ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Rentenmarkt: Jetzt aussteigen und in Aktien wechseln?

VARIA: Wirtschaft

Rentenmarkt: Jetzt aussteigen und in Aktien wechseln?

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-1011 / B-847 / C-792

Löwe, Armin

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LNSLNS Am Rentenmarkt sei viel Geld investiert, das dort eigentlich nicht mehr hingehört, meinen skeptische Kapitalmarktexperten.

Seit Monaten warnen die Skeptiker, dass sich am Rentenmarkt eine ähnliche Spekulationsblase bilden könnte wie am Aktienmarkt zum Ende der 90er-Jahre. Diese endete im Frühjahr 2000 jäh und leitete eine nun schon drei Jahre währende Talfahrt der Aktienkurse ein. Doch offensichtlich kann derzeit nichts den Run in die sicheren Anleihemärkte stoppen. Obwohl die Renditen zwischenzeitlich deutlich unter vier Prozent gesunken, nach Beginn des Irakkrieges aber wieder leicht gestiegen sind, fließen immer noch horrende Beträge in die Rentenmärkte. Die Anleger akzeptieren die Minirenditen, weil ihnen die Aktienmärkte nach den starken Kursverlusten der letzten Jahre immer noch zu unsicher sind.
Tatsache ist, dass sehr viel Geld in Anleihen geparkt ist, um auf bessere Zeiten zu warten. Am Rentenmarkt sei viel Geld investiert, das dort eigentlich nicht hingehört, ist von Kapitalmarktexperten zu hören. Es mehren sich inzwischen die Stimmen, die darauf hinweisen, dass der Rentenmarkt im Vergleich zum Aktienmarkt überbewertet ist.
Grundregel zählt nicht mehr
Im Allgemeinen sollte die Anleiherendite dem reziproken Wert des durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnisses entsprechen. Bei einer Anleiherendite von etwa vier Prozent dürfen Aktien also mit dem mehr als 25fachen der Jahresgewinne bewertet werden. Nach den kräftigen Kursabschlägen in den letzten Jahren liegt diese Kennzahl an den Aktienmärkten deutlich darunter. Entweder müssten die Aktienkurse also steigen oder die Renditen anziehen, um die derzeitige Bewertungsrelation zu rechtfertigen.
Doch Anleihefans sind der Meinung, dass es noch viel zu früh ist, um von Anleihen in Aktien zu wechseln. Einige halten es sogar noch für unangebracht, von Langläufern in Kurzläufer zu wechseln. Eigentlich lautet die Grundregel: Bei hohen Zinsen lange Laufzeiten, bei niedrigen Zinsen kurze Laufzeiten. Aber solange die Zinsen sinken, sind mit Langläufern höhere Kursgewinne als mit Kurzläufern zu erzielen. Andererseits gilt: Dreht der Zins – kommt es also zu steigenden Zinsen–, drohen bei den Langläufern höhere Kursverluste als bei den Kurzläufern. Der Hebeleffekt in beide Richtungen ist bei lang laufenden Anleihen größer als bei solchen mit kurzen Laufzeiten.
Aber wie groß ist die Gefahr, dass es zu einer Zinswende kommt? Nach wie vor sind die Konjunkturaussichten trübe. Die Weltwirtschaft wird im laufenden Jahr – wenn überhaupt – nur mäßig wachsen. Auch die Unternehmensgewinne steigen allenfalls mäßig. Die Gefahr, am Aktienmarkt etwas zu verpassen, ist gering. Andererseits bedeutet eine schwache Wirtschaftsentwicklung, dass kein inflationärer Druck entsteht. Derzeit sieht die Europäische Zentralbank denn auch keine Gefahr für die Preisstabilität. Sie senkte zum 6. März ihre Leitzinsen.
Die Manager der Rentenfonds sind vorwiegend in lang laufenden Anleihen (ab sieben bis acht Jahre Restlaufzeit) engagiert, um den sinkenden Zinstrend zu nutzen. Erst im zweiten Halbjahr werde über eine Reduzierung der Laufzeiten nachgedacht, heißt es. Sie räumen allerdings ein, dass die Staatsanleihen überbewertet sind. Nicht nur gegenüber dem Aktienmarkt, sondern auch gegenüber den Unternehmensanleihen. Nur in den Staatsanleihen sahen die Marktteilnehmer in den letzten Monaten eine Chance, sich vor Kursverlusten zu schützen. Die starke Verschlechterung der Bonität der Unternehmen hat in der Vergangenheit diese Strategie bestätigt. Inzwischen haben die Unternehmen aber sichtbare Schritte unternommen, ihre Schulden abzubauen. Deshalb wollen die Manager der Rentenfonds in nächster Zeit den Anteil der Unternehmensanleihen hochfahren.
Wenn die Unternehmen ihren Cashflow weiterhin verstärkt dazu nutzen, ihre Schulden zu reduzieren, werden davon längerfristig auch die Aktienkurse profitieren. Aber schneller wirkt sich diese Politik auf die Kurse der Unternehmensanleihen aus. Auch deshalb sollten sich Anleger in Rentenfonds weiterhin gut aufgehoben fühlen. Denn jede Bonitätsverbesserung wirkt sich unmittelbar in steigenden Kursen der Unternehmensanleihen aus, und zwar unabhängig vom Zinstrend. Selbst wenn es zu steigenden Zinsen kommen sollte, können auf diese Weise Kursgewinne erzielt werden, wenn sich insgesamt die Bonität der Unternehmen verbessert. Mit der Umschichtung auf Unternehmensanleihen sind die Fondsmanager in der Lage, einen steigenden Zinstrend zu kompensieren. Steigende Zinsen müssen also nicht mehr zwangsläufig zu Kursverlusten bei den umlaufenden Anleihen führen.
Konservative Anleger
Die Anleger sind nach den Enttäuschungen, die der Aktienmarkt ihnen brachte, wieder konservativer geworden. Sie haben entdeckt, dass der Rentenanteil an ihren Wertpapierdepots in der Vergangenheit zu niedrig war. Es handelt sich um eine strukturelle Änderung der Verhaltensweisen. Der Glaube, dass die Aktie langfristig immer eine höhere Rendite abwirft, hat mehr als einen Dämpfer bekommen. Immerhin zeigt sich zum ersten Mal: Bei den Fondssparplänen über eine Laufzeit von zehn Jahren schneiden die Rentenfonds seit langer Zeit wieder besser ab. Es ist also nicht unbedingt davon auszugehen, dass das viele Geld, das in die Anleihemärkte geflossen ist, diesen wieder den Rücken kehrt und damit zwangsläufig die Anleihekurse unter Druck setzt und den Aktienkursen Auftrieb verleiht. Armin Löwe

Viele Anleger sind unzufrieden mit ihrer Fondsauswahl. Um der richtigen Mischung aus Aktien-und Rentenfonds wieder näher zu kommen, lohnt ein Blick in die Zeitschrift Finanztest Spezial „Geldanlage mit Investmentfonds“. Dort werden 2 000 Aktien-, Immobilien-, Renten- und Geldmarktfonds verglichen. Das Heft kostet 7,50 Euro und ist im Handel oder bei der Stiftung Warentest (Telefon: 01 80 5/00 24 67) erhältlich.
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