ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2003Hausarztstudie zur Nikotinentwöhnung: Therapie nur bei jedem zehnten Patienten

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Hausarztstudie zur Nikotinentwöhnung: Therapie nur bei jedem zehnten Patienten

PP 2, Ausgabe April 2003, Seite 169

Lenze, Susanne

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LNSLNS Ärzte sehen mangelnde Motivation bei nikotinabhängigen Patienten.

Die Behandlung von Nikotinabhängigkeit spielt in der hausärztlichen Versorgung eine eher untergeordnete Rolle. Mehr als 25 Prozent aller Raucher werden in der Allgemeinarztpraxis nicht als Zigarettenkonsumenten erkannt. Nur jeder zweite Raucher wird vom Arzt auf eine Rauchentwöhnung angesprochen, und nur bei jedem zehnten wurde ein Therapieversuch unternommen. „Ein ernüchterndes Ergebnis“, sagte Prof. Dr. phil. Hans-Ulrich Wittchen bei einer Veranstaltung von GlaxoSmithKline in Berlin.
Wittchen ist Leiter des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden (TU). Er stellte die weltweit größte Hausarzt-Studie SINACS (Smoking and Nicotine Dependence Awareness und Screening) zum Thema Nikotinabhängigkeit vor. Hier sollte untersucht werden, wie viele Patienten von Hausärzten rauchen und welche Entwöhnungsmethoden bevorzugt werden. Für die Untersuchung mit dem Titel „Raucherentwöhnung beim Allgemeinarzt – Anspruch und Wirklichkeit“ wurden im Frühjahr dieses Jahres in 813 Hausarzt-Praxen an 28 707 Patienten Fragebögen zu Rauchgewohnheiten verteilt.
Demnach gab rund ein Drittel der Patienten an, niemals geraucht zu haben. Etwa 29 Prozent der Befragten wiesen sich als Raucher aus, 22 Prozent von ihnen rauchten gelegentlich, die Übrigen regelmäßig mindestens eine Zigarette täglich. Etwa 16 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen in der Allgemeinarztpraxis weisen ein klinisch bedeutsames Abhängigkeitssyndrom nach DSM-IV, dem Diagnosesystem der American Psychiatric Association, auf. Jeder zweite Hausarzt sah bei Patienten eine geringe Aufgeschlossenheit zur Raucherentwöhnung. Zu den bevorzugten Interventionen der Ärzte zählten Beratung und Motivierung (52 Prozent) und eine medikamentöse Therapie (24 Prozent).
Bei abhängigen Rauchern „ist die Bereitschaft zum Aufhören sehr hoch“, berichtete Diplom-Psychologin Eva Hoch, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Institutsambulanz und Tagesklinik für Psychotherapie der TU Dresden. Kritisch beurteilt sie die Patientensicht zur Raucherentwöhnung: „Aufhören ja – aber nicht sofort“, ist eine häufige Reaktion. „Die meisten Befragten hatten bereits öfter versucht, mit dem Rauchen aufzuhören – 40 Prozent aus gesundheitlichen Gründe und 25 Prozent wegen der hohen Kosten.“ Als Ursache für das Scheitern gab nahezu die Hälfte der Befragten an, „es einfach nicht geschafft zu haben“. Rund 24 Prozent nannten eine „starke Verführung in der Freizeit“.
Wenig Zeit und Honorar
Etablierte Entwöhnungsmethoden oder Nikotinersatz wurden von den Patienten selten ausprobiert. Verordnen Ärzte jedoch ein Medikament zur Raucherentwöhnung, dann bevorzugen 77 Prozent Bupropion, heißt es in der Studie. Was hindert die Ärzte, mehr Raucherentwöhnungsprogramme anzubieten oder Patienten auf ihren Nikotinkonsum anzusprechen? Einige Aussagen: „zu wenig Zeit im Praxisalltag“ und „das Problem einer adäquaten Honorierung“. Eine weitere Barriere ist die fehlende Fortbildung. Nur jeder zweite Arzt nahm an einer entsprechenden Schulung teil, und nur zehn Prozent besuchten Fortbildungen mit praktischen Übungen. Susanne Lenze
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