ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1996Das bayerische Surferparadies: Die Welle ruft!

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Das bayerische Surferparadies: Die Welle ruft!

Glöser, Sabine

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LNSLNSLNSLNS Im Englischen Garten in München ist Wellenreiten mehr als nur ein Hobby

Des is wia im richtig’n Leb’n. Moi klappt’s, moi ned." Max konzentriert sich, blickt starr vor sich hin. Behutsam legt er das bunte Board aufs Wasser, plaziert den linken, dann den rechten Fuß. Balance finden, Abstoß Richtung Welle. Rasend prescht das sprudelnde Wasser in die Höhe. Schon auf dem ersten Weißwasser reißt der tobende Eisbach ihn vom Brett. Max hechtet kopfüber ins spritzende Naß.
Heute ist langer Donnerstag. Auf der Prinzregentenstraße in München stauen sich die Autos im Feierabendverkehr. Abgase verpesten die Luft. Hektisch rennt eine Frau mit zwei vollgestopften Einkaufstüten von Karstadt in einen Hausflur. Auf der anderen Straßenseite stehen dicht gedrängt Menschen nebeneinander und schauen über eine Mauer in den Englischen Garten. Was ist da los? Alle starren gebannt hinunter auf den blondgelockten Surfer, der, in einen Neoprenanzug verpackt, auf seinem knallroten Brett mit der Welle kämpft.


Im Grünwasser geht’s ab
Die Welle, zwölf Meter lang und einen Meter hoch, ist Teil des Eisbaches, der hier unterhalb der Prinzregentenstraße seinen unterirdischen Lauf beendet und im Englischen Garten auftaucht. Das 16 Grad kalte Wasser schießt tosend hervor. "Des Weißwasser verringert d’Gschwindigkeit. Nach zwoa Wochen Reg’npause is des weg", erklärt Max die Feinheiten. Seit Jahren kommt er fast täglich hierher, um seine Technik zu optimieren. Die weißen Wirbel und Strudel, in der Fachsprache "Weißwasser", nehmen heute mindestens die Hälfte des Platzes auf der Welle ein. Dazwischen steuern spiegelglatte Wasserflächen in rasantem Tempo den Gipfel an. "Im Grünwasser, da geht’s gescheit ab." Er kennt sich aus. Die Welle hat auch ihre Macke. Die 50 Surfer, die sich hier bei jedem Wetter nach der Uni oder Arbeit treffen, werden mit einer technischen Schwierigkeit konfrontiert: "Des Verreckte an dera Welle is der extreme Knick, da wenn’st ned aufpaßt, taucht die Brettlspitze unters Wasser." Oben auf der Tribüne wechseln ständig die neugierigen Gesichter. Ein Radfahrer erblickt das Szenario, steigt in die Bremsen und folgt amüsiert den Künsten der Akteure. Wuchtige Kastanienbäume an beiden Seiten des Baches umrahmen die Bühne. Zwischen den herunterhängenden Ästen blitzt ab und zu ein Surfbrett auf. Dort unten am Ufer warten die Protagonisten im wadenhohen Wasser, bis sie wieder an der Reihe sind. Denn die Welle bietet nur Platz für einen. Ernste Mienen, keiner redet. Von der Steinmauer aus geht’s los, auf den Brettern, die für sie die Welt bedeuten. Eine Münchnerin fesselt der Anblick dieser Akrobatik: "Des gibt’s ja ned. I bin zum ersten Mal da. I hab g’hört, daß da a Welle mit am b’sonderen Schwung sei muaß, wie in Amerika." Der Rucksacktourist, der gerade mit Stadtplan in den Händen die Rolltreppe zur U-Bahn nehmen will, kommt zurück. Schon zieht er seine Pocketkamera aus der Tasche und knipst. Eine Attraktion sind die Eisbachsurfer allemal.
Der Champion trifft ein. Johannes, der seit zehn Jahren surft, macht sich und sein hellblaues Brett startklar. Bevor es losgeht, montiert er oberhalb des Knöchels den Kreppverschluß – eine Halterung für die Nylonschnur, die Surfer und Brett verbindet. Angespannte Gesichtszüge verraten höchste Konzentration. Professionell schwebt er auf das Grünwasser zu. Das linke Knie ist leicht gebeugt, das rechte Bein stabilisiert. Die Füße stehen parallel, im 90-Grad-Winkel steht er zur Welle. In Schlangenlinien gleitet er vom Grün- ins Weißwasser. Die erste Drehung, geglückt, die zweite, phantastisch. Das Publikum auf der Tribüne grölt und applaudiert. Blitzlichtgewitter. Johannes hebt samt Brett ab, landet elegant. Auch die Sprünge hat er drauf. Seine Füße sind mit dem Board verwachsen. Er hat die Welle im Griff. Doch nach 20 Sekunden ist es auch für ihn vorbei. Er verliert die Balance, klatscht ins Wasser, läßt sich in den weiter hinten wieder ruhigeren Eisbach abtreiben, sammelt sein Board auf und tritt den Rückweg an. "Des is de beste Flußwelle auf der Welt", sagt er fachmännisch, "des gibt’s nur da in Minga." Der Eisbach sei das beste Training fürs Meer.
Auf der Prinzregentenstraße rast ein Krankenwagen mit Blaulicht vorbei. "Da braucht man schon eine gehörige Portion Stehvermögen", kommentiert eine Touristin aus der Schweiz die Kunststücke des Darstellers. Die grauhaarige ältere Frau schaut mit geröteten Wangen hinunter auf die Bühne. Sie ist begeistert. So was wie hier sei in der Schweiz nur in Wildwasserbächen möglich. Also, Johannes hatte recht: Es ist die beste Flußwelle weit und breit. Jetzt wagt sich ein Anfänger aufs Wasser. Er liegt auf dem Bauch, klammert sich an einem kürzeren und breiteren Brett – dem Boogieboard – fest und stürzt sich ins kalte Naß. Bis er unter der Welle verschwindet, vergehen keine drei Sekunden. Gespannt warten die Zuschauer, ob er auch wieder auftaucht. Ungefährlich ist das Surfen hier nicht. Das Schild "Baden verboten", das 30 Meter weiter am Ufer des Eisbaches aufgestellt ist, weist darauf hin. Vor vier Jahren holten Polizisten drei Surfer ans Ufer. Die Beamten beschlagnahmten die Surfbretter für vier Monate. Auch das Kreisverwaltungsreferat unterstützte diese Aktion: "Surfen ist verboten und kann mit einem Bußgeld von bis zu 10 000 DM geahndet werden."


