ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2003VON SCHRÄG UNTEN: Profi

POLITIK

VON SCHRÄG UNTEN: Profi

Dtsch Arztebl 2003; 100(16): A-1034 / B-870 / C-814

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Heute ist mein Arbeitstag wieder prallvoll mit Problemen, die ich kraft meines immensen Wissens sowie grenzenloser Erfahrung einer fachkundigen und vollkommenen Lösung zuführe: Zuerst kränkelt meine Arzthelferin. Bevor ich sie nach Hause schicke, soll sie erst mal Blut abnehmen. Herr Meier tritt ein, er will in seiner Schwerbehinderung beraten werden. Mit Bedauern muss ich ihm klar machen, dass die Anhaltspunkte der ärztlichen Gutachtertätigkeit bei Narben nach Warzenfortsatzaufmeißelung keinen Grad der Behinderung vorsehen. Das Telefon klingelt – der Onkel möchte etwas über Geldanlagen wissen. Ich rate ihm aufgrund der Werthaltigkeit zu offenen Immobilienfonds. Der Nächste, bitte. Bei Herrn Müller kann ich den § 38 SGB V in Verbindung mit §§ 44, 54 SGB IX optimistisch kommentieren (für alle, die bisher gemeint hatten, ohne diese Paragraphen auszukommen: Bewilligung einer Haushaltshilfe). Mein Steuerberater lässt sich durchstellen, er problematisiert meine Privatliquidationen. Ich beruhige ihn mit dem Hinweis, dass kein Verstoß gegen den § 18 Absatz 3 BMV-Ä vorliegt. Nun legt mir meine malade Arzthelferin mit sorgenvoller Miene ihre Eiweiß-Elektrophorese vor: Oh! Ein M-Gradient in der beta-Fraktion. Aber keine Sorge, ich bin vollkommen Herr der Lage: Großväterlich-wohlmeinend erläutere ich ihr, dass man solche Paraproteinämien bei . . . bei . . . bei . . . – also wie hießen die noch mal . . . – ach ja, bei diesen Plasmazytomen finden würde, aber das sei alles nicht schlimm, weil alles, was auf -zytom endet, nicht wirklich bösartig sei. Ob ich denn sicher sei, meint sie. Zutiefst gekränkt halte ich ihr einen Vortrag über Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall, wann sie bei welchen Komplikationen damit rechnen könnte, den Grad der Schwerbehinderung zu erreichen, und dass auch bei längerer Krankheitsdauer die vermögenswirksamen Leistungen selbstverständlich weiterhin gezahlt werden. Mit dieser erschöpfenden Darstellung entlasse ich sie in den Krankenstand.
Es beschleichen mich nun doch nagende Zweifel, also rufe ich den Labormediziner an. „Ach so, diese Gradienten in der beta-Fraktion! Wir haben unser Elektrophorese-Verfahren verfeinert, daher sehen Sie die Transferrine als peak. Solange die Relativprozente im Normbereich sind, hat das nichts zu sagen.“
Oh Gott, wie entsetzlich peinlich. Jetzt heißt es: das Gesicht wahren. Fassunglos stammele ich: „In . . . in welcher Verwaltungsvorschrift steht das denn?“ „Nein, ein kleines Lehrbuch der Inneren reicht völlig.“ Dr. med. Thomas Böhmeke
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema