ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Humanitarismus in der Krise: Vermarktung von Not

POLITIK

Humanitarismus in der Krise: Vermarktung von Not

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-962 / B-809 / C-755

Merten, Martina

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Humanitäre Hilfe für Menschen in Krisensituationen, hier im Irak, ist notwendig – und medienwirksam. Foto: dpa
Humanitäre Hilfe für Menschen in Krisensituationen, hier im Irak, ist notwendig – und medienwirksam. Foto: dpa
Die Zukunft der humanitären Hilfe stand im Mittelpunkt der Konferenz „Macht und Ohnmacht der Hilfe“, zu der medico international und die Heinrich-Böll-Stiftung eingeladen hatten.

Keine zwei Jahre ist es her, da brach über Indien ein Erdbeben herein. Not und Elend waren allgegenwärtig, zahlreiche humanitäre Organisationen baten um Spenden zur Unterstützung der Opfer. Heute denkt keiner mehr an diese Katastrophe, ebenso wenig an Afghanistan und das dortige Elend. Heute steht der Irak-Krieg im Mittelpunkt des Medieninteresses, und Spendenbitten konzentrieren sich überwiegend auf diesen Konflikt. Hilfe, so die Hilfsorganisation medico international, droht zum Produkt wie jedes andere zu werden, kommerzialisiert durch die Medien und beeinflusst von der Politik. Um auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen, lud medico zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung zur Konferenz „Macht und Ohnmacht der Hilfe“ Ende März nach Frankfurt ein.
„Humanitäre Hilfe genießt großes Ansehen und ist auch gut anzusehen“, brachte Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international, das Dilemma auf den Punkt. Während die mediale Verwertbarkeit von Hilfe immer wichtiger werde und über ihr Zustandekommen entscheide, gerate ihr sozialer Charakter in den Hintergrund. Einig waren sich die Teilnehmer jedoch darüber, dass das Sammeln von Spendengeldern ohne die Mithilfe der Medien nicht zu realisieren sei.
Wie unabhängig humanitäre Hilfe sein kann, war umstritten. „Unabhängigkeit“, befand Sabine Eckart, Projektkoordinatorin von medico international, „ist in der Praxis eine Fiktion.“ Bei der Zusammenarbeit mit Projektpartnern vor Ort versuche medico zwar, keine neuen Abhängigkeiten zu schaffen, doch müsse man sich jeden Tag aufs Neue die Frage stellen, mit wem man kooperieren könne. Ganz anders sah die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) diesen Punkt. Neutralität ist in den Augen von Dr. Ulrike von Pilar, Geschäftsführerin der deutschen Sektion von MSF, auf jeden Fall möglich, denn letztlich gehe es nicht darum, in öffentlichen Konflikten eine Meinung zu vertreten, sondern den Menschen vor Ort zu helfen. „Wir dokumentieren die medizinische Situation der Menschen, das allein reicht schon“, so von Pilar. Darüber hinaus sei es Aufgabe der Politik, nicht die der Hilfsorganisationen, Stellung zu beziehen. Ob ein unabhängiges Handeln von MSF im Irak-Krieg möglich ist, konnte von Pilar noch nicht einschätzen. Neben dem Internationalen Roten Kreuz ist Ärzte ohne Grenzen derzeit die einzige Hilfsorganisation im Irak. Der Großteil der Organisationen wird noch an den Grenzen zum Irak festgehalten. Sechs Ärzte von MSF unterstützen irakische Kollegen bei ihrer Arbeit in einem Krankenhaus im Nordosten Bagdads.
Umstritten war auch die Art und Weise der Finanzierung humanitärer Hilfe. Der amerikanische Journalist, Publizist und Politikanalytiker David Rieff führte die Finanzpolitik von Ärzte ohne Grenzen als positives Beispiel der Finanzierung auf. Dadurch, dass MSF überwiegend unabhängige Ressourcen nutze, sei auch unabhängige Hilfe möglich. Der Hilfsorganisation kommt es bei ihrer internationalen Projektfinanzierung darauf an, mindestens 50 Prozent ihrer Spendeneinnahmen aus dem privaten Sektor zu erhalten. 2001 waren es nach eigenen Angaben sogar 81 Prozent.
Einige Teilnehmer, so auch Jens Martens, Vorstandsmitglied der Nichtregierungsorganisation Weltwirtschaft, Ökologie, Entwicklung e.V. (WEED), hielten den jetzigen Entwicklungshilfeetat der Bundesregierung von 0,27 Prozent des Bruttosozialprodukts für zu niedrig. „Damit können die Millenniumsziele des UN-Gipfels vom September 2000 nicht annähernd erreicht werden“, so Martens. Hauptziel der Vereinbarung der Vereinten Nationen von 2000 ist, den Anteil der absolut Armen an der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2015 zu halbieren und verstärkt gegen den Hunger sowie gegen die Ausbreitung von Aids vorzugehen. Andreas Wulf von Health Action International kritisierte zudem die Kurzsichtigkeit bei der Finanzierung humanitärer Projekte. Für einige Jahre werde Geld in Kleinprojekte gesteckt, und anschließend stehe man wieder vor denselben Problemen. „Die Gesundheitsstrukturen der Länder müssen gestärkt werden, nicht nur die Oberfläche“, forderte Wulf.
Von all den Vorschlägen hielt ein Teilnehmer der Konferenz gar nichts: Nurruddin Farah. „Hilfsorganisationen“, so der südsomalische Schriftsteller, „sind doch nur Touristen in unserer Welt.“ Farah plädierte dafür, nur befristete Hilfe zuzulassen, damit die Probleme, die mit Krieg und Hunger verbunden sind, letztlich von den Opfern selbst gelöst würden. Gewöhnung an humanitäre Hilfe sei der falsche Weg. Martina Merten
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