Polizisten schauen zu
Mittlerweile sei das jedoch nicht mehr so dramatisch, sagt Max, nun nicht mehr barfuß, sondern mit Adiletten. Er hat sich oben zu den Zuschauern gesellt. "Die Polizisten tolerieren’s. De schaugn uns sogar in da Mittagspaus’n zua." Sie hätten vielleicht eingesehen, daß es zwecklos ist, die Surfer von ihrer Lieblingswelle zu trennen, mutmaßt er. Er hat für heute Schluß gemacht. Den Neoprenanzug hat er gegen Jeans und Hemd getauscht. Gesicht, Hände und Füße sind vor Kälte schon blau. Seine Mundwinkel sind nach unten verzogen, die Schultern hängen. Nach siebenstündigem Training resümiert er mißmutig: "I bin heit ned so guad in Form." Doch morgen gleich nach Dienstschluß sei er wieder hier. Der Ritt auf dem Brett ist für ihn mehr als nur ein x-beliebiger Sport wie Volleyball oder Tennis. "Surfen is die Königsdisziplin von Snowboard und Skateboard. Des gibt’s ja scho Jahrtausende und kummt aus Hawaii." Er verstaut seinen Neoprenanzug im Rucksack, packt das Board behutsam in eine silbern glänzende Tragetasche ein, die er schwungvoll schultert, setzt sich auf sein Radl und fährt von dannen.
Die Welle tobt. Thomas holt rotes Klebeband hervor, um sein Board zu tapen. "Die Brettl gehen schnell kaputt", kommentiert er diese Vorsichtsmaßnahme. Er sei bis vor kurzem woanders gesurft. "De andere Welle im Tierpark taugt nix, des is nur was für Anfänger", sagt er. Doch nach einer mißglückten Fahrt gesteht er ein: "Die Tricks hab i no ned drauf. I schaff’s nur bis zur Mitt’n. Die andere Welle is leichter, da kann i a die Drehung." Während Johannes mit der Welle tanzt, erklärt Thomas fasziniert: "Wenn ma’s guad draufhat, is a 360-Grad-Drehung koa Problem." Ein Problem hatte Thomas jedoch vor einigen Wochen. Das Wasser, das hier unter der Prinzregentenstraße rausschießt, sei echt Schrott. "Da werd Abwasser daher umg’leit." Doch auch eine Infektion hat ihn bisher noch nicht vom Surfen abgehalten. Das sei ja nach einer Woche wieder vorbei.
Der Eisbach, 30 Meter von der Bühne entfernt: Das Wässerchen plätschert vor sich hin. Mitten im Bach trudelt Johannes mit seinem Brett. Nach einem gelungenen Auftritt strahlt er. Die weit aufgerissenen Augen glänzen vor Glück. Er hält sein Board in den Armen, steht auf, steigt aus dem Wasser und schreit: "De Welle is genial. Des is a super Gfui, auf dera Welle zu schweb’n." Dr. Sabine Glöser

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