten sich am meisten von ihren Ärzten wünschen, wie britische Wissenschaftler herausgefunden haben (BMJ, 2001; 322: 468). Vor diesem Hintergrund scheint es aus Sicht der Patienten wünschenswert, dass mehr Frauen den Arztberuf ergreifen. In der Tat geht die Entwicklung in die Richtung, dass mehr Frauen den Weg in die ärztliche Patientenversorgung einschlagen – die Zahlen belegen diesen Trend.
- Berufstätige Ärztinnen: Der Anteil der berufstätigen Ärztinnen in Deutschland ist seit 1991 um 4,3 Prozentpunkte (oder um 12,8 Prozent) auf 37,9 Prozent im Jahr 2002 gestiegen. Ein Vergleich zwischen den alten und neuen Bundesländern lohnt, da der Anteil in den neuen Ländern mit 48,8 Prozent deutlich über dem Anteil in den alten Ländern liegt. Seit der Wiedervereinigung nähern sich beide Werte aus gegensätzlicher Richtung an. Im Beitrittsgebiet lag der Anteil der Frauen an den berufstätigen Ärzten vor der Wiedervereinigung noch bei 53,5 Prozent.
- Niedergelassene Ärztinnen: Der Anteil der Ärztinnen ist im ambulanten Bereich von 29,6 Prozent im Jahr 1991 auf 33,8 Prozent im Jahr 2002 gestiegen. Dieser Wert relativiert sich jedoch bei einem West-Ost-Vergleich: Seit 1979 ist in den alten Ländern der entsprechende Anteil von 18,9 Prozent auf 30,3 Prozent (2002) zwar stetig gewachsen, der Bereich der ambulanten Versorgung wird aber immer noch von Männern dominiert. Dagegen überwiegt der Ärztinnen-Anteil in den neuen Ländern deutlich mit 54,6 Prozent (57 Prozent in der hausärztlichen Versorgung). Diese Quote hat seit der Wiedervereinigung merklich abgenommen. Er lag 1991 noch bei 59,7 Prozent, das heißt, die ambulante ärztliche Versorgung in der DDR war überwiegend „in Frauenhand“.
- Krankenhausärztinnen: Bei den Krankenhausärzten zeigt sich eine ähnliche Entwicklung: Der Anteil der Ärztinnen stieg zwischen 1991 und 2002 von 33,8 Prozent auf 37,6 Prozent. In den alten Bundesländern ist die Quote von 23,4 Prozent im Jahr 1979 auf 36,9 Prozent im Jahr 2002 angewachsen, in den neuen Ländern liegt sie mit 41,9 Prozent sehr viel höher, wenngleich auch hier seit 1991 ein Rückgang um knapp drei Prozentpunkte zu verzeichnen ist.
- Ärztinnen bei Behörden und Körperschaften: Von den rund 10 300 Ärzten (2002) in diesem Bereich sind 49,4 Prozent Frauen. Dieser Anteil hat sich seit 1991 zwar nur leicht erhöht (um 2,9 Prozentpunkte), jedoch ausgehend von einem relativ hohen Niveau. Die Erhöhung des Frauenanteils erfolgte nicht stetig. Der höchste Wert wurde im Jahr 1994 mit 49,7 Prozent gemessen.
In den alten Bundesländern ist der Anteil der Ärztinnen in diesem Bereich zwischen 1979 und 2002 von 32,1 Prozent auf 48,1 Prozent gestiegen. Im Gegensatz zum Krankenhausbereich und dem ambulanten Sektor hat sich in den neuen Bundesländern der Frauenanteil bei den Behörden und Körperschaften von 47,4 Prozent im Jahr 1991 auf 56,4 Prozent im Jahr 2001 erhöht. Die Erhöhung erfolgte auch hier nicht kontinuierlich; der höchste Wert wurde im Jahr 1997 mit 57,4 Prozent verzeichnet.
- Ärztinnen in sonstigen Bereichen: Hier sind weitere 15 600 Ärzte (zum Beispiel als Betriebsärzte, Ärzte in der Pharmaindustrie) beschäftigt. Dies entspricht 5,2 Prozent aller berufstätigen Ärzte. Die Frauenquote liegt bei 49,3 Prozent (2002). Im Jahr 1991 betrug sie 42,1 Prozent. In den alten Ländern ist der Anteil von 33,4 Prozent im Jahr 1979 auf 48,3 Prozent im Jahr 2002 gestiegen. In den neuen Ländern zeigen sich hier Parallelen zu der Entwicklung bei Behörden und Körperschaften: Der Anteil der Ärztinnen ist um 6,8 Prozentpunkte auf 58 Prozent gestiegen (auch hier nicht stetig – der höchste Wert lag im Jahr 1999 bei 59,2 Prozent).
Betrachtet man die Situation in den neuen Bundesländern sektorenübergreifend, zeigt sich, dass die Ärztinnen, die aus der kurativen Krankenbehandlung „ausgestiegen“ sind, bei Behörden und Körperschaften sowie in sonstigen Bereichen neue Beschäftigungsmöglichkeiten gefunden haben. Nur mit diesen Wanderungsbewegungen lässt sich die synchron verlaufende Entwicklung der sinkenden Ärztinnenquoten im Krankenhaus und im ambulanten Sektor mit den steigenden Werten in den anderen Bereichen erklären.
Verlauf der Berufskarriere
Interessant erscheint nun – auch mit Blick auf die Nachwuchsentwicklung – die Frage, ob sich diese Trends fortsetzen werden. Hier ist ein Vergleich der Frauenanteile auf den verschiedenen Stufen der ärztlichen Berufskarriere sowie während der akademischen Ausbildung allgemein und speziell im Fach Humanmedizin aufschlussreich.
Deutlich mehr Frauen als Männer erwerben einen Schulabschluss, der ein Hochschulstudium ermöglicht. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der weiblichen Schulabgänger mit allgemeiner Hochschulreife 55,2 Prozent. Wesentlich mehr Frauen als Männer könnten mit einem Hochschulstudium beginnen. Diese Option wird von den Frauen allerdings nicht vollständig genutzt – der Anteil der Frauen an allen Studienanfängern beträgt nur 49,2 Prozent. Das Medizinstudium erfreut sich bei den Abiturientinnen hingegen größter Beliebtheit: 2001 stellten Frauen rund 61 Prozent der Studienanfänger; es entscheiden sich also überproportional viele Abiturientinnen für ein Medizinstudium. Dies resultiert nicht zuletzt daraus, dass Abiturientinnen bessere Notendurchschnitte als ihre männlichen Kollegen erreichen und damit den Anforderungen des Numerus clausus eher gerecht werden.
Bei einer Einjahresbetrachtung des Studiumverlaufs in allen Fächern sinkt der Frauenanteil. Waren noch mehr als 49 Prozent der Studienanfänger Frauen, reduziert sich dieser Wert auf 46,2 Prozent bei den Studierenden und auf 44,8 Prozent bei den Absolventen. Im Fach Humanmedizin sind die Werte durchgängig höher: sowohl mit 61,2 Prozent bei den Studienanfängern als auch mit 53,3 Prozent bei den Studierenden und mit 51,3 Prozent bei den Absolventen (Grafik 1). Dieser Rückgang des Anteils der Studentinnen im Verlauf des Medizinstudiums lässt sich deutlich bei den Medizinerprüfungen des Jahres 2001 verfolgen: von noch 57,6 Prozent bei der ärztlichen Vorprüfung, über 52,3 Prozent beim ersten Abschnitt der ärztlichen Prüfung, bis zu 51,3 Prozent an den bestandenen Examina. Nach dieser Ein-Zeitpunkt-Betrachtung scheint der Anteil der Frauen während des Medizinstudiums abzunehmen; gleichwohl stellen Frauen bei den Absolventen eines Medizinstudiums weiterhin die Überzahl. Erst bei den höheren akademischen Graden schwindet die Frauenmajorität. So beträgt der Frauenanteil bei Promotionen im Fach Humanmedizin nur noch 44,5 Prozent, liegt damit aber immer noch über dem Niveau der Promotionen insgesamt (34,3 Prozent). Dieses Zahlenverhältnis wandelt sich erst bei den Habilitationen. Hier liegt der Anteil der Frauen mit 13,7 Prozent im Fach Humanmedizin unter dem Wert aller Fächer, der 18,4 Prozent beträgt.
Aufschlussreich ist die Analyse des Frauenanteils im weiteren Verlauf der ärztlichen Berufskarriere. Der Frauenanteil bei den Absolventen, die mit dem ärztlichen Praktikum beginnen, liegt bei 51,9 Prozent. Mit dem Ende der Weiterbildung erfolgt ein großer Einschnitt: Die im Jahr 2002 erteilten Gebietsanerkennungen gingen nur zu 38,9 Prozent an Ärztinnen. Unter den leitenden Krankenhausärzten betrug der Anteil der Frauen 9,6 Prozent. Im Mittelbau der medizinischen Hochschulen sind Dozentinnen und Assistentinnen zu 27,8 Prozent vertreten, wohingegen der Professorinnenanteil bei lediglich 6,2 Prozent liegt. Allerdings ist der Rückgang der Frauenquote nicht so dramatisch, wie Grafik 2 nahe legt, da Zeitverzögerungseffekte unberücksichtigt bleiben.
