ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2003Sexualstraftäter im Maßregelvollzug: Medien verstärken Kriminalitätsfurcht

POLITIK

Sexualstraftäter im Maßregelvollzug: Medien verstärken Kriminalitätsfurcht

PP 2, Ausgabe April 2003, Seite 161

Bühring, Petra

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LNSLNS Obwohl die Zahl der Sexualstraftaten in den letzten dreißig Jahren zurückgegangen ist, nimmt die Zahl der Einweisungen in den Maßregelvollzug zu. Einfluss darauf hat auch die Medienberichterstattung.

Die Situation im Maßregelvollzug (MRV) ist trostlos. Die meisten Kliniken für forensische Psychiatrie sind überfüllt. Gegen den Bau neuer Kliniken setzen sich Bürgerinitiativen zur Wehr. Die Zahl der Verurteilungen nach § 63 StGB (Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus) und § 64 StGB (Entziehungsanstalt) hat seit Mitte der Neunzigerjahre drastisch zugenommen, die Zahl der Neuunterbringungen hat sich vervielfacht. Gestiegen ist auch die durchschnittliche Verweildauer. Neue gesetzliche Regelungen machen eine Entlassung aus dem MRV immer schwieriger. „Heute müssen die psychiatrischen Kliniken sich rechtfertigen, wenn sie einen Patienten aus dem Maßregelvollzug entlassen, in den 80er-Jahren bestand dagegen der Eindruck, dass zu viele dort säßen“, berichtete Landesrat Dr. Wolfgang Pittrich, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, auf der 18. Eickelborner Fachtagung für Forensische Psychiatrie vom 5. bis 7. März rückblickend. Der Schutz der Öffentlichkeit sei seit 1995 in den Vordergrund getreten, Behandlung und Rehabilitation dagegen in den Hintergrund.
In Deutschlands größter Klinik für psychisch kranke Straftäter, dem Westfälischen Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt-Eickelborn (WZFP), wird der Sicherheitsaspekt für jeden durch die meterhohen Sicherheitsglasmauern sichtbar, die die psychisch kranken Straftäter abschirmen. Dafür gesorgt hatte unter anderem der Druck der Bevölkerung, nachdem ein Insasse 1994 ein Mädchen in Eickelborn vergewaltigt und ermordet hatte. Das WZFP hat eine Überbelegung von 47 Plätzen zu verzeichnen und steht „vor einer neuen Welle an Zuweisungen“, erklärte der leitende Arzt, Dr. med. Michael Osterheider.
Im Jahr 1974 waren in den alten Bundesländern 310 Straftäter nach § 63 StGB verurteilt, bis 1994 stieg die Zahl auf 334, 1995 stieg sie sprunghaft auf 510, um bis 2001 auf 790 anzuwachsen. Für den Anstieg seit Mitte der 90er-Jahre gibt es kaum rationale Erklärungen. Denn die Polizeistatistiken belegen, dass die Zahl der Sexualmorde in den vergangenen 30 Jahren deutlich zurückgegangen ist. Zugenommen habe jedoch die „Kriminalitätsfurcht“ der Bevölkerung, sagt Prof. Dr. Norbert Leygraf, Institut für Forensische Psychiatrie der Universität Essen, die verstärkt werde durch die Berichterstattung der Medien. Nach dem Verschwinden eines Kindes bauten die Medien „eine Dramaturgie auf, die über Wochen hinweg die Schlagzeilen beherrscht“, sodass der diffuse Eindruck entstehe, es handele sich um zehn Morde.
Schlagzeilen in der Boulevardpresse wie „Das Monster schlägt zu“ oder „Skandal: Warum durfte er wieder auf die Straße?“ verstärken die Kriminalitätsangst der Bevölkerung. Sie wirken auch auf Menschen, die nicht betroffen sind. „Die Medien verstärken die subjektiven Faktoren der Angst“, meint Martin Klingst, politischer Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. Schreckliche Nachrichten, wie zuletzt der Kinderpornoring im Saarland, werden im ganzen Land verbreitet – viele Menschen seien dadurch nicht mehr in der Lage, zwischen eingebildeten und tatsächlichen Bedrohungen zu unterscheiden. Diese subjektiven Ängste hält Klingst längst für „einen Machtfaktor in der Politik“. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich diese Ängste zunutze gemacht, als er im Juli 2001, nach dem Sexualmord an einem Mädchen, populistisch in der „Bild am Sonntag“ forderte: „Wegschließen – und zwar für immer.“
Das Problem vieler Artikel über den Maßregelvollzug ist, dass sie selten die Gesamtwirklichkeit widerspiegeln, denn „alle werden in einen Topf geworfen: Exhibitionisten, Pädophile, Alkoholiker und Sexualstraftäter“. Die Berichterstattung trägt daher meist wenig zur Aufklärung bei, sondern steigert in erster Linie die Auflage. Denn viele Menschen wollen solche Geschichten lesen – und wollen sie vor allem in Schwarz-Weiß-Manier mit dem Täter als „Bestie“. Wer umsichtiger schreibe, werde in Leserbriefen sofort „mit der kochenden Volksseele“ konfrontiert, weiß Journalist Klingst. Dabei wird verdrängt, dass wesentlich mehr Kinder von ihren Eltern missbraucht und ermordet werden.
Doch auch „das Heilsversprechen ,Sicherheit durch Therapie‘ sei zu vollmundig gewesen“, wandte sich Klingst an die Tagungsteilnehmer. Jeder Therapie sind Grenzen gesetzt, und ein Restrisiko kann kein psychiatrischer Sachverständiger ausschließen. Trotzdem kann es nicht angehen, alle Straftäter „für immer wegzusperren“ – auch wenn ein neues Gesetz und neue Gesetzesvorhaben zur Sicherungsverwahrung es immer schwieriger machen, jemals wieder freizukommen. Petra Bühring
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