ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2003Psychoonkologie: Die seelische Haltung beeinflusst die Krebstherapie

WISSENSCHAFT

Psychoonkologie: Die seelische Haltung beeinflusst die Krebstherapie

PP 2, Ausgabe April 2003, Seite 175

Schneider, Andrea

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LNSLNS Psychoonkologie hilft Krebspatienten und deren Angehörigen bei
der Bewältigung der Erkrankung. In deutschen Kliniken ist die Zahl der
Psychoonkologen jedoch nach wie vor gering.

Das Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.“ Vielleicht hat sich Christian Morgenstern mit diesem Satz einst selbst Mut gemacht, denn der Übersetzer und Dichter litt seit seiner Jugend an Tuberkulose. Gerade 42 Jahre alt, starb er 1914 in Meran. Die Krankheit, so formulieren es seine Biografen, war Morgensterns Ansporn, das Gefühl zu leben, ständig neu zu entdecken, nach dem Lebenssinn zu suchen.
An die Stelle der Tuberkulose, einst Geißel der Menschheit, sind Krebserkrankungen getreten. 340 000 Menschen allein in Deutschland erkranken pro Jahr neu an Krebs. Mehr als 210 000 Menschen sterben jährlich daran. Zwar sind mit den Fortschritten der Medizin die Überlebenschancen gestiegen. Doch die Diagnose Krebs wirft Zukunftsentwürfe über den Haufen, zwingt gerade noch agile Menschen in flehendes Warten. Aber auch bei einer erfolgreichen Therapie bleibt die Angst vor dem erneuten Ausbruch der Krankheit. „Ein Gefühl, ausgeliefert zu sein“, sagt Prof. Dr. Volker Tschuschke, Arbeitsgruppe Medizinische Psychologie, Institut und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik an der Universität zu Köln. „Für die Betroffenen bricht alles zusammen.“
Tschuschke ist einer der wenigen deutschen Forscher in der Psychoonkologie, einer jungen wissenschaftlichen Disziplin, die sich mit den psychosozialen Faktoren der Krebsentstehung und
-bewältigung auseinander setzt. In seinem Buch „Psychoonkologie“ fasst er den Stand der Diskussion zusammen (1): Es gibt keine Anhaltspunkte für eine Verbindung zwischen Depression, manifester Trauerreaktion beziehungsweise Stress und dem Ausbruch einer Krebserkrankung. Hingegen weist Tschuschke auf eine Wechselwirkung zwischen sozioökonomischem Status und verschiedenen Krebserkrankungen hin. Provozierend könne man zusammenfassen: „Armut macht krank.“ Wissenschaftler in den USA hätten nachgewiesen, dass die Hauptrisikofaktoren für Brust- beziehungsweise Darmkrebs – neben einem genetischen Risiko – in fettreicher, faserarmer Ernährung, Rauchen und geringer sportlicher Betätigung lägen, was in niedrigen sozialen Schichten verstärkt anzutreffen sei. Gewiss scheint zudem, nach der Beurteilung von Tschuschke, eine Wechselwirkung zwischen Persönlichkeitstypus und Erkrankung zu sein. Wer seinen Ärger unterdrückt, zurückhält und überangepasst lebt, muss zwar nicht früher erkranken, hat aber nur geringe Möglichkeiten, die notwendigen psychischen Kräfte zu mobilisieren, um mit einer Erkrankung kämpferisch umzugehen. Hier setzt die Psychoonkologie mit der psychologischen Betreuung von Krebspatienten an.
Als Mutter der Psychoonkologie gilt die US-Amerikanerin Dr. Jimmie Holland. 1977 begann sie im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York mit ihrer Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis die psychologische Betreuung von Krebspatienten Nachahmer fand. Mittlerweile verfügt in den USA jede onkologische Klinik über psychoonkologische Dienste.
Gegen einseitig psychosomatische Behandlung
Therapie für Krebspatienten in Deutschland hingegen bedeutet in den meisten Fällen immer noch eine ausschließlich somatische Behandlung. Der medizinische Psychologe Tschuschke ist gegen die einseitig somatische Behandlung. Denn die seelische Haltung und Verfassung eines Patienten könne die Wirksamkeit der Krebstherapie beeinflussen. Wer sich aufgibt, habe geringere Chancen, Behandlung und Krankheit zu überleben, als so genannte Kämpfernaturen. Doch geht es Tschuschke nicht um Lebensverlängerung um jeden Preis. Das Wort Lebensqualität steht im Mittelpunkt seines Denkens. Wer in der Lage sei, das Schicksal und auch das nahende Ende des Lebens zu akzeptieren, könne das restliche Leben möglicherweise intensiver führen.