Eine Analyse, die die Frauenquoten in verschiedenen Stadien der Berufskarriere zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet, ist nicht geeignet, die Entwicklung korrekt darzustellen. Notwendig ist vielmehr eine Lebenszyklusanalyse, bei der die Frauenquote im Verlauf der Berufskarriere einer Kohorte analysiert wird. Anderenfalls werden Zeitverzögerungseffekte nicht berücksichtigt. Der vermeintliche große Rückgang während des Studiums lässt sich durch den Zeitverzögerungseffekt erklären. So ist der Frauenanteil unter den Studienanfängern nur langsam auf den heutigen hohen Wert gestiegen. Er lag 1993 bei 48,9 Prozent und vier Jahre später bei 51,2 Prozent. In den alten Bundesländern lag der Wert 1985 erst bei 45,1 Prozent. Der Anstieg der Frauenquote bei den Studienanfängern zwischen 1993 und 2001 beträgt 25 Prozent. Es muss eine bestimmte Zeit vergehen, bis der Frauenanteil bei den Absolventen dem hohen Anteil bei den Anfängern entspricht.
Zum gleichen Ergebnis gelangt man, wenn der Anteil der Frauen im Zeitverlauf der medizinischen Ausbildung betrachtet und sozusagen eine Berufskarrierenanalyse einer Kohorte durchgeführt wird (Grafik 3). Demnach hat der Anteil der Frauen im Verlauf des Studiums zugenommen. Der entsprechende Wert lag bei den Studienanfängern (erstes Fachsemester) im Jahr 1990 bei 42,1 Prozent, stieg bei der ärztlichen Vorprüfung 1992 auf 44,4 Prozent und gipfelte bei 45,4 Prozent bei den bestandenen Examina des Jahres 1996. Diese Entwicklung erklärt sich nur dadurch: Mehr Männer als Frauen haben das Studium abgebrochen oder das Studienfach gewechselt. (Dieses Phänomen ist auch dadurch erklärbar, dass männliche Studenten länger für die Absolvierung des Studiums benötigen.) Allerdings kann auch bei dieser Berufskarrierenanalyse ein Rückgang des Frauenanteils während der Weiterbildung festgestellt werden. Zwischen Examen und Gebietsanerkennung sinkt bei der Lebenszyklusbetrachtung die Frauenquote hingegen weniger drastisch (um knapp neun Prozent) als bei der Analyse aller Ausbildungsstufen zu einem Zeitpunkt, wie sie in Grafik 2 dargelegt ist. Jene Betrachtung überschätzt somit den Rückgang der Ärztinnenquote. Dennoch ist ein „Frauenschwund“ zu verzeichnen. Dies kann als Anzeichen gewertet werden, dass viele Ärztinnen aufgrund struktureller und gesellschaftlicher Hindernisse, zum Beispiel mangelnde Teilzeitstellen und zu wenig Kinderbetreuungsangebote, dem Arztberuf den Rücken kehren (müssen). Will man verhindern, dass die Ressourcen von jungen und hoch qualifizierten Akademikerinnen brachliegen, so muss man an dieser Stelle ansetzen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen.
Weiterhin fällt auf, dass unter denjenigen, die ohne ärztliche Tätigkeit bei den Ärztekammern gemeldet sind (ohne Berücksichtigung von Ruheständlern und Berufsunfähigen), der Ärztinnenanteil 71 Prozent (absolut: 20 400) beträgt. Der Anteil der Ärztinnen an allen Ärztinnen und Ärzten, die ausschließlich im Haushalt tätig sind, liegt bei 93 Prozent (4 900). Bei der Elternzeit liegt der Anteil bei 96 Prozent (4 800). Ein weiterer aufschlussreicher Wert ist der Frauenanteil unter den Ärztinnen und Ärzten, die ihrer Ärztekammer gegenüber angegeben haben, sie seien arbeitslos: Er liegt bei knapp zwei Dritteln (absolut: 6 800). Dieser Wert ist überproportional hoch. Es ist anzunehmen, dass diese Frauen aufgrund von Kindererziehung dem Arbeitsmarkt zeitweise nicht zur Verfügung stehen – wohl nicht zuletzt als Folge des Mangels an Teilzeitstellen.
Entscheidende Barriere
Die Daten sprechen eine eindeutige Sprache: Die medizinische Profession scheint immer mehr von Frauen ergriffen zu werden. Bald werden zwei Drittel der Studienanfänger im Fach Humanmedizin Frauen sein. Auf den zweiten Blick aber offenbart sich, dass die Humanmedizin – sollte sich der bisherige Trend fortsetzen – kein „Frauenfach“ wird. Der Grund: Der Trend wird in der Phase der Weiterbildung gebremst. Hier ist ein Rückgang an Ärztinnen festzustellen. Es ist anzunehmen, dass dies vor allem wegen der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschieht. Wenn diese Barriere, an der viele Ärztinnen scheitern, beseitigt werden würde, wäre auch die Zahl der berufstätigen Ärztinnen deutlich höher. Das Verbleiben von hoch qualifizierten Ärztinnen im System könnte den immer deutlicher zutage tretenden Ärztemangel mildern und zu einer besseren Patientenversorgung führen.
zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 891–895 [Heft 14]
Anschrift des Verfassers:
Dr. Thomas Kopetsch
Bundes­ärzte­kammer
Herbert-Lewin-Straße 1
50931 Köln
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