ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2003DMP Brustkrebs in Nordrhein: Ohne Mitwirkung der Krankenhausgesellschaft

POLITIK

DMP Brustkrebs in Nordrhein: Ohne Mitwirkung der Krankenhausgesellschaft

Dtsch Arztebl 2003; 100(16): A-1033

Clade, Harald

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Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland, Düsseldorf: „Künftig wird es jährliche Rezertifizierungen für Behandlungseinrichtungen und Brustkrebsschwerpunkte geben.“ Foto: Archiv/Frank Pfennig
Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland, Düsseldorf: „Künftig wird es jährliche Rezertifizierungen für Behandlungseinrichtungen und Brustkrebsschwerpunkte geben.“ Foto: Archiv/Frank Pfennig
Strenge Vorschriften für die Qualität
Die Krankenkassen im Rheinland haben im Oktober 2002 mit der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo), Düsseldorf, den bundesweit ersten Vertrag zur Durchführung eines strukturierten Disease-Management-Programms (DMP) für Brustkrebs abgeschlossen. Zusätzlich wurden mit einer Anzahl von Krankenhäusern Verträge abgeschlossen. Der Vertrag kam ohne das aktive Mitwirken der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V. (KGNW), Düsseldorf, zustande, weil die Sondierungsgespräche zunächst ergebnislos verliefen. Das Bundesversicherungsamt hat das Programm inzwischen rückwirkend zum 27. Februar 2003 akkreditiert.
Kurz nach Abschluss der Verhandlungen zwischen den Krankenkassen und der KVNo hatten sich 20 Krankenhäuser dem Vertrag angeschlossen und werden somit zu DMP-Brustkrebsschwerpunkten. 14 weitere Krankenhäuser haben einen Antrag auf Anerkennung als Brustkrebsschwerpunkt gestellt. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt haben mehr als 900 niedergelassene Frauenärzte ihre Bereitschaft zur Teilnahme am Programm erklärt. Die Auswahl der Kliniken als DMP-Brustkrebsschwerpunkt orientierte sich an den Vorgaben des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen seiner konzertierten Aktion gegen Brustkrebs. Diese sehen unter anderem vor, dass mindestens 150 Erstoperationen in einem Krankenhaus allein oder im Rahmen einer Kooperation mit anderen Kliniken erbracht werden. An einem Standort müssen die miteinander kooperierenden Krankenhäuser mindestens 100 Erstoperationen nachweisen, um einen Vertrag zu erhalten. Fast 500 Frauen haben sich inzwischen in das Programm der Kassen eingeschrieben.
Nach Meinung von Wilfried Jacobs, dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Rheinland, war es für die Krankenkassen nicht konsensfähig, dass die KGNW darauf bestand, einen so genannten dreiseitigen Vertrag abzuschließen. Unverändert beharrt die Krankenhausgesellschaft auf diesem Essential und will deshalb ihre Rechtsauffassung durch Gerichte überprüfen lassen.
Die Krankenhäuser und die Kassen haben vereinbart, dass sie sich über einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch, einer Auswertung der Ergebnisse und den Fortgang verständigen. Nach dem Vertrag haben die Krankenkassen, die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenhäuser eine Expertenkommission gebildet. Hierin sind Experten aller Fachdisziplinen vertreten, die bei der Brustkrebsbehandlung beteiligt sind. Kliniken, die sich künftig dem DMP-Vertrag noch anschließen wollen, werden von diesen Sachverständigen begutachtet. Das Gremium empfahl der Einrichtung, den Kreis der Brustkrebsschwerpunkte zu erweitern oder zu beschränken.
Umfassende Qualitätssicherung
Nach dem Vertrag müssen die am Vertrag beteiligten Ärzte und Brustkrebsschwerpunkte eine umfassende Qualitätssicherung durchführen. Diese verpflichtet die stationären Einrichtungen, die Patientinnen jeweils nach dem aktuellen Stand der Medizin zu behandeln und die Dokumentationen an den einweisenden Arzt weiterzuleiten. Der Entlassungsbericht muss innerhalb von drei Tagen dem niedergelassenen Arzt zugestellt werden. Am Aufnahmetag muss ein intensives Gespräch zwischen der Patientin und dem leitenden Arzt erfolgen. Verpflichtend ist auch die Einleitung von qualitätssichernden Maßnahmen bei Leistungen, die von anderen Fachärzten erbracht werden, insbesondere von Pathologen und Strahlentherapeuten. Die Krankenhäuser organisieren im Verbund für DMP-Vertragsärzte Fortbildungsveranstaltungen sowohl im engeren Bereich der Medizin als auch im psychosozialen Umfeld der Patientinnen. Die Gynäkologen übernehmen die Funktion eines Disease-Managers, also eines „Lotsen“ im Behandlungsprozess.
Jacobs versicherte, dass die medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften an der Entwicklung von Standards und Leitlinien für die Brustkrebsbehandlung beteiligt waren, und zwar über den Koordinierungsausschuss nach Maßgabe von § 137 e SGB V. Die Brustkrebsschwerpunkte sollen zertifiziert werden.
Die an den Behandlungsprogrammen teilnehmenden Versicherten können sich freiwillig in das Disease-Management-Programm einschreiben. Unterstützt werden die Qualitätsprogramme und die Strukturierung durch die Frauenselbsthilfe nach Krebs, Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V. Jacobs bezeichnete die DMP-Programme als eine für die Krankenkassen und Patienten „lohnende Investition“. Eine Investition in die Qualität und deren Umsetzung erspare Kosten und führe zu einer verbesserten Lebensqualität. Auch für die Krankenkassen verbessere sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis bereits mittelfristig. Jacobs geht davon aus, dass es künftig jährliche Rezertifizierungen für Behandlungseinrichtungen und Brustkrebsschwerpunkte geben wird. Dr. rer. pol. Harald Clade
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