ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2003Folterungen: Ärzteschaft nicht instrumentalisieren

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Folterungen: Ärzteschaft nicht instrumentalisieren

Dtsch Arztebl 2003; 100(15): A-984 / B-825 / C-770

Schuster, G.

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LNSLNS Ihre aktuelle „Seite eins“ war längst überfällig. Nicht erst seitdem der offenbar in seiner Funktion überforderte Frankfurter Vize-Polizeichef Daschner generös über gesamtgesellschaftliche Elementaria hinwegsieht – und dies dazu auch noch öffentlich darbietet –, sind Tabubrüche und Grenzüberschreitungen hoffähig geworden: Neben dem Dauerbrenner der Reproduktionsmedizin und -forschung finden, oft
öffentlich kaum beachtet, Grund- und Menschenrechte tangierende Dinge vielerorts statt. Gerade in den letzten zwei bis drei Jahren war im Rahmen einiger Fernsehrecherchen vermehrt zu erfahren, dass man versucht, die nicht immer problemlose Abschiebung mittels Ärzten zu „autorisieren“. Da wird viel herumtelefoniert, um einen Arzt zu finden, der direkt vor der Abschiebung noch schnell bestätigen soll, dass Herzbeschwerden und Bauchschmerzen nur „simuliert“ sind. Am besten erst auf dem Flughafen oder gar im Flugzeug. Eine adäquate Untersuchung, unter diesen Verhältnissen ohnehin unmöglich, ist „nicht mehr gewünscht“, das ärztliche Plazet zur Abschiebung jedoch sehr wohl. Gerne werden gerade dafür Notärzte engagiert. Wenn man dieses Verhalten überspitzt deuten will, könnte man annehmen, dass den Behörden zur Abschiebung gesicherte Vitalfunktionen ausreichen. Fragen des Arztes und Hinweise desselben auf eine eventuell problematische Situation im Zielland wertet man denn eher als Einmischung in das Abschiebegeschehen. Spielt ein Mediziner nicht mit, wird er wohl kaum erneut einen solchen Auftrag erhalten. Kein Wunder also, dass mancherorts schon viel telefoniert werden muss, um überhaupt noch jemanden zu finden. Man kann nur hoffen, dass die Zahl an willfährigen Ärzten gering ist. Die eindeutigen Hinweise gerade der hessischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und Herrn Kloibers von der BÄK waren also dringend geboten! Hoffentlich kommuniziert sich dies über das DÄ so, dass diese Form der „Beihilfe zur Abschiebung“ in Europa definitiv nicht mehr möglich sein wird und der oftmals herrschende Aktionismus so mancher Behörde auch ohne eine helfende ärztliche Hand auskommt. Wenn Behörden zu ihrem Verhalten offenbar nicht stehen können, sollten diese besser nicht die Ärzteschaft dafür instrumentalisieren. Aber diese Versuche haben ja weltweit eine lange Tradition.
G. Schuster,
11, rue Scribe, F-75009 Paris
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