ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Jugendkampagne: Das Parlament wirbt um junge Menschen

THEMEN DER ZEIT

Jugendkampagne: Das Parlament wirbt um junge Menschen

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-975 / B-818 / C-764

Lenze, Susanne

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Studierende in Berlin haben für den Deutschen Bundestag eine Jugendkampagne gestartet mit dem Ziel, ihnen den Nutzen der Demokratie zu verdeutlichen.

Der Politik zeigten junge Menschen (jedenfalls bis zum Ausbruch des Irak-Kriegs) die kalte Schulter. Für die aktuelle Shell-Studie „Jugend 2002“ wurden 2 500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt. Von ihnen würden 35 Prozent „ganz sicher an Wahlen teilnehmen“. 34 Prozent der jungen Leute gaben an, sich überhaupt für Politik zu interessieren, berichtete Dr. Axel Zander, Issue-Advicer im Ressort Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Shell in Hamburg, auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes.
Politikverdrossenheit – ein Grund für sieben Studierende des Fachbereichs Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation der Universität der Künste in Berlin, dies zum politischen Thema ihrer Diplomabschlussarbeit zu machen. Das Parlament solle für sich werben, befanden die Studenten. Sie entwickelten deshalb eine Jugendkampagne; Auftraggeber ihrer Aktion war das Referat Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestags. Die Botschaft, die durch die Kampagne transportiert werden sollte, wurde vom Bundestag vorgegeben. „Die Jugendlichen sollen den Bundestag als eine für ihr Leben wichtige Institution wahrnehmen und eine Vorstellung davon bekommen, was der Bundestag konkret tut“, erklärte Erwin Ludwig, Mitarbeiter des Referates Öffentlichkeit beim Bundestag. Die Kampagne lief vom 6. Juni bis zum 22. September vergangenen Jahres.
Zur Umsetzung des Konzeptes wurden als Kommunikations- und Werbemittel Großflächenplakate gewählt. Anzeigen wurden in viel gelesenen Jugendzeitschriften und in einigen Special-Interest-Magazinen geschaltet sowie ein Internetauftritt unter www.mit mischen.de angeboten. Der Internetauftritt soll jungen Menschen den Austausch mit Abgeordneten ermöglichen. „Etwa 30 000 Plakate wurden in Deutschland aufgehängt“, berichtete Goldbach. Darauf waren Jugendliche in vertrauten Alltagssituationen zu sehen: beim Telefonieren, beim Fußballspielen oder beim Tanzen. „Eines der Plakate zeigt eine junge telefonierende Frau, die lächelt. Der Text dazu lautet : „Flirten, Lästern, Tratschen – und niemand hört mit.“
Das Plakat verwies auf das Telekommunikationsgesetz, das vom Bundestag beschlossen wurde. Gesetzestexte auf Plakaten sollten deutlich machen, dass der Bundestag die Rahmenbedingungen für die Freiheit jedes einzelnen schaffe, heißt es aus dem Referat Öffentlichkeitsarbeit des Bundestages. Man wolle klar machen, dass die Existenz dieses Gesetzes der Gesetzgebung im Bundestag zu verdanken sei, sagte Goldbach. „Panorama“ und „Spiegel-Online“ kritisierten, dass der Bundestag mit Selbstverständlichem werbe, nämlich dass keiner beim Flirten und Tratschen am Telefon abgehört werde. Panorama widersprach der Aussage des Plakates, dass der Staat nicht abhöre.
Goldbach und seine Mitstreiter reagierten enttäuscht darüber, dass sich Panorama und Spiegel-Online nur an einem Plakat orientiertet hätten, jedoch die anderen beiden mit den Themen „Konvention zum Schutz der Menschenrechte“ und „Waffengesetz“ ignorierten. Die Medienkritik bewog zum Recherchieren: Wie viele Abhörverfahren gibt es bundesweit? Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages übernahm die Nachforschungen. Ergebnis: Etwa 3 300 Abhörverfahren mit 6 000 betroffenen Personen aufgrund richterlichen Beschlusses und 46 Abhörmaßnahmen durch das Bundesamt für Verfassungsschutz mit etwa 250 Personen in den Bereichen Spionageabwehr, politischer Extremismus und Terrorismus laufen derzeit bundesweit. „Gemessen an der Gesamtbevölkerung erschien uns die Zahl als eher niedrig“, urteilten die Studierenden.
Das Internetangebot umfasste zwei Diskussionsformate: ein Expertenforum und eine Fragestunde. In dem Kampagnenzeitraum wurden jeweils ein Expertenforum und eine Fragestunde in Form eines Chats veranstaltet. Die Themen waren: „Erfurt und die Folgen – Gewalt an Schulen“, „Zuhause ist überall – über das Für und Wider der Globalisierung“, „Was wird aus mir? – Bildung in Deutschland“, „Woran wir glauben – die Wertediskussion“ und „Warum wählen gehen? – Die Bundestagswahl 2002“. Während des gesamten Aktionszeitraumes erreichten die Online-Redaktion etwa – positive und negative – 500 E-Mails. Die Internetseite wurde inzwischen wieder aktiviert, und die Chats und Foren zu aktuellen Themen wurden ausgeweitet. Susanne Lenze
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