ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2003Polikliniken: Historische Tatsachen ignoriert

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Polikliniken: Historische Tatsachen ignoriert

Dtsch Arztebl 2003; 100(16): A-1049

Schulte, Heinz

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LNSLNS . . Ich habe als Arzt, tätig in der ältesten Poliklinik Berlins, weder hier noch in anderen poliklinischen Einrichtungen der DDR Zustände erlebt, wie sie die beiden Kollegen schildern. Aussagen wie, „wer von uns hat nicht Patienten aus der DDR behandelt, mit Medikamenten versorgt?“ ignorieren historische Tatsachen, da bekanntermaßen kein Bürger der DDR die Möglichkeit eingeräumt bekam, sich einer (Langzeit-)
Behandlung in der BRD zu unterziehen. Die hier wahrscheinlich gemeinte Gabe von Ärztemustern war entbehrlich, da meine (unsere) Patienten in begründeten Fällen jedes anerkannte Medikament – auch als Import aus der BRD – erhielten . . . Gesagt werden muss zum wiederholten Male, dass Polikliniken keine sozialistische Erfindung waren. Auch heute gibt es seit langer Zeit in verschiedenen, auch westeuropäischen Ländern Polikliniken. Die Poliklinik, in der ich tätig war, wurde in der Weimarer Republik zur besseren Versorgung der Menschen der umliegenden Stadtbezirke mit ärmerer Bevölkerung gegründet. Zum ersten Mal aufgelöst wurde sie durch die Reichsärztekammer zu Beginn der Dreißigerjahre; Begründung: Die Poliklinik sei verjudet. Nach der Wende wurden auf dem Gebiet der DDR alle Polikliniken aufgelöst, privatisiert (Ärztehäuser) oder von sozialen Verbänden, der Bundeswehr und anderen Institutionen übernommen. Dies war ebenso radikal wie unsinnig wie die in der DDR vorgenommene, weitgehende Abschaffung der niedergelassenen Ärzte in eigener Praxis. Allerdings, und das muss gesagt werden, sind nicht alle niedergelassenen Ärzte unfreiwillig in Polikliniken übergewechselt. Ebenso erwähnt werden muss, dass in der ersten Welle der Niederlassungen nach der Wende Ärzte aus „Sonderpolikliniken“ vertreten waren. Es ist bedauerlich, dass die noch lebenden ärztlichen, in ehemaligen Polikliniken tätigen Kollegen nicht nach ihren Erfahrungen als Zeitzeugen gehört oder befragt werden . . .
Dr. Heinz Schulte,
Lichtenberger Straße 6, 10178 Berlin
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