ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Wissenschaft: Der Habilitierte scheint frei von Fehlern

SPEKTRUM: Leserbriefe

Wissenschaft: Der Habilitierte scheint frei von Fehlern

Stock, Christian

Zu dem Kommentar "Von der Fehleinschätzung der Leistungsfähigkeit unserer Universitäten" von Prof. Dr. med. Wolfgang Forth in Heft 40/1996
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LNSLNSLNSLNS Der Artikel sollte uns zu denken geben. Ich glaube nicht, daß Herr Forth ihn mit Absicht überspitzt hat, um als Agent provocateur zu dienen, sondern ich glaube, daß der Artikel leider die wirkliche Ansicht eines unserer Hochschullehrer wiedergibt. Und zwar eines Hochschullehrers, der "sich davon freimacht, im Augenblick der Habilitation schon die Lehre beherrschen zu müssen". Will er damit vielleicht auch sagen, daß man die Lehre überhaupt nicht beherrschen muß? Man könnte schon den Eindruck gewinnen, wenn man weiterliest. Denn weiter oben im Artikel hat er die "Lehrbeschäftigung und die Lehrbefugnis schon mit der Habilitation erarbeitet". Ist das so, als ob man etwas mit der Muttermilch in die Wiege gelegt bekommen hat?
Offenbar gehört es auch zur Lehrbefähigung, wenn man den Studenten viele Steine in den Weg legt und dafür sorgt, daß sie den Stoff möglichst nicht verstehen. Sonst hätte man ja viel zu viele Mediziner, mit denen unsere Kultusminister dann nichts anzufangen wüßten. Wie voraussichtig!
Die andere Variante, in der man alles dafür tut, damit die Studenten die Lehrinhalte verstehen, scheint "angelsächsisch" zu sein. Es "würden dann mehr Studenten die Examina bestehen". Da sei Gott davor! Es ist hierbei interessant, daß man den Stoff der Pharmakologie und Toxikologie, laut Herrn Forth, also auch einem Hilfsschüler beibringen könnte, wenn man wollte? Dann scheinen die Lehrinhalte ja gar nicht so schwer zu sein? Wäre es nicht schön, wenn man das Bildungsniveau der Bundesrepublik dann heben könnte? Sogar Hilfsschüler, die "nicht so viel leisten wollten", könnten dann viele komplexe Lerninhalte verstehen, wenn man nur wollte.
Aber das würde unserem Hochschullehrer ja nicht gefallen. Er will ja "Gehbehinderten keine Krücken geben". Er stellt dabei keineswegs in Frage, ob er "lehrbehindert" ist. Wenn ein Student den Stoff nicht versteht, ist es nicht seine Verantwortung, sondern die des Studenten. Es gehören offenbar nicht zwei zum Lernen und zum Lehren, sondern nur einer: "Das Verarbeiten und das Verständnis der Sachverhalte muß stets vom Studenten erbracht werden." Der Habilitierte scheint frei von Fehlern zu sein?
Ich frage mich, wie ein Hochschuldozent mit diesen Glaubenssätzen an einer "angelsächsischen" Universität abschneiden würde, wenn ihn am Ende des Studienjahres die Studenten bewerten müssen und über seine Vertragsverlängerung entschieden wird.
Der Titel des Artikels war: "Die Fehleinschätzung der Leistungsfähigkeit unserer Universitäten." Sollen unsere Universitäten denn dann überhaupt leistungsfähig sein?
Dr. med. Christian Stock, Paderstraße 17, 33102 Paderborn
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