ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2003Gesundheitsreform: Schlechte Alternative

EDITORIAL

Gesundheitsreform: Schlechte Alternative

PP 2, Ausgabe April 2003, Seite 145

Bühring, Petra

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LNSLNS Der Rohentwurf des „Gesundheitsmodernisierungsgesetzes“ zur Reform des Gesundheitswesens (siehe Seiten 151 und 152) bringt nicht nur für Fachärzte, sondern auch für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gravierende Veränderungen – wenn es dabei bleibt. Der Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) soll sich nach den Vorstellungen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums nämlich nur noch auf die hausärztliche Versorgung beschränken. Dazu gehören Allgemeinärzte, Kinderärzte, Gynäkologen und Augenärzte. Psychotherapeuten und Fachärzte, sofern sie bereits zugelassen sind, können freiwillig die Kollektivverträge der KVen verlassen, um Einzelverträge mit den Krankenkassen abzuschließen – dann gibt es jedoch kein Zurück mehr. Neue Psychotherapeuten und Fachärzte sollen nur noch über Einzelverträge mit den Kassen an der ambulanten Versorgung teilnehmen können. Eine reguläre Zulassung ist nicht mehr vorgesehen. Für Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten ist die Zulassung gleichermaßen auf fünf Jahre begrenzt. Die Verlängerung ist von dem Nachweis einer „unabhängigen qualitätsgesicherten Fortbildung“ abhängig.
Erste Reaktionen machten deutlich, dass die Psychotherapeuten mit der möglichen Abgabe des Sicherstellungsauftrags an die Krankenkassen nicht glücklich sind. „Die bisherigen Erfahrungen mit den Kassen stimmen skeptisch“, sagt Jürgen Doebert, der die mit Ärzten und Psychologen „gemischten“ psychotherapeutischen Berufsverbände vertritt, gegenüber PP. Er sieht das Kollektivvertragssystem als „den besten Schutz“ für die Psychotherapeuten, die er in Verhandlungen mit den Kassen für „nicht sehr schlagkräftig“ hält. „Der Verteilungskampf um das Geld wird in die Berufsverbände hineingetragen“, schätzt Doebert. Keine guten Aussichten, gerade auch aufgrund der sehr heterogenen Struktur der Psychotherapeutenlandschaft. Bestimmen die Kassen auch die Modelle der Qualitätssicherung psychotherapeutischer Leistungen, ist für Doebert klar: „Das wird in Wirklichkeit eine Mengensteuerung sein.“
Auch Hans-Jochen Weidhaas, Vorsitzender der Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten e.V., macht sich keine Illusionen, dass die Honorare der Psychotherapeuten durch Direktverträge mit den Kassen besser würden. „Die Verhandlungen werden kein Spaziergang“, sagt er. Doch er glaubt nicht daran, dass der Entwurf des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes in der jetzigen Form durchkommt. Weidhaas setzt noch auf das „Drei-Säulen-Modell“, eine Sektionierung der KVen in Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten (siehe auch PP 3). Sollte sich das wettbewerbliche Modell jedoch durchsetzen, sei sein Verband auch darauf vorbereitet.
Rund vier Jahre nach In-Kraft-Treten des Psychotherapeutengesetzes fühlen sich die Psychotherapeuten als neue Berufsgruppe zwar immer noch nicht richtig in die Strukturen der KVen integriert, doch den Sicherstellungsauftrag an die Krankenkassen abzugeben, erscheint keine gute Alternative. Das bietet Chancen für eine weitere Annäherung.
Petra Bühring

„Der Verteilungskampf um das Geld wird in die Berufsverbände hineingetragen.“

Erste Reaktionen machten deutlich, dass die Psychotherapeuten mit der möglichen Abgabe des Sicherstellungsauftrags an die Krankenkassen nicht glücklich sind.

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