ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2003Interview: Vereinbarkeit der Lebenswelten

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Interview: Vereinbarkeit der Lebenswelten

Gerst, Thomas

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Dr. med. Astrid Bühren: Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer Foto: privat
Dr. med. Astrid Bühren: Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer Foto: privat
Fragen zu den Ergebnissen der statistischen Auswertung an
Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes

DÄ: Kaum vorhandene Möglichkeiten, Familienarbeit und Arztberuf zu vereinbaren – vor allem Ärztinnen sind von diesem Problem betroffen; oder ist bei den männlichen Kollegen inzwischen der Trend zu verzeichnen, „mehr Familie zu wagen“?
Bühren: An ihrem Arbeitsplatz in Klinik, Praxis und Wissenschaft finden Ärztinnen meistens Bedingungen vor, die an der traditionellen Rollenverteilung ausgerichtet sind: Viele Überstunden und Dienste werden erwartet, da zu Hause jemand den Rücken freihält und die Kinder erzieht. Natürlich wird dies den modernen Paarkonzepten, die zunehmend partnerschaftlich ausgerichtet sind, nicht mehr gerecht. Aktuelle Befragungen von jungen Medizinerinnen und Medizinern haben ergeben, dass inzwischen auch die Männer an einer stärkeren Vereinbarkeit der beiden Lebenswelten interessiert sind. Sie wollen ihre Familienpflichten wahrnehmen, selbst intensiv das Vatersein erleben und dadurch auch der Partnerin die Berufstätigkeit ermöglichen. Die beruflichen Zukunftsaussichten und Wertvorstellungen haben sich ganz drastisch gewandelt. Viele der heute circa 40 Prozent kinderlosen berufstätigen Ärztinnen hätten auch gerne wie ihre männlichen Kollegen alle Lebensfacetten wählen wollen.

DÄ: Die ambulante medizinische Versorgung in den Ländern der ehemaligen DDR war überwiegend „in Frauenhand“. Wie interpretieren Sie diesen Sachverhalt?
Bühren: Die Situation in der DDR hat gezeigt, dass die Medizin ein Frauenfach sein kann und dass das mit den Rahmenbedingungen zusammenhängt. Zum Zeitpunkt der Wende waren in der DDR 54 Prozent der berufstätigen Ärzte weiblich, in der BRD 29 Prozent. In der DDR war die volle Berufstätigkeit von Frauen staatlicherseits gewollt und wurde gefördert. Entsprechend war eine flächendeckende ganztägige Kinderbetreuung vorhanden. Die berufstätige Mutter war selbstverständlich und nicht dem Vorurteil ausgesetzt, eine Rabenmutter zu sein. Ärztinnen waren auch in zeit- und dienstintensiven operativen Fächern keine Ausnahme. Durch die Wende ist vieles in die Brüche gegangen.

DÄ: Teilzeitarbeit von Ärztinnen und Ärzten ist hierzulande eher die Ausnahme. Gibt es dazu genauere Zahlen?
Bühren: Leider gibt es in Deutschland keine statistischen Zahlen über die ärztliche Tätigkeit in Teilzeit, da von den Kammern diese Daten bisher nicht erhoben werden. Aber dies wird sich ändern, da beim Deutschen Ärztetag 2002 ein entsprechender Beschluss gefasst wurde. Wahrscheinlich ist der Rückgang des Ärztinnenanteils während der Weiterbildungsphase viel gravierender, als in der von Kopetsch nach Ärztinnen und Ärzten aufgeschlüsselten Analyse dargestellt, da die in Teilzeit tätigen Ärztinnen gleichrangig bei den voll berufstätigen Ärztinnen mitgezählt werden mussten. Wir brauchen dringend detaillierte Zahlen, damit überprüft werden kann, ob und welche Arbeitszeitmodelle vom Schichtdienst über rollierende Wochenarbeit bis zum Job-Sharing nachgefragt werden und sich bewähren.

