ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Architektur der Arztpraxis: Wohltuende Nebenwirkungen der Baukunst

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Architektur der Arztpraxis: Wohltuende Nebenwirkungen der Baukunst

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-1024 / B-860 / C-804

Greb, Wolfgang

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Foto: Architekturbüro Greb
Foto: Architekturbüro Greb
Wer kennt es nicht, dieses komische Gefühl beim Betreten einer Arztpraxis? Bereits im Treppenhaus dieser unangenehm sterile Geruch, der sich durch die meist nüchterne Ausstattung der Praxisräume zieht. Aus den Deckenstrahlern scheint grelles Neonlicht, Grünpflanzen fehlen. Wohlbefinden kommt da beim Patienten nicht auf. Der Arztbesuch bleibt eine Pflichtübung.
Was für Auswirkungen die Architektur einer Praxis auf das Wohlbefinden der Patienten haben kann, ist vielen Ärztinnen und Ärzten nicht bewusst. Ebenso wenig wissen nur wenige, dass auch die Bewertung des Arztes oft von der subjektiven Wahrnehmung der Räumlichkeiten abhängt. Architektur ist deshalb mehr als eine Nebensächlichkeit und nimmt im Kampf des Arztes um die Gunst des Patienten eine immer größere Rolle ein.
Architektur als „Hausrezept“ der Ärzte kann Behandlungsabläufe verdeutlichen und für die Beziehung zwischen Arzt und Patienten den funktionalen, atmosphärischen Rahmen schaffen. Ängsten des Patienten, die durch die Enge in einer Arztpraxis entstehen, kann durch eine sinnvolle Raumanordnung, freundliche Materialkonzeptionen und überschaubare Arbeitsabläufe entgegengewirkt werden. Das Verweilen in der Praxis soll durch das „richtige“ Erscheinungsbild so angenehm wie möglich gehalten werden. Stimmt die Architektur, vertraut der Patient in Leistungsfähigkeit, Arbeitsweise und Zielsetzung der Arztpraxis. Kompetenz wird glaubwürdig. Ruhe stellt sich ein. „Mein Arzt“ – für den ein oder anderen ist dies auch eine Image- und Statusfrage.
Wie aber kann „Architektur als Medizin“ umgesetzt werden? Wie sollte eine professionelle Arztpraxis aussehen? Hierzu ist eine gründliche Zielbestimmung notwendig. Ihre Planung ist immer als Ausdruck der Individualität des Arztes zu sehen. Der Architekt muss eine zum Naturell des Arztes passende Idee erarbeiten, die einen Entwicklungsprozess in Gang setzt. Im Idealfall spiegelt das architektonische Konzept die Persönlichkeit des Arztes und seiner Arbeitsweise wider. Sterile, anonyme, weiße Räume entsprechen nicht mehr den Anforderungen der zunehmend kritischen Patienten. Zufällig vorgefundene Praxis- und Ablaufkonzepte zwingen dem Arzt einen ineffektiven, Kosten produzierenden Arbeitsstil auf.
Grundriss und Möbel allein machen noch keine Praxis aus. Um Professionalität und Charakter zu vermitteln, sollte
das Erscheinungsbild „maßgeschneidert“ entwickelt werden. Im Rahmen einer ganzheitlichen Einrichtungsplanung sind unter anderem die notwendigen medizinischen Apparate, die Beleuchtung, Accessoires und die Patientengruppe zu berücksichtigen. Zu diesen umfassenden Gestaltungsaufgaben zählen das räumliche Konzept, die Innenarchitektur, das Praxislogo, aber auch das Briefpapier und die Visitenkarten.
„Ganzheitliche Medizin“ hat eine erweiterte Bedeutung bekommen, indem sie sich der „rezeptfreien Nebenwirkungen“ der Baukunst bedient. Wolfgang Greb, Würzburg
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