ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Hepatotoxizität durch Kava-Kava: Mehr Sachlichkeit

MEDIZIN: Diskussion

Hepatotoxizität durch Kava-Kava: Mehr Sachlichkeit

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-1007 / B-843 / C-788

Loew, Dieter

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LNSLNS Nichts verwirrt und verunsichert die Bevölkerung mehr als Schlagzeilen über Katastrophen in der Laienpresse sowie Ärzte und Patienten über schwerwiegende Nebenwirkungen mit tödlichem Ausgang in der medizinischen Fachpresse. Vielfach handelt es sich um ephemere Mitteilungen, die dem Autor den Ruf eines kritischen Sachverwalters einbringen. Überprüfungen und Widerlegungen bedürfen längerer Zeit, sind unpopulär, werden als einseitig bewertet und sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr aktuell. Dies trifft auf die voreilige und sachlich nicht in allen Fällen nachvollziehbare Entscheidung des BfArM vom 14. Juni 2002 zu, die Zulassung von anxiolytisch wirkenden Kava-Extrakten mit sofortigem Vollzug wegen schwerwiegender hepatotoxischer Wirkungen zu widerrufen. Deshalb ist der Artikel von R. Teschke nach sorgfältiger Recherche, objektiver und fachspezifischer Beurteilung des Risikos und klaren Empfehlungen zur Anwendung von Kava-Extrakten zu begrüßen.
Bei Überprüfung des Sachverhaltes ergeben sich zahlreiche Ungereimtheiten zur Auffassung des BfArM. Der Nutzen von Kava-Extrakten ist durch zahlreiche ältere und neuere klinische Studien, Metaanalysen und die Aufnahme in den Hauptteil des Entwurfs der Positivliste durch die Expertengruppe belegt (1, 2). Das Risiko von Kava-Extrakten ist bei bestimmungsgemäßem Gebrauch nicht vorhanden. Stevinson et al. (3) befassten sich in der 2002 erschienenen Publikation mit den UAW von Kava-Kava und kommen zur Schlussfolgerung, dass nach Post-Marketing und klinischen Studien mit kurzfristiger Anwendung das Risiko von Nebenwirkungen im Allgemeinen selten, gering und reversibel ist. Wegen der beobachteten Nebenwirkungen ist jedoch ein weiterer Forschungsbedarf zur Aufklärung erforderlich. Der angesehene Ethnobotaniker Cox (2) weist die Kritik an der Südseedroge Kava zurück, wonach diese Leberschäden hervorrufen soll. Seine Forschungsarbeiten im Südpazifik, wo die Droge regelmäßig konsumiert wird, hätten keine Hinweise auf ein erhöhtes Lebererkrankungsrisiko ergeben. Dies belegt einmal der jahrhundertelange Genuss des Kava-Trankes auf den Südseeinseln. Der international renommierte Pharmakologe und Toxikologe P. Waller, Illinois/USA (2) kritisiert die unvollständige Dokumentation der deutschen und schweizerischen Fälle und ist ebenfalls der Auffassung, dass Kava-Kava bei bestimmungsgemäßem Gebrauch keine schwerwiegenden Leberschädigungen hervorruft. In der Mitteilung vom 27. Juni 2002 teilt die FDA (2) mit, dass derzeit kein Handlungsbedarf für einen Widerruf von Kava besteht, aber In-vitro-Studien zur Aufklärung des Metabolismus und möglichen Ursachen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen vorgesehen sind. Dieses Vorgehen mit einer sachlichen und wissenschaftlichen Überprüfung der hepatotoxischen Effekte der üblicherweise kritischen FDA ist zu begrüßen. Nach Ernst (4) wurden vom BfArM der Nutzen des pflanzlichen Anxiolytikums Kava unter- und die Risiken überschätzt. Diese Auffassung kann aufgrund eigener Überprüfung der
experimentellen, klinisch pharmakologischen und klinischen Ergebnisse nur zugestimmt werden (1, 2).
Zu Recht haben die Mitglieder beziehungsweise stellvertretenden Mitglieder der Kommission E (2) beim BfArM ihr Befremden über das Vorgehen des BfArM im Rahmen des Stufenplanverfahrens und des Widerrufs der Zulassung von Kava-Extrakten geäußert, fühlen sich in ihrer wissenschaftlichen Kompetenz übergangen und in ihrer Funktion infrage gestellt. Sie sind im Gegensatz zur Meinung des BfArM der Auffassung, dass keine Gefahr im Verzug vorlag, die eine derartige Maßnahme rechtfertigt. Darüber hinaus teilen sie die Auffassung des BfArM bezüglich des Risikos bei bestimmungsgemäßem Gebrauch nicht und halten die von Teschke vorgeschlagenen Empfehlungen für notwendig und ausreichend. Diese und ähnliche Vorgänge in der Vergangenheit mahnen zu mehr Sachlichkeit und Klärung von Entscheidungen im Vorfeld durch kompetente Sachverständige.

Literatur
1. Loew D: Kava-Kava-Extrakt. Nutzen-Risiko oder ein gesellschaftliches Problem. Dtsch Apoth Ztg 2002; 142: 1012–1020.
2. Loew D, Gaus W: Kava-Kava, Tragödie einer Fehlbeurteilung. Zeitschrift für Phytotherapie 2002; 23: 267–281.
3. Stevinson C et al.: A systematic review of the safety of kava extraction the treatment of anxiety. Drug and Safety 2002; 25: 251–267.
4. Ernst E: Marktrücknahme des pflanzlichen Anxiolytikum Kava. Nutzen unter-, Risiken überschätzt? MMW 2002; 40: 41.

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dieter Loew
Am Allersberg 7
65191 Wiesbaden

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