Auch für Tschuschke hat sich vieles verändert. Die Betreuung von Krebspatienten sei immer auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod und der eigenen Endlichkeit, sagt er. „Ich lebe bewusster und dankbarer, und ich habe gelernt, Probleme, die mich früher belastet hätten, als unwesentlich wahrzunehmen.“
Den Tod als Teil des Lebens, sogar als Geschenk zu betrachten, entspricht nicht den heutigen gesellschaftlichen Anforderungen, die auf Jugend, Aktivität, Frische und Funktionieren setzen. Wer lebensbedrohlich erkrankt, funktioniert nicht mehr und empfindet sich womöglich als Last für die Gesellschaft. Gerade in Krankenhäusern hat Tschuschke ein Ausklammern des Todes diagnostiziert. Zunehmend schieben Ärzte die Sterbebegleitung ihrer Patienten an das Pflegepersonal ab. Den Existenz-Philosophen Martin Heidegger im Hinterkopf, könnte man mit psychoanalytischer Grundhaltung davon sprechen, dass fast alles an den vielen Aktivitäten des Lebens die Flucht vor der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit, der Begrenztheit des eigenen Lebens sei, so Tschuschke. „Leben ist ein Sein zum Tode“, postuliert Heidegger. Psychoanalytiker würden angesichts der vielen gesuchten Aktivitäten und „Kicks“ von einer Vermeidungshaltung und eigentlich einer Flucht vor der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Sein sprechen. Wie alles im Seelischen schafft erst die Bewältigung der eigenen Ängste, eben die Anerkenntnis der Endlichkeit als zum Sein zugehörig, die Auseinandersetzung mit der Todesangst, die Voraussetzung für ein intensiv zu lebendes Leben. Das ist die Lektion, die man von vielen Krebsüberlebenden lernen kann, betonte Tschuschke. Diese Menschen zeigten meist eine Entspanntheit und Erlebensintensität, wie sie selten vorkomme. Nicht unbegründet sprächen die meisten völlig unabhängig voneinander von einem „ganz anderen Leben“, das sie nun führten: andere Ziele, mehr Intensität im Hier und Jetzt, mehr Dankbarkeit, mehr Zufriedenheit. Das ist einer der Ansatzpunkte der Psychoonkologie: Betroffenen und ihren Angehörigen zu helfen, wann immer sie Hilfe benötigten, bei der Bewältigung der Diagnose, bei der Begleitung der Behandlungsmaßnahmen und bei der Verarbeitung in der Zeit danach.
Das Wort Psychotherapie hört Tschuschke im Zusammenhang mit der Betreuung von Krebspatienten nicht gerne. Lieber spricht er von „Bewältigungshilfen“. Denn schließlich ginge es nicht um die Freilegung vergangener Konflikte, sondern um konkrete Hilfen, die es den Patienten ermöglichten, mit ihrer aktuellen Angst umzugehen.
Fast jeder achte Patient erlebe mit der Diagnose Krebs eine Traumatisierung. „Es müssen spezielle Traumatherapien her, weil sich der Körper sonst nicht gegen die Erkrankung wehren kann.“ Traumatherapien, wie sie den Opfern von Bahnunglücken oder Entführungen gewährt werden.
Psychoonkologen haben mit großen Akzeptanzproblemen zu kämpfen. In „Kleinarbeit“ versuchten Tschuschke und seine Kollegen, den Weg über die Behandler zu den Patienten zu finden. Wohl wissend, dass die erfolgreiche Unterstützung der somatischen Therapie, die von der Psychoonkologie ausgeht, immer mehr Türen öffnen wird. Die ersten Hürden sind inzwischen genommen. Vor allem die jüngere Ärztegeneration, so Tschuschke, zeige sich den psychoonkologischen Erkenntnissen zunehmend aufgeschlossen gegenüber. Nach wie vor jedoch ist die Zahl der Psychoonkologen in den onkologischen Abteilungen der deutschen Kliniken gering.
Hoffnungsvoller Ansatz
„Wir müssen uns fragen, was uns ein menschliches Leben wert ist“, sagt Tschuschke. Das meint er durchaus pekuniär. Denn gar nicht gewiss sei, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen, wenn Patienten nach der Diagnoseeröffnung auf der Suche nach Hilfe in einer psychotherapeutischen Praxis vorsprächen. Grundsätzlich gehören psychoonkologische Interventionen nicht zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. In Zukunft wird sich für Brustkrebs-Patientinnen daran im Rahmen der Disease-Management-Programme (DMP) etwas ändern. DMP bei Mammakarzinom trat am 1. Juli 2002 in Kraft und sieht vor, dass betroffene Frauen psychoonkologisch vom Hausarzt besser betreut werden. Eine gezielte Aus- und Weiterbildung in der Psychoonkologie für Ärzte und Psychologen ist hierfür erforderlich. Andrea Schneider

Literatur
Tschuschke V: Psychoonkologie – Psychologische Aspekte der Entstehung und Bewältigung von Krebs. Stuttgart: Schattauer 2002.
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