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LNSLNS So kann man mit einer Infektionskrankheit nicht umgehen, das ist Dilettantismus und Wichtigtuerei“, schrieb der Redaktion ein erzürnter Leser über die bundesweite Medienkampagne zum schweren akuten Atemnotsyndrom (SARS) – und er hat Recht. Die Tatsachen sprechen eine viel nüchternere Sprache als mancher Zeitungs- oder Fernsehbericht. Weltweit sind (Stand: 12. April) 2 960 Personen erkrankt – die Infektion zählt damit noch zu den sehr seltenen Erkrankungen. Obwohl bedauerlicherweise 119 Patienten an ihren Folgen gestorben sind, entspricht dies einer Letalität von nicht einmal fünf Prozent. Zum Vergleich: Bei jeder Grippeepidemie sterben mehr Menschen.
Angesichts dieser epidemiologischen Situation besteht aktuell kein Grund für eine SARS-Hysterie. Positiv könnte man sogar sagen, dass von 100 Erkrankten 96 wieder gesund wurden und die so entstehende „Herdenimmunität“ einer weiteren Ausbreitung der Erkrankung vorbeugen kann – auch diese Möglichkeit besteht. Selbst wenn Verdachtsfälle auftreten, kann bei sofortiger Isolierung der Patienten und Beobachtung von Kontaktpersonen eine Gefahr für die Bevölkerung ausgeschlossen werden. „Die Fälle in Kanada sind alle Folge einer nicht konsequenten Isolierung“, sagt der Infektiologe Prof. Dr. med. Bernhard Ruf (Universität Leipzig).
Doch Verbraucherschützer in Deutschland fordern, die neue Pneumonieform als Rücktrittsgrund für gebuchte Reisen anzuerkennen, Gesundheitsämter richten Hotlines ein, um aufgeregte Gemüter zu besänftigen, und ein einziger Erkrankungsfall in Deutschland veranlasst das Fernsehen, SARS-Sondersendungen auszustrahlen. Auch wenn die dort befragten Mediziner sich bemühen, das Infektionsrisiko zu relativieren, und immer wieder betonen, dass die Infektiologie vor bedeutenderen Herausforderungen stehe, als SARS derzeit darstelle, geben zahlreiche Journalisten dem Thema doch eine reißerische Richtung.
Es sind Millionen (!) Menschen, die jährlich an Malaria, Aids, Tuberkulose und Hepatitis sterben – aber auch infolge von Hunger und verunreinigtem Wasser. Doch das beunruhigt die Öffentlichkeit und die Medien nur sporadisch. Maßstäbe haben sich verwischt, und Emotionen kochen an den falschen Stellen hoch. Warum? Das ist in diesem Zusammenhang die eigentlich interessante Frage. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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