ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Wissenschaft: Beleidigend

SPEKTRUM: Leserbriefe

Wissenschaft: Beleidigend

Perleth, Matthias

Zu dem Kommentar "Von der Fehleinschätzung der Leistungsfähigkeit unserer Universitäten" von Prof. Dr. med. Wolfgang Forth in Heft 40/1996
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LNSLNS Prof. Forth plädiert für eine verstärkte "Auslese" von offenbar denjenigen Medizinstudierenden, die nur "auszuloten versuchen, wie wenig zu leisten ist, um eine Berufsberechtigung als Arzt zu erhalten". Damit stellt er eine Behauptung auf, die pauschal eine nicht näher quantifizierte Proportion von Studierenden schlicht beleidigt. Es wäre angebracht, eine solche Unterstellung zu belegen, oder aber sich zu entschuldigen. Wenn Prof. Forth meint, daß sich die "universitäre Landschaft" nicht grundlegend geändert habe, sondern nur die Menschen, dann wäre mindestens zu fragen, ob damit nicht auch die Lehrenden gemeint sein könnten, denen in einer Zeit steigenden Konkurrenzdrucks die Lehre als solche immer nebensächlicher erscheint.
Weiterhin spricht Prof. Forth von einer "Anleitung zum selbständigen Lernen", die durch die "universitäre Lehre deutscher Prägung" erreicht werde. Diese Aussage löst einiges Befremden aus, wenn man bedenkt, daß die deutsche Vorlesungsmanie, die übrigens allen didaktischen Erkenntnissen widerspricht, in Kombination mit einem fehlgeleiteten Prüfungssystem, gerade die Fähigkeit zur Selbständigkeit im Keim erstickt. Reines Wissen befähigt nicht zum Arztberuf, dazu bedarf es Kompetenzen, und die erwirbt man nicht im Hörsaal. In einem Punkt muß man dem Autor allerdings zustimmen: Frontalunterricht ist in der Tat billiger – er stellt sogar die billigste Möglichkeit dar, sich seiner Lehrverpflichtung zu entledigen. Der vom Autor offenbar ungeliebte Kleingruppenunterricht, der "nur unter Einsatz aller Assistenten durchgeführt werden kann" (und diese damit von der reputationsträchtigeren Forschung fernhält!), dürfte entgegen der Einschätzung des Autors eher zu einer Abnahme der Studierendenzahlen führen, wenn der Curricularnormwert nicht wesentlich geändert wird. Steigerung der "Effizienz" heißt in diesem Zusammenhang also weniger, aber besser ausgebildete Absolventen.
Was den von Prof. Forth angeführten Rückgang der Zahl der Doktoranden an theoretischen Instituten angeht, so könnte die Qualität der Betreuung eine wichtige Rolle spielen, wie neuere Forschungsergebnisse nahelegen. Da die Zahl der Doktoranden im Medizinstudium insgesamt stark gestiegen ist, hat sich offenbar die Verteilung auf die Institute geändert. Vielleicht ist es doch nicht so, daß sich die Studierenden der "zeitintensiven Kooperation zunehmend entziehen", sondern von bestimmten Bedingungen eher angezogen beziehungsweise abgeschreckt werden.
Dr. med. Matthias Perleth, Epidemiologie und Sozialmedizin der MHH, OE 5410, 30623 Hannover
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