ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2003Behinderte: Kampagnen erfordern Taten

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Behinderte: Kampagnen erfordern Taten

Dtsch Arztebl 2003; 100(14): A-895

Clade, Harald

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LNSLNS Um das Schicksal und die Integration von Menschen mit Behinderungen und von Schwerbehinderten kümmern sich nationale und supranationale Organisationen und Einrichtungen. Auch der Gesetzgeber hat mit der Neukodifizierung des Rehabilitations- und Schwerbehindertenrechtes im neu gefassten Sozialgesetzbuch IX Anstrengungen unternommen, um die soziale Absicherung des Behindertenrisikos, die Versorgung, Integration der Betroffenen und die Transparenz über das Leistungsspektrum zu verbessern. Auch die Europäische Union (EU) will dabei und mit solchen Aktionen nicht nachstehen: Sie hat das Jahr 2003 zum „Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen“ ausgerufen – eine Aktion, die in der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt ist und noch nicht mit Taten und Unterstützung begleitet wird. Aktionen und Kampagnen, entsprechende Öffentlichkeitsauftritte von Politikern und Verbandsfunktionären nützen aber wenig, wenn sie nicht redlich gemeint sind und tatkräftig umgesetzt werden. Mit der EU-Kampagne für dieses Jahr soll unter anderem die Bereitschaft der Unternehmen gefördert werden, Behinderte vermehrt zu beschäftigen. In Deutschland leben mehr als 6,6 Millionen Schwerbehinderte, die zumeist körperlich gehandicapt sind. Sie leiden beispielsweise an Erkrankungen der inneren Organe, des Skeletts oder anderen chronischen Erkrankungen (etwa multiple Sklerose oder Morbus Bechterew). Jeder siebte Schwerbehinderte hat wegen einer geistigen oder seelischen Erkrankung einen „Behindertenausweis“, der ihn zwar nicht stigmatisiert, ihm aber steuerliche und andere finanzielle und vor allem praktische Vorteile verschaffen soll.
Tatsache ist: In Zeiten hoher und lang anhaltender Arbeitslosigkeit haben es Behinderte doppelt schwer, ihren Arbeitsplatz zu behalten oder beruflich reintegriert zu werden. Oftmals sind die Arbeitsplätze zu starr auf Vollerwerbsfähige ausgerichtet und zu unflexibel, um auch Behinderte in Arbeit und Brot zu halten und zu bringen. Noch immer werden Behinderte oftmals bemitleidet, ihre Fähigkeiten dagegen übersehen. Dabei ist es längst erwiesen, dass Behinderte besondere Fähigkeiten entwickeln, um selbstbewusst und durch professionelle Hilfen gefördert ihr Handicap in den Griff zu bekommen und dieses mit Arbeit zu überwinden.
In Wirtschaft und Gesellschaft ist eine Gesinnungsänderung notwendig, um den Behinderten als Mitbürger anzuerkennen und zu fördern. Mit Hilfen könnte eine Vielzahl von Behinderten beschäftigt werden und ihren Intentionen und Fähigkeiten entsprechend ein Arbeitsplatz ausgefüllt werden. Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten sind verpflichtet, einen Teil der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten zu besetzen. Dabei steht der Staat den Betrieben helfend zur Seite – etwa mit Be-
ratungsangeboten, Entgeltzuschüssen oder Beihilfen zu behindertengerechten Arbeitsplätzen. Die Sozialleistungsträger übernehmen die Kosten von behindertengerechten Einrichtungen in den Privatwohnungen und geben Zuschüsse zu Fortbewegungsmitteln. Finanziert werden die betrieblichen Maßnahmen aus der Ausgleichsabgabe, die diejenigen Firmen zahlen müssen, die zu wenig Behinderte eingestellt haben. Die Abgabe beträgt – je nachdem, wie weit die erforderliche Quote verfehlt wurde – 105 bis 160 Euro je Monat und nicht besetztem Pflichtarbeitsplatz. Der Aufwand der Sozialleistungsträger ist enorm und expandiert Jahr für Jahr. Allein die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte gibt in diesem Jahr für Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation mehr als zwei Milliarden Euro aus, oftmals eine lohnende Investition in das Humankapital und gewiss ein wichtiger Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft.
Dr. rer. pol. Harald Clade
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