ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Disease Management: Erstes Programm kann nun starten

POLITIK

Disease Management: Erstes Programm kann nun starten

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-958 / B-806 / C-752

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Rainer Daubenbüchel: Die BVA ist zur strengen Überprüfung der ersten Verträge verpflichtet. Foto: BVA
Rainer Daubenbüchel: Die BVA ist zur strengen Überprüfung der ersten Verträge verpflichtet. Foto: BVA
Mit der Zulassung des ersten Disease-Management-
Programms in Nordrhein ist davon auszugehen, dass schon
bald eine Reihe weiterer Verträge umgesetzt wird.

Das Bundesversicherungsamt (BVA), Bonn, hat mit dem nordrheinischen Disease-Management-Programm (DMP) Brustkrebs ein erstes DMP akkreditiert. Dem Vertrag haben sich bereits drei Viertel aller Frauenärzte sowie 28 stationäre Einrichtungen in Nordrhein angeschlossen; damit sind dort die Voraussetzungen für eine flächendeckende Umsetzung des DMP Brustkrebs geschaffen. Inzwischen stehen beim BVA Anträge zur Durchführung von DMP Diabetes mellitus Typ 2 kurz vor der Akkreditierung; es liegen zudem Musteranträge der Krankenkassenverbände zu beiden Indikationen vor. Eine Reihe von DMP-Verträgen zwischen KVen und Krankenkassen befindet sich derzeit in der Vorprüfung. Nach der vom Koordinierungsausschuss am 31. März vorgelegten Empfehlung zu den Anforderungen an ein DMP „Koronare Herzkrankheit“ werden in Kürze die Rechtsgrundlagen für die Durchführung eines weiteren strukturierten Behandlungsprogramms geschaffen.
Der DMP-Vertrag Brustkrebs zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein und allen Krankenkassenverbänden dieser Region hatte der Aufsichtsbehörde seit Oktober vergangenen Jahres vorgelegen. Auf einer Euroforum-Konferenz zum Thema Disease Management begründete BVA-Präsident Dr. jur. Rainer Daubenbüchel das lange Prüfverfahren: Die Verknüpfung der DMP mit dem Risiko­struk­tur­aus­gleich (RSA), das heißt den Ausgleichszahlungen unter den Krankenkassen, mache es notwendig, einheitliche Kriterien zu schaffen. Um spätere Rechtsfolgen zu vermeiden, sei das BVA gerade vor der Zulassung der ersten Verträge wegen ihrer Pilotfunktion zu einer strengen Überprüfung verpflichtet gewesen. Insbesondere Fragen des Datenflusses und Datenschutzes hätten für die Verzögerung bei der Akkreditierung des ersten DMP gesorgt. Auch wenn das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium zu Jahresbeginn mit der Ergänzung der RSA-Verordnung den Bedenken der Ärzte Rechnung getragen habe, müsse eine arzt- und patientenbezogene Qualitätssicherung über eine gemeinsame Einrichtung von KV und Krankenkassen weiterhin möglich sein. Im Einzelfall müsse den Krankenkassen die konkrete Überprüfung des Behandlungsgeschehens zugestanden werden. Allen Versuchen, die Aufgaben der DMP-Qualitätssicherung in bereits bestehenden Einrichtungen zu übernehmen, will Daubenbüchel einen Riegel vorschieben. Er warnte auch davor, im stillschweigenden Einvernehmen mit den Krankenkassen die Datenhoheit bei den KVen zu belassen. Eine solche der Rechtsverordnung zuwiderlaufende Regelung könnte dazu führen, dass eine DMP-Zulassung wieder entzogen wird.
Daubenbüchel wies auf Probleme bei der Überführung bestehender Diabetes-Strukturverträge in DMP hin. Unbedingt erforderlich sei die Anpassung an die in der Anlage der RSA-Verordnung genannten Therapieanforderungen. Das Bundesversicherungsamt sei hier an die Vorgaben des Verordnungsgebers gebunden. So würden in den bestehenden Diabetes-Verträgen häufig explizit definierte Therapieziele und damit verknüpfte Überweisungsregelungen genannt, was der RSA-Verordnung widerspricht. Diese gibt der Festlegung individueller Therapieziele den Vorzug. Probleme könnte auch die Vereinbarung zusätzlicher, über die Inhalte der RSA-Verordnung hinausgehender Programmbestandteile bereiten. Das BVA dürfe solchen Maßnahmen im Rahmen eines DMP nur dann zustimmen, wenn ihre medizinische Evidenz nachgewiesen ist.
Morbiditätsorientierter RSA
Dr. Ulrich Orlowski, Leiter der Unterabteilung „Krankenversorgung“ im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, bezeichnete es allerdings als unwahrscheinlich, dass die Krankenkassen sich an DMP-Verträgen beteiligen, die über die Vorgaben in den Rechtsverordnungen hinausgehen. Es sei gerade das Interesse des Verordnungsgebers gewesen, keine Minimalstandards, sondern Qualitätsstandards für die Versorgung chronisch Kranker zu definieren. Eine „low level“-Medizin habe man so vermeiden wollen.
Wegen des für 2007 geplanten morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleichs stellt sich die Frage, welchen Stellenwert DMP dann noch haben werden. Ökonomische Anreize für die Behandlung chronisch Kranker dürften ab diesem Zeitpunkt nicht mehr erforderlich sein. Denkbar wäre – so Jürgen Wasem, Professor für Gesundheitsökonomie in Essen – eine zusätzliche Förderung der DMP-Programmkosten. Als zu willkürlich erscheinen ihm Qualitätszuschläge aus dem „Morbi“-RSA für „gute DMP“. Möglich sei auch eine
getrennte Durchführung des RSA für DMP-Versicherte und andere Versicherte. Prinzipiell sollte aber die Morbiditätsorientierung ausreichende Anreize zur Versorgung chronisch Kranker setzen. Thomas Gerst
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema