ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2003Spendenaufruf: Nötige Spritze gegen deutsche Krankheit

BRIEFE

Spendenaufruf: Nötige Spritze gegen deutsche Krankheit

Dtsch Arztebl 2003; 100(14): A-904 / B-764 / C-714

Fend, Jochen

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LNSLNS Auch wenn ich kein eifriger Leserbriefschreiber bin, möchte ich zu den Äußerungen des Kollegen Pillhatsch Stellung nehmen, vor allem nach den Reaktionen der Kolleginnen Heun und Holland-Kunc (Heft 10/2003). Der Ton des Briefes von Herrn Dr. Pillhatsch und der Begriff „Betroffenheits-Irrsinn“ sind sicher provokant. Eine Verhöhnung der Opfer sehe ich aber nicht, sondern lediglich einen Protest gegen die bis zum Überdruss täglich zu hörenden neudeutschen Schuldbekenntnisse und gegen die dazugehörigen Zahlungsorgien, die in ihrem unheiligen Zusammenwirken sowohl geistig als auch materiell ein
wesentlicher Grund für den derzeitigen Tiefstand unseres Landes sind – von der Angst des Staates, gegen Politrandalierer vorzugehen, über den gigantischen Schuldenberg bis zum Fehlen des Selbstbehauptungswillens unseres Volkes. Wer als Staatsbürger und Steuerzahler sieht, wie über die Fixierung auf die Vergangenheit Gegenwart und Zukunft unseres Landes verspielt werden, dem platzt auch schon mal der Kragen, und er formuliert dann provokant. Ist das Wort vom Betroffenheits-Irrsinn wirklich so unpassend? Gehört es nicht in den Bereich der Psychopathologie, wenn ein einziges Land Hunderte von Milliarden Wiedergutmachung in alle Welt leistet, während der Massenmord an Millionen eigener Bürger ungesühnt bleibt? Wenn ein krankhafter Drang die Deutschen dazu führt, die eigenen Kriegsverbrechen in Wort und Bild sich selbst und anderen in schauriger Ausführlichkeit täglich zu demonstrieren, die deutschen Opfer aber möglichst zu verschweigen oder ihre Zahl zumindest zu verringern? Wenn eine einseitige Darstellung der Geschichte schon die Kinder zur Abkehr vom eigenen Volk bis hin zum Selbsthass bringt? Wenn jeder Hinweis auf noch so scheußliche Massenverbrechen an Deutschen mit den Argumenten entkräftet werden soll, man dürfe doch nicht aufrechnen und Deutschland hätte schließlich den Krieg begonnen? Wie aber soll ohne „Aufrechnung“ eine gerechte Beurteilung möglich sein? Oder geht es nur darum, der Deutschen Zahlungsbereitschaft zu erhalten? Diese könnte freilich unter der Erkenntnis, dass die Verbrecher auch woanders saßen, etwas leiden.Und was die von Frau Dr. Holland-Kunc erwähnte deutsche Aggression angeht: Die deutschen Opfer waren in ihrer Mehrzahl so unschuldig wie die in den angegriffenen Ländern. Schuld kann nun mal nur individuell zugemessen werden. Unser aller Meinung ist abhängig von den uns zugänglichen Informationen. Ich habe z. B. wahrscheinlich andere Informationen zu den Gründen, die zum Zweiten Weltkrieg führten, zu den Urhebern des Bombenkrieges zur Terrorisierung der Zivilbevölkerung und auch zum „Überfall“ auf die Sowjetunion als die beiden Kolleginnen. Und ich weiß aus unserer politisch unverdächtigen Regionalzeitung, dass nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs wiederholt ehemalige Zwangsarbeiter aus Osteuropa zu Besuch hierher gekommen sind, um zu Freunden gewordene Deutsche, die eben keine „Herrenmenschen“ waren, wiederzusehen. Zwangsarbeiter wurden nach meiner Kenntnis entweder bezahlt oder nach dem Krieg individuell oder über ihre Staaten von Deutschland entschädigt. Ich halte also den Kollegen Pillhatsch nicht für einen herzlosen Ignoranten, sondern betrachte seinen Brief als eine schon mal nötige Spritze gegen die deutsche Krankheit, auch wenn sie wahrscheinlich nur palliativ wirkt.
Dr. med. Jochen Fend,
Siegstraße 51, 57076 Siegen-Weidenau
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