ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2003Gold in neuem Glanz: Kritiker warnen vor Übertreibungen

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Gold in neuem Glanz: Kritiker warnen vor Übertreibungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(14): A-940

Jobst, Peter

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Während Aktien erneut auf Talfahrt gingen, war Gold der Sieger des
Anlagejahres 2002. Der Irak-Krieg stärkt die Nachfrage nach dem Edelmetall weiter.

Nach einer sensationellen Hausse war es im Jahr 1980 so weit: Der Goldpreis erreichte die 850-US-Dollar-Marke. 1 000 oder sogar 2 000 US-Dollar würden die nächsten Etappenziele sein, waren sich die Goldfans sicher. „Gold schlägt Geld“, schwärmte Paul C. Martin in einem viel beachteten Buch. Dann kam alles anders: Das Ende des Kalten Krieges, die Öffnung des Ostens und nicht zuletzt die immer weiter rückläufige Inflationsrate setzten den Goldpreis unter Druck. Hinzu kamen beachtliche Goldverkäufe der Notenbanken und ein geringerer Bedarf der Industrie. Der Goldpreis brach bis auf 250 US-Dollar je Feinunze ein.
Durchbruch nach dem 11. September 2001
Die Wende kam erst Anfang des Jahres 2001, als die Konjunktur und im Gefolge die meisten Weltbörsen zur bis heute andauernden Talfahrt ansetzten. Gold stieß bei den Anlegern wieder auf wachsendes Interesse. Mit den Terroranschlägen auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 folgte dann der große Durchbruch. Wegen der aufkeimenden Kriegsängste entwickelte sich Gold zum Favoriten der Investoren.
Gegenüber seinen Tiefstständen vor zwei Jahren hat der Unzenpreis mittlerweile mehr als 30 Prozent zugelegt, wobei insbesondere in den vergangenen Wochen zeitweise ein massiver Anstieg festzustellen war.
Hauptgrund der Hausse war die Angst vor einem Irak-Krieg und die Frage nach den Konsequenzen für die Weltpolitik und die Weltwirtschaft. Aber auch der überraschende Rücktritt des amerikanischen Finanzministers Paul O’Neill, und die damit verbundenen Unsicherheiten über die künftige Haltung der US-Notenbank zum Goldpreis werden als potenzielles Indiz für höhere Preise gesehen.
Hinzu kommen markttechnische Faktoren und hier insbesondere das zunehmende „Dehedging“ der Goldproduzenten. Darunter ist die Auflösung von Terminkontrakten zu verstehen, mit denen die Minenbetreiber bisher einen Großteil ihrer künftigen Produktion bereits vorab verkauften, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern und das jetzt deutlich zurückgefahren wird.
Aber auch die freiwillige Vereinbarung von 15 bedeutenden Notenbanken, bis zum Jahr 2004 allenfalls 400 Tonnen jährlich aus Eigenbeständen verkaufen zu wollen, hat dem Markt die Unsicherheit genommen.
Darüber hinaus ist die Charttechnik zu nennen. Nachdem der Goldpreis in den vergangenen Wochen alle wichtigen Chartmarken nach oben gebrochen hat, besteht nach den Regeln dieser Analysemethode durchaus Potenzial für einen weiteren Anstieg.
Kaum marktregulierende Komponenten
Dessen ungeachtet warnen Kritiker allerdings vor Übertreibungen, wie wir sie bereits im Herbst 2000 einmal erlebt hatten. Der Goldpreis könnte wieder deutlich nachgeben, sobald sich die Lage im Mittleren Osten klärt, speziell wenn es doch noch zu einem verhältnismäßig schnellen Ende der Kriegshandlungen kommen könnte – wonach es derzeit nicht aussieht –, warnen sie. Aber auch die „Dehedging“-Maßnahmen der Produzenten, die bisher noch die konjunkturbedingt rückläufige Nachfrage insbesondere aus Indien überkompensiert hatten, laufen in den nächsten Monaten aus. Zudem ist auch das Stillhalteabkommen der Zentralbanken nur noch bis 2004 befristet. Es erscheint nicht sicher, ob sich die Länder mit den größten Goldreserven in Anbetracht des gestiegenen Goldpreises zum Abschluss eines Verlängerungsvertrags bereit erklären werden.
Sollte sich jedoch herausstellen, dass der heutige Goldpreis wegen der fundamentalen Fakten überhöht ist, droht ein schneller Verfall, denn marktregulierende Komponenten, wie etwa an den Wertpapierbörsen, gibt es beim Gold kaum. Allenfalls die Goldproduzenten haben die Möglichkeit, mit einer zurückgenommenen Förderung auf einen möglichen Preisverfall zu reagieren. Im Übrigen unterscheidet sich die aktuelle Goldhausse grundlegend von früheren Entwicklungen: Früher war vorrangig die hohe Inflationsrate preistreibend, heute spielt die Geldentwertung keine Rolle.
Alte Analystenregel
Die Anlage in Gold ist – das haben die vergangenen beiden Jahre gezeigt – eine Möglichkeit, die in bestimmten Phasen interessant sein kann. Zudem kann es als wertvolle Absicherung gesehen werden, wenn der Weltfrieden gefährdet ist. Andererseits sollten Anleger auch nicht übertreiben: Wer jetzt – wie von manchen Goldfans vorgeschlagen – beträchtliche Teile seines Vermögens in der Hoffnung auf eine Fortsetzung der Hausse in Gold oder auch Goldminenaktien umschichtet, geht beträchtliche Risiken ein.
Es läuft alles auf die alte Analystenregel hinaus, nach der Gold und vergleichbare Sachwerte zwischen fünf und zehn Prozent des Vermögens ausmachen sollten – nicht weniger, aber auch keinesfalls mehr.
Peter Jobst
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