ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2003Irak-Krieg: Den Hilfsorganisationen fehlt Geld

THEMEN DER ZEIT

Irak-Krieg: Den Hilfsorganisationen fehlt Geld

PP 2, Ausgabe April 2003, Seite 170

Lenze, Susanne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
In der jordanischen Stadt Al-Ruweishid, etwa 60 Kilometer westlich der irakischen Grenze, haben Hilfsorganisationen eine Zeltstadt errichtet und warten auf Flüchtlinge. Foto: ap
In der jordanischen Stadt Al-Ruweishid, etwa 60 Kilometer westlich der irakischen Grenze, haben Hilfsorganisationen eine Zeltstadt errichtet und warten auf Flüchtlinge. Foto: ap
Humanitäre Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ befürchten, dass die USA nach Beendigung der Kämpfe die Hilfsaktionen für die irakische Bevölkerung kontrollieren wollen.

Was viele befürchtet haben, ist eingetreten: Der Krieg gegen den Irak scheint nicht von kurzer Dauer zu sein. Genaue Zahlen über Tote und Verletzte gibt es derzeit nicht. Auch von größeren Flüchtlingsströmen ist noch nichts bekannt. Nur so viel ist sicher: In Basra, mit 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt im Irak, ist die Wasser- und Stromversorgung weitgehend zusammengebrochen. Insgesamt sind etwa 10 Millionen Menschen, vor allem in den großen Städten Bagdad, Mosul und Basra, von der Versorgung abgeschnitten, sagte Heribert Röhrig von der „Aktion Deutschland Hilft“ (ADH) bei einer Pressekonferenz Ende März in Berlin. Die Helfer sind sich einig: Dauert die Situation an, droht dem Irak eine humanitäre Katastrophe.
Das Hilfsbündnis ADH hat sich vor neun Monaten im Zuge der Flutkatastrophe in Ostdeutschland gegründet. Nun setzen sich Malteser, ADRA Deutschland, Help, Arbeiterwohlfahrt, Care, Arbeiter-Samariter-Bund, World Vision, der Paritätische Wohlfahrtsverband sowie die Johanniter gemeinsam für Flüchtlinge aus dem Irak ein. Dabei kümmert sich ADH vorwiegend um die Trinkwasser- und Medikamentenversorgung.
Für das Ausbleiben der Flüchtlinge gibt es mehrere Erklärungen. „Die meisten Iraker haben kein Geld, einen Bus oder ein Sammeltaxi zu chartern, wenige besitzen ein Auto, um die Nachbarstaaten zu erreichen“, sagte Uli Post, Sprecher der Deutschen Welthungerhilfe in Bonn, dem Deutschen Ärzteblatt. Die Deutsche Welthungerhilfe kümmert sich hauptsächlich um die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Durch das Embargo, das am Ende des zweiten Golfkriegs verhängt wurde, ist die Bevölkerung völlig verarmt. Die Ernährungssituation ist entsprechend schlecht. „16 Millionen Iraker – 60 Prozent der Bevölkerung – sind auf das Progamm ,Nahrungsmittel für Öl‘ angewiesen“, betonte Röhrig. Nach ADH-Angaben reichen die Vorräte noch vier Wochen. Drei Millionen Kinder seien ohnehin schon chronisch unterernährt.
Bevor die Kämpfe nicht beendet sind und die Kriegsparteien einen „humanitären Raum“ freigegeben haben, kann es keine Hilfe geben, erklärte Dr. Wolfgang Jamann von World Vision Deutschland e.V. Dennoch bereiten sich die Organisationen auf die Versorgung von etwa 300 000 Flüchtlingen in entsprechenden Lagern vor. „Die Verein-
ten Nationen rechnen mit mindestens 600 000 Betroffenen“, sagte ADH-Vertreter Röhrig. „Wenn die Kämpfe vorbei sind, werden die UN-Mitgliedstaaten gebeten, ihre Beiträge zu erhöhen; die Europäische Union habe bereits eine Unterstützung von 21 Millionen Euro zugesagt“, erklärte Post.
Für die ADH sind zurzeit 30 internationale Helfer mit dem Aufbau der Lager in den Grenzstaaten beschäftigt. Auch für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ sind 30 internationale Mitarbeiter an den Grenzen des Irak tätig. „Ein Team von sechs Leuten arbeitet zurzeit noch
in Bagdad“, sagte Kattrin Lempp, Sprecherin von „Ärzte ohne Grenzen“ in Berlin. Sorge bereitet ihr die Koordination der humanitären Hilfe nach Kriegsende. Für sie wäre es „absolut inakzeptabel“, wenn die USA als Kriegspartei die humanitäre Hilfe steuern will. Dies widerspreche dem Grundsatz der Unabhängigkeit humanitärer Hilfe, verdeutlichte Lempp ihre Kritik. Sie befürchtet, dass die Hilfsorganisationen ohne die Koordinierung durch das US-amerikanische Militär keinen Zugang zu den Flüchtlingen erhalten werden. Lempp erinnerte in diesem Zusammenhang an die Ankündigung der USA, mit Ausnahme des Internationalen Roten Kreuzes keine Hilfsorganisation zu dulden.
Die finanzielle Lage der Helfer sieht ebenfalls wenig rosig aus. „Noch ist das Spendenbewusstsein in der Bevölkerung nicht sehr ausgeprägt“, bedauerte Röhrig. Dies bestätigte auch das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) in Berlin. Das DZI vergibt ein Spenden-Siegel, das den Spendenwilligen als Entscheidungshilfe dienen soll. In einem Bulletin sind alle positiv gewerteten Organisationen aufgelistet. Es kann schriftlich beim DZI, Bernadottestraße 94, 14195 Berlin, Telefon 0 30/83 90 01-0, gegen drei 55-Cent-Briefmarken angefordert werden. Die Informationen können auch im Internet unter www.dzi.de abgerufen werden. Susanne Lenze
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema