ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Demographischer Wandel: Gesundheit im Alter kostet

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Demographischer Wandel: Gesundheit im Alter kostet

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-965 / B-811 / C-757

Rieser, Sabine

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Gerontologe Prof. Kruse plädiert für längere Lebensarbeitszeit und mehr Prävention.

Alt werden ist nichts für Schwächlinge“, soll die amerikanische Schauspielerin Bette Davis vor Jahren behauptet haben. Wenn das stimmt, sind starke Senioren und Seniorinnen in Deutschland gefragter denn je, denn ihre Lebenserwartung steigt nach wie vor. Dies belegte Prof. Dr. phil. Andreas Kruse, Direktor des Heidelberger Instituts für Gerontologie, in der vergangenen Woche bei einem Pressegespräch der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus in Berlin.
Wer zwischen 1991 und 1993 als Mann seinen 60sten Geburtstag feierte, konnte damit rechnen, durchschnittlich noch 17,8 Jahre zu leben. Bei Frauen betrug diese so genannte fernere Lebenserwartung damals 22,1 Jahre. Sechs Jahre später, zwischen 1997 und 1999, waren es schon 19 Jahre bei den Männern und 23,3 Jahre bei den Frauen. Kurz gesagt: Die Einwohner Deutschlands werden immer älter. 2050 wird schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung über 60 sein, sofern kein Baby- oder Zuwanderungsboom einsetzt. Und statt vier Prozent an 80-Jährigen werden dann elf Prozent hier leben.
Altern: Formbarer Prozess
„Für diesen Anstieg in einer kurzen Zeitperiode sind auch die Erfolge in der Medizin, Rehabilitation und Pflege verantwortlich zu machen“, erläuterte Kruse im Zusammenhang mit den Daten zur ferneren Lebenserwartung. In Deutschland hält sich die Begeisterung darüber allerdings in Grenzen. Es gebe eine „tief greifende Reserviertheit gegenüber dem Alter“, sagte Kruse. Alt, ja sogar sehr alt zu sein bedeutet aber keinesfalls, zwangsläufig unselbstständig dahinzusiechen. „Altern ist ein überaus plastisches Geschehen“, betonte Kruse. Wesentlichen Einfluss habe, wie man über die Jahre lebe. Wer nicht rauche, sich gesund ernähre, sich vernünftig bewege und wenig Alkohol trinke, habe schon viel getan.
„Altersdiskriminierung“ ist nach Erkenntnissen der AG 60 plus gleichwohl ein häufiges Phänomen in unserer Gesellschaft. Eine Umfrage ergab kürzlich, dass die Hälfte aller Betriebe in Deutschland keine Arbeitnehmer über 50 mehr beschäftigt. AG-Vorsitzender Otto Graeber plädierte dagegen dafür, das falsche Bild zu korrigieren. Ältere solle man nicht nur als Nehmende, sondern auch als Gebende sehen: „Das fängt beim Babysitten an und hört beim Erben auf.“
Auch Kruse plädierte dafür, die Veränderung der Bevölkerungsstruktur als Chance zu begreifen. Da sie jedoch insgesamt mit erhöhten Belastungen der sozialen Sicherungssysteme verbunden sei, müsse man zu Reformen finden. Für den Gerontologen ist es unabdingbar, das faktische Renteneintrittsalter (heute 60 Jahre) dem gesetzlich definierten von 65 Jahren anzupassen. In Zukunft müsse es unter Umständen erhöht werden, allerdings unter der Voraussetzung, Arbeitnehmern durchgängig Weiterbildung anzubieten.
Unverzichtbar ist nach seinen Worten auch eine Stärkung der Prävention: „Es wird zu wenig gesehen, dass viele Erkrankungen mitalternde Erkrankungen sind.“ Gerade solch chronische Leiden verursachten jedoch die höchsten Kosten. Kruse ist überzeugt davon, dass alle Bürger, besonders aber Ältere, in Zukunft selbst bei kluger Weichenstellung mehr für ihre Gesundheit ausgeben müssen. Auch die Beitragssätze der Pflegeversicherung müssten sich erhöhen. Den Bürgern dies zu vermitteln ist auch nichts für Schwächlinge – sondern laut Kruse „titanische Arbeit“. Rie
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