DÄ: Krankenhäuser haben inzwischen Probleme, ausreichendes ärztliches Personal zu rekrutieren. Lässt sich anhand der Stellenangebote bereits ein Trend verzeichnen, die Arbeitsmöglichkeiten für Ärztinnen am Krankenhaus attraktiver zu gestalten?
Bühren: Die Krankenhäuser versuchen es zunehmend mit konstruktiven Angeboten. So werben sie zum Beispiel im Stellenmarkt des Deutschen Ärzteblattes mit „Schnuppertagen mit Erstattung der Anreisekosten“ oder mit der „Möglichkeit der ganztägigen Kinderbetreuung sowie für Schulkinder Nachmittagsbetreuung mit Hausaufgabenüberwachung“. Andere Prioritäten bei der Arbeitsplatzwahl sind für Ärztinnen: gleichberechtigter und einforderbarer Zugang zur wissenschaftlichen Arbeit und zur Einteilung für operative Eingriffe, karrierefördernde Anerkennung von Managementerfahrungen aus familiären und anderen sozialen Bereichen, eine qualifizierte Weiterbildung, die auch in Arbeitszeitmodellen und in Teilzeit absolviert werden kann und familienfreundliche Bedingungen im ambulanten vertragsärztlichen Bereich. Die Arbeitgeber sollten sich aber auch für eine praxisgerechtere Handhabung der Mutterschutzrichtlinienverordnungen engagieren. Mutterschutz ist sinnvoll und erforderlich, schießt aber in der pauschal geforderten Umsetzung in vielen Fällen über das Ziel hinaus und gerät quasi zum „Berufsverbot“ in der klinischen Patientenversorgung.

DÄ: Nun könnte man solche attraktiven Angebote als „aus der Not geboren“ bezeichnen, die ohne Not zukünftig wieder fallengelassen werden. Wie kann man ein grundsätzliches Umdenken erreichen? Welche konkreten Maßnahmen sind hier zielführend?
Bühren: Natürlich sind Um-Denken und Neu-Handeln oft aus der Notwendigkeit geboren. Die zu entwickelnden lebenszyklusgerechteren Arbeitsmodelle werden aber so attraktiv und dem Zeitgeist entgegenkommend sein, dass ich ein Zurückdrehen dieser Weichenstellung nicht befürchte. Ärztinnen gehören zur Krankenversorgung wie Patientinnen. Beispiele aus der freien Wirtschaft zeigen, dass familienorientierte Modelle im Sinne von Gender Mainstreaming eine gute Investition in die Zukunft sind. In Kliniken wird jedoch trotz sich rechnender Vorteile wie geringerer Fluktuation und größerer Effizienz bei gleichzeitig höherer Arbeitszufriedenheit bisher nur selten arbeitsplatznahe und dienstzeitkompatible Kinderbetreuung an 365 Tagen angeboten. Es darf nicht mehr länger gelten: Wenn Sie als Ärztin berufstätig sein wollen, dann sehen Sie zu, wie Sie das in bestehenden Strukturen bewerkstelligen. Sondern: Wir wollen Ihre hoch qualifizierte Arbeitsleistung – was müssen wir bieten, damit Sie in unsere Klinik kommen beziehungsweise sich in unserer Region niederlassen?
DÄ: Mehr als 20 000 Ärztinnen sind bei den Ärztekammern ohne ärztliche Tätigkeit (ohne Ruheständler und Berufsunfähige) gemeldet. Wie kann dieses brachliegende Potenzial für die ärztliche Versorgung wieder nutzbar gemacht werden?
Bühren: Wir können davon ausgehen, dass auch Ärztinnen mit Kindern nach aufwendiger Aus- und Weiterbildung lebenslang ärztlich tätig sein wollen. Dafür müssen sie aber vorurteilsfrei Chancen und praktikable Modelle angeboten bekommen: So könnten Ärztinnen und Ärzte in der Elternzeit am gewohnten Arbeitsplatz auf Wunsch eingebunden bleiben durch zum Beispiel Fortbildungsteilnahme, Gutachtentätigkeit, Urlaubsvertretungen. Nach längerer Familienphase können Wiedereinstiegskurse – inzwischen wieder erfolgreich zum Beispiel von der Kammer Westfalen-Lippe angeboten – und Praxis- und Klinikpraktika die Kollegin für die Patientenversorgung zurückgewinnen.

DÄ: Welchen Vorteil sehen Sie für Patientinnen und Patienten, wenn mehr Ärztinnen für die medizinische Versorgung zur Verfügung stehen?
Bühren: Frauen forschen und fördern anders, bringen geschlechtersensible Aspekte ein, wählen im Durchschnitt gesehen andere Fachgebiete, zum Beispiel in der Niederlassung. Sie bringen frauenspezifische biografische Lebenserfahrungen mit und thematisieren zum Beispiel in der Frauenheilkunde unterschiedliche salutogenetische und therapeutische Aspekte. Frauen haben auch besondere Qualifikationen im Bereich der Kommunikation und Empathie. Zur Förderung dieses Potenzials ist es notwendig, dass mehr Ärztinnen in Entscheidungspositionen gelangen. Den Patientinnen und Patienten wird es am meisten nutzen, wenn sie auch in Zukunft ambulant und stationär überhaupt noch genügend Ärztinnen und Ärzte finden, die sich um sie kümmern, ihre Bedürfnisse verstehen und darauf eingehen und sie individuell und qualitativ gut behandeln können.
DÄ-Fragen: Thomas Gerst
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