ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2003Therapeutischer Misserfolg: Dialektisch denken

WISSENSCHAFT

Therapeutischer Misserfolg: Dialektisch denken

PP 2, Ausgabe April 2003, Seite 174

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Der Misserfolg von Psychotherapien wird meist totgeschwiegen: Die Gründe sind vielfältig. Die Autoren untersuchten das Scheitern aufgrund früherer Traumatisierung.

Rund fünf Prozent aller Psychotherapien schlagen in der Regel fehl. Dies scheint auf den ersten Blick wenig zu sein. Hochgerechnet auf Deutschland ergeben sich bei etwa 19 000 Psychotherapeuten jedoch mindestens 38 000 Misserfolgsfälle im Jahr (nach dem Stand von 1996). Die Zahl der misslungenen Therapien geht also in die Tausende, und doch wird das Thema meistens totgeschwiegen. Kaum ein Wissenschaftler oder Therapeut bringt den Mut auf, einen Misserfolg einzuräumen, zu analysieren und andere Therapeuten oder Patienten durch eine Fachpublikation über seine Erfahrungen zu informieren. Dabei ließe sich gerade aus misslungenen Interventionsversuchen nicht nur vieles lernen, sondern die Wiederholung derselben Fehler künftig vermeiden.
Vorstoß gegen das Tabuthema
Am Kölner Universitäts-Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie unter der Leitung von Prof. Dr. Gottfried Fischer wurde jetzt das Tabuthema „therapeutischer Misserfolg“ angegangen – kein leichtes Unterfangen, denn mit dem Misserfolg einer Therapie setzt sich kaum jemand gerne auseinander, weder die Therapeuten noch die Patienten. Eine Studie der Trierer Pädagogin Dr. Claudia König-Fuchs wies nach, dass Therapeuten den Erfolg einer Psychotherapie in der Regel für sich beanspruchen, für den Misserfolg hingegen störende Umweltfaktoren oder die Patienten verantwortlich machen. „Der Misserfolg findet statt, aber ohne den Therapeuten“, beschreibt König-Fuchs die typische Reaktion von Therapeuten. Die Patienten hingegen erklären sich sowohl den Erfolg als auch den Misserfolg mit der Person und der Methode des Therapeuten. Therapeuten und Patienten übersehen dabei jedoch, dass für Erfolg oder Misserfolg meist nicht einer allein verantwortlich ist, sondern oft mehrere Ursachen zusammenwirken.
Zu den Risikofaktoren für therapeutischen Misserfolg zählen beispielsweise ein großer Altersunterschied zwischen Therapeuten und Klienten und in manchen Fällen das Geschlechterverhältnis. Außerdem wirkt es sich ungünstig aus, wenn Patienten den Therapeuten als unecht, feindselig, narzisstisch, kalt oder als zu distanziert empfinden. Ganz problematisch ist auch zu viel Nähe, vor allem, wenn sich daraus ein stark erotisches Klima und eine Intimbeziehung entwickeln.
Daneben scheinen psychische Probleme, die zum Beispiel infolge einer Traumatisierung auftreten, eigenen Gesetzen zu folgen. Werden diese nicht erkannt, können sie zum Scheitern einer Therapie beitragen. Zu diesem Ergebnis kamen die Autoren nach einer qualitativen Analyse von sieben Interviews, die sie mit teilweise stark traumatisierten Psychotherapiepatienten geführt hatten. Sämtliche Patienten waren mit der Therapie unzufrieden und hatten sie vorzeitig beendet. Bei der Auswertung der Interviews konzentrierten sich die Autoren vor allem auf die therapeutische Beziehung und ihre Entwicklung. Sie erachteten eine Therapie dann als gescheitert, wenn sich die Symptome verschlechterten oder wenn sich weitere Störungen einstellten.
Die Autoren stellten fest, dass die Therapeuten der befragten Patienten zumeist bemüht waren, der Symptomatik entgegenzuwirken und unmittelbar eine Entlastung von den Beschwerden zu schaffen. „Dabei wird jedoch leicht die Systemlogik der Symptome und Beschwerden übergangen“, betonte Fischer. Dies führt dazu, dass die Systemlogik, die sich beispielsweise im Zwang zur Wiederholung eines Traumas äußert, irgendwann zurückschlägt und teilweise sogar zur Retraumatisierung oder erneuten Neurotisierung der Patienten führt. Um diese unerwünschten Folgen zu verhindern, raten die Autoren zu einem dialektischen Denken. So bewirkt beispielsweise ein Trauma die Aufspaltung von Beziehungsschemata in die Pole „entweder – oder“.
Frühwarnsystem verfeinern
Der Therapeut darf jedoch nicht die eine oder andere Seite der aufgespaltenen Polarität unterstützen, sondern muss eine „Weder-Noch“-Haltung einnehmen. Damit könnten die aufgespaltenen Beziehungsschemata dekonstruiert und die Traumata dialektisch aufgehoben werden, und der Weg wäre frei für einen lebensgeschichtlich neuen Anfang. Um hierbei systematisch vorzugehen, haben die Autoren ein „Polaritätenquadrat“ entwickelt, das mögliche Risiken aufzeigt und dabei hilft, eine konstruktive therapeutische Haltung festzulegen. Die Autoren erhoffen sich damit, „ihre therapeutische Wahrnehmung zu erweitern und ihr Frühwarnsystem zu verfeinern“.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Fischer G, Scharrelmann D, Bering R: Von der Logik des Misslingens zur Logik des Erfolgs in der Psychotherapie – Lernen aus Forschungsergebnissen und klinischer Erfahrung. Psychotraumatologie 2002; 3: 40 (im Internet).
König-Fuchs C: Therapeutischer Erfolg und Misserfolg. Kausalattributionen von Therapeuten, Klienten und Supervisoren. Europäische Hochschulschriften, 1991, Reihe 6, Psychologie, Band 336.

Ansprechpartner
Prof. Dr. Gottfried Fischer, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Zülpicher Straße 45, 50923 Köln, E-Mail: gottfried.fischer@uni-koeln.de
Dr. med. Dipl.-Psych. Robert Bering, Zentrum für Psychotraumatologie Alexianer-Krankenhaus Krefeld, E-Mail: robert.bering@uni-koeln.de
Dagmar Scharrelmann, Dipl.-Psych., Am Heiligenhäuschen 1,
40545 Düsseldorf, Telefon: 02 11/57 09 99
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