ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2003Therapieevaluation bei psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen

MEDIZIN

Therapieevaluation bei psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen

Dtsch Arztebl 2003; 100(16): A-1066 / B-896 / C-840

Remschmidt, Helmut; Mattejat, Fritz

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LNSLNS Zusammenfassung
Ausgangspunkt der Therapieevaluation bei psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen ist die Kombination der Therapiemethoden im Sinne eines Komponentenmodells störungsspezifischer Behandlungsformen. Auf diese Weise können für jedes Störungsbild typische Behandlungsprofile ermittelt werden. Bei der Analyse des Behandlungsergebnisses spielt der Begriff der Effektstärke eine zentrale Rolle. Hierzu werden empirische Befunde aus stationären Behandlungen in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik vorgestellt, in denen der Therapieerfolg von „Normalbeendern“ mit dem Ergebnis von „Nichtbeginnern“ und „Abbrechern“ verglichen wird. Die Resultate zeigen, dass auch unter klinischen Alltagsbedingungen eine angemessene Therapieevaluation möglich ist und zu brauchbaren Ergebnissen führt, in denen die Effektivität und Nützlichkeit der durchgeführten Behandlungen deutlich wird.

Schlüsselwörter: Therapieevaluation, multimodale Diagnostik, Komponentenmodell, psychische Störungen

Summary
Evaluation of Therapy in Psychological
Disorders in Childhood and Adolescence
The starting point of therapy evaluation in child and adolescent psychiatry and psychotherapy is the adequate combination of therapy methods according to a component model of disorder-specific treatment. For each disorder a typical treatment profile can be determined. In analyzing therapy outcome, the concept of effect size plays a central role. The empirical results from inpatient treatments in a child and adolescent psychiatric hospital are presented, in which the results of "normal completers" of treatment are compared with those of "non-beginners" and of "drop-outs". The results show that qualified therapy evaluation is possible also in the context of everyday service delivery and that effectiveness of the treatments can be demonstrated under realistic conditions.

Key words: therapy evaluation, multimodal diagnostics, component model, psychopathological disorders

Die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher in Deutschland hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, wobei fünf Entwicklungen maßgeblich waren:
- die Psychiatrie-Enquete aus dem Jahr 1975,
- das Modellprogramm Psychiatrie der Bundesregierung, innerhalb dessen in 14 Regionen (davon in einer kinder- und jugendpsychiatrischen) die Versorgung analysiert und im Gefolge verbessert werden konnte (1980), - die Psychiatrie-Personal-Verordnung (1991–1995), die eine angemessene Ausstattung psychiatrischer und kinder- und jugendpsychiatrischer Einrichtungen ermöglichte,
- die Einbeziehung der Psychotherapie in das Weiterbildungscurricu-
lum zum Kinder- und Jugendpsychiater und in die Facharztbezeichnung (1992)
- und schließlich die Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) am 27. November 1997, das am 1. Januar 1999 in Kraft getreten ist. Durch dieses Gesetz wurden die staatlich anerkannten Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendpsychotherapeuten geschaffen. In der Folge dieses Gesetzes hat in Deutschland die Anzahl der Vertragspsychotherapeuten deutlich zugenommen und die ambulanten Versorgungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche konnten erheblich verbessert werden.
Trotz dieser fortschrittlichen Entwicklungen ist die Versorgung von psychisch kranken Kindern in Deutschland noch nicht hinreichend und es ist notwendig, dass die Behandlungsangebote weiter ausgebaut werden; auf keinen Fall dürfen sie durch die derzeitigen finanziellen Restriktionen wieder eingeschränkt werden, denn die Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher war über Jahrzehnte ein Stiefkind in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.
Den Versorgungsbedarf betreffend lassen sich folgende Aussagen machen:
- Etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahren sind dringend behandlungsbedürftig.
- Bei weiteren zehn bis 13 Prozent sind aufgrund von auffälligen Verhaltensweisen diagnostische Maßnahmen und Beratungsangebote angezeigt, die zum Teil durch umschriebene therapeutische Interventionen ergänzt werden müssen.
- Prävalenzdaten und Inanspruchdaten zeigen regelmäßig Differenzen, wobei Erstere stets höher liegen als Letztere. So betrug zum Beispiel die mittlere Inanspruchnahmerate in einer Studie in drei hessischen Landkreisen nur 3,3 Prozent aller 0 bis 17-Jährigen, die Auffälligkeitsrate betrug jedoch 12,7 Prozent (10).
Wie in der zuletzt genannten Studie gezeigt werden konnte, hängt die Nutzung der Versorgungseinrichtungen von folgenden Faktoren ab: vom Vorhandensein eines ausgebauten Versorgungsnetzes, von familiären Merkmalen, von Merkmalen der Kinder und Jugendlichen selbst, von der Problemwahrnehmung der Kinder, Jugendlichen und ihrer Eltern und von ihrer Einstellung gegenüber diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen. Kinder- und jugendpsychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen gegenüber bestehen immer noch Vorurteile, die dringend abgebaut werden müssen. Dies hat sich auch die Welt­gesund­heits­organi­sation zum Ziel gesetzt, wenn sie eine Antistigmatisierungskampagne, die sich sowohl auf die Erwachsenenpsychiatrie als auch auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie bezieht, inauguriert hat.
Versorgung allein genügt aber nicht. Entscheidend ist, was in den Einrichtungen mit welchem Erfolg getan wird. Jeder Therapeut und jede Einrichtung sollten bestrebt sein, sich über eigenes Handeln Rechenschaft zu geben. Hierzu gehört auch die Überprüfung von Behandlungsmaßnahmen auf ihre Wirksamkeit. Niemand kann sich von dieser Verpflichtung frei sprechen, weder durch Hinweis auf eine besonders lange Ausbildung noch auf besondere Erfahrungen. Die Notwendigkeit der Therapieevaluation erstreckt sich sowohl auf die einzelnen Behandlungsmaßnahmen als auch umfassendere Behandlungskonzepte und Therapiemodalitäten.
Mehrdimensionale Diagnostik als Voraussetzung für die Therapie
In Grafik 1 ist die mehrdimensionale Vorgehensweise in der Diagnostik psychischer Störungen und Erkrankungen wiedergegeben, zudem werden einige Ausführungen zu den therapeutischen Konsequenzen gemacht. Im Mittelpunkt steht dabei das klinisch psychiatrische Syndrom, das auf der ersten Achse des multiaxialen Klassifikationsschemas (MAS) (9) eingeordnet wird. Durch die Klassifikation auf den einzelnen Achsen des MAS können unterschiedliche Arten von Variablen berücksichtigt werden: Psychologische und psychopathologische Variablen beziehen sich auf das klinisch psychiatrische Syndrom (Achse eins des MAS), während die biologischen Variablen den Achsen zwei, drei und vier zuzuordnen sind; die psychosozialen beziehungsweise soziokulturellen Aspekte werden auf der fünften Achse kodiert. Grafik 1 zeigt zugleich, dass im Sinne der Mehrebenenbetrachtung den verschiedenen Achsen des MAS unterschiedliche Maßnahmen für die Behandlung und Versorgung zuzuordnen sind.
In Textkasten 1 sind die sechs Achsen des multiaxialen Klassifikationsschemas nach ICD-10 wiedergegeben, das in der Kinder- und Jugendpsychiatrie allgemeine Anerkennung gefunden hat. Wie in Grafik 1 gezeigt, lassen sich aus einer so durchgeführten Diagnostik auch konkrete Hinweise für die Therapie ableiten.
Gesichtspunkte zur Therapieevaluation
Wenn in diesem Beitrag von Therapie gesprochen wird, ist damit nicht eine einzelne Methode oder eine einzige umschriebene Intervention gemeint, sondern es sind gesamthaft alle therapeutischen Einwirkungen angesprochen, die in ein Therapieprogramm beziehungsweise in ein individualspezifi-sches Therapiekonzept eingeordnet werden. Das Mischungsverhältnis der einzelnen Therapiekomponenten ist dabei je nach Störung unterschiedlich anzusetzen.
Bei diesem Vorgehen, das mit dem Begriff „Komponentenmodell störungsspezifischer Behandlungsformen“ umschrieben werden kann (8), spielt die Psychotherapie eine herausragende Rolle. Betrachtet man die Leitthemen der Psychotherapieforschung in den letzten 50 Jahren, lassen sich vereinfachend folgende Epochen unterscheiden: Auf das vorempirische Stadium (Wirksamkeit wurde unterstellt, anstatt sie systematisch zu überprüfen) folgte das Stadium, in dem es darum ging die allgemeine Wirksamkeit von Psychotherapie überhaupt nachzuweisen, was mittlerweile als gesichert gelten kann. Darauf folgte das Stadium, das man als Phase der „spezifischen Wirksamkeitsforschung“ bezeichnen kann, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Art von Psychotherapie (oder verallgemeinert: welche Therapie überhaupt) bei welcher Störung zu den bestmöglichen Resultaten führt. Dieser störungsspezifische Ansatz bezieht sich allerdings nicht nur auf Psychotherapie, sondern auf alle Interventionen, die für eine bestimmte Störung die relativ besten Behandlungsergebnisse bewirken.
Die spezifische Wirksamkeitsforschung ist bis heute eine aktuelle Aufgabenstellung, sie wird heute und in der Zukunft durch weitere wichtige Fragestellungen ergänzt; zu diesen zählt insbesondere die Untersuchung der Frage, ob und wie unter alltäglichen klinischen und Praxisbedingungen effektive und nützliche Behandlungsangebote realisiert werden können („effectiveness-Forschung“).
Ein wichtiges Maß für die Beurteilung der Wirksamkeit von therapeutischen Interventionen im Allgemeinen und psychotherapeutischen Interventionen im Besonderen ist die Effektstärke. Als Effektstärke bezeichnet man eine standardisierte Mittelwertdifferenz, die entweder in einem Prä-post-Design oder in einem Kontrollgruppen-Design den Therapieerfolg mithilfe bestimmter Therapiebeurteilungsinstrumente zu messen erlaubt. Von einer guten oder großen Effektstärke spricht man, wenn sie etwa den Wert von 0,8 erreicht, von einer mittleren bei Werten um 0,5 und von einer geringen bei Werten um 0,2 oder darunter. Im Allgemeinen erreichen experimentelle Therapiestudien relativ hohe Effektstärken, die im Durchschnitt etwa bei 0,80 bis 0,85 liegen. Dagegen konnten Studien, die unter allgemeinen Klinik- oder Praxisbedingungen durchgeführt wurden, meist nur geringe Effektstärken nachweisen. Dies muss aber nicht so bleiben, sondern es muss gerade das Ziel sein, effektive Therapien und auch Therapiestudien zu etablieren, die unter den Bedingungen alltäglicher klinischer Praxis durchgeführt werden, denn unter diesen Bedingungen wird die überwiegende Mehrzahl der Patienten auch behandelt. In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Philipps-Universität Marburg wurden in den letzten 15 Jahren mehrere Projekte durchgeführt, in denen die Behandlungen unter alltäglichen Versorgungsbedingungen überprüft wurden. Einige Ergebnisse aus diesen Arbeiten werden im Folgenden dargestellt.
Ergebnisse zur Therapieevaluation
Im Rahmen des Komponentenmodells der störungsspezifischen Behandlung wurden die therapeutischen Interventionen fünf Komponenten beziehungsweise fünf Kategorien zugeordnet, die in Textkasten 2 wiedergegeben sind. Diese Komponenten werden bei der Behandlung der verschiedenen psychischen Störungen in unterschiedlicher Weise miteinander kombiniert. So entsteht im Hinblick auf die einzelnen Störungen, auch unter jeweiliger Berücksichtigung von Alter und Entwicklungsstand des Patienten, ein unterschiedliches „Behandlungsprofil“.
Betrachtet man alle behandelten Patienten (vollständige Inanspruchnahmepopulation der „9-Jahres-Studie“) (7, 8) der untersuchten Klinik, ergibt sich folgendes Bild: Die familienbezogenen Maßnahmen nehmen den höchsten Stellenwert ein; diese Maßnahmen werden bei fast 80 Prozent aller Patienten durchgeführt. Es folgen die individuelle Psychotherapie des einzelnen Patienten (etwa bei 43 Prozent aller Patienten), andere umfeldbezogene Maßnahmen und Übungsbehandlungen sowie die Medikation, die in dieser Gesamtstichprobe nur bei 12 Prozent aller Behandlungsfälle durchgeführt wird.
Letzteres Ergebnis ist besonders wichtig im Hinblick auf manche Darstellungen in den Medien und in der Öffentlichkeit, die Kinder- und Jugendpsychiatern häufig vorwerfen, dass sie jede Störung mithilfe von Medikamenten behandeln würden. Eine solche Darstellung ist irreführend. Die Auswertung der Autoren zeigt vielmehr, dass insgesamt gesehen (das heißt, wenn man alle kinder- und jugendpsychiatrische Patienten betrachtet) die Medikation nur eine untergeordnete Rolle spielt; man kann davon ausgehen, dass sich dieses Ergebnis nicht nur in der untersuchten Klinik so darstellt, sondern in der Regel auch für ander kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken gilt.
Allerdings ist gerade die Medikation von Störungsbild zu Störungsbild sehr unterschiedlich. Deshalb ist es wichtig, die Frage der Medikation nicht nur in allgemeiner, sondern auch in störungsspezifischer Weise zu betrachten.
Wie Grafik 2 zeigt, spielt zum Beispiel bei der Schizophrenie im stationären Bereich die medikamentöse Behandlung eine dominierende Rolle. Dies entspricht auch dem internationalen Erkenntnisstand, wonach schizophrene Psychosen mit einem Antipsychotikum (heute meist atypisches Antipsychotikum) behandelt werden. Aber nahezu gleich wichtig ist die individuelle Psychotherapie, die hier nicht eine aufdeckende sein kann, sondern eine stützende, problemorientierte und aufbauende Psychotherapie mit individuellem Zuschnitt für jeden einzelnen Patienten. Es folgen dann etwa gleichbedeutend familienbezogene Maßnahmen (psychoedukativer Ansatz) und funktionelle Übungsbehandlungen, die mit der stützenden Psychotherapie kombiniert werden und den Patienten in die Lage versetzen sollen, Alltagsprobleme kompetent zu bewältigen. Die anderen umfeldbezogenen Maßnahmen spielen zwar keine herausragende Rolle, sie sind aber gerade im Hinblick auf die in vielen Fällen notwendigen komplementären Maßnahmen (zum Beispiel Rehabilitationsbehandlung) ebenfalls sehr wichtig. Ganz anders sieht das Behandlungsprofil bei Anpassungsstörungen aus, die in Grafik 3 dargestellt sind.
Untersucht man eine große Stichprobe ambulanter und stationärer Patienten im Hinblick auf den Behandlungserfolg und lässt man diesen durch die Therapeuten am Ende der Behandlung beurteilen, ergeben sich Effektstärken, wie sie in Grafik 4 wiedergegeben sind. Die dargestellten Effektstärken wurden ermittelt, indem die Patienten, die die Therapie wie vereinbart beendet hatten („Normalbeender“) mit denjenigen verglichen wurden, die die Therapie abgebrochen hatten („Abbrecher“, definiert als Beendigung der Therapie nach mehr als 14-tägigem Therapieverlauf). Darüber hinaus wurden die Normalbeender auch mit den Patienten verglichen, die die Therapie gar nicht begonnen hatten („Nichtbeginner“). Diese sind so definiert, dass sie zwar die diagnostische Phase durchlaufen, aber die vorgeschlagene Therapie gar nicht erst aufgenommen hatten.
Grafik 4 zeigt, dass die höchsten Effektstärken im Vergleich zwischen Normalbeendern und Nichtbeginnern erzielt werden, wobei ambulante und stationäre Behandlungen zufälligerweise genau denselben Wert erreichen. Die Effektstärken sinken naturgemäß ab, wenn man Normalbeender und Abbrecher vergleicht, wobei in Rechnung gestellt werden muss, dass die Abbrecher „antherapiert“ sind und insofern erwartungsgemäß ein günstigeres Ergebnis erreichen als die Nichtbeginner.
Sehr wichtig für den Behandlungserfolg sind auch Behandlungsdauer und Behandlungsintensität, die in Grafik 5 und Grafik 6 wiedergegeben sind. Grafik 5 zeigt den Zusammenhang zwischen Behandlungsdauer und Behandlungserfolg für stationäre Patienten (obere Kurve) und ambulante Patienten (untere Kurve). Dabei ist die Behandlungsdauer in einer logarithmischen Skala angegeben. Die wichtigste Aussage von Grafik 5 ist, dass sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich der Prozentsatz der erfolgreichen Behandlungen mit steigender Therapiedauer zunimmt. Im stationären Bereich sind Behandlungen, die weniger als drei Monate dauern, im Durchschnitt deutlich weniger erfolgreich als Therapien mit einer längeren Dauer; bei einer Behandlungsdauer von mehr als drei Monaten sind die durchschnittlichen Erfolge erheblich besser. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die in Grafik 5 dargestellten Kurven Mittelwerte darstellen, die sich auf alle Diagnosen erstrecken.
Betrachtet man den Zusammenhang zwischen Behandlungsdauer und Behandlungserfolg für die einzelnen Diagnosen, ergeben sich unterschiedliche Werte für diesen Zusammenhang, jedoch bleibt der Sachverhalt erhalten, dass die Therapie eine gewisse Mindestdauer benötigt, um zu einem guten Erfolg zu führen.
Angesichts der jüngsten Bestrebungen, stationäre und auch ambulante Behandlungsdauer massiv zu verkürzen, ist dies ein wichtiges Ergebnis, denn man kann die Behandlungsdauer nicht beliebig reduzieren, wenn man überhaupt noch Therapieerfolge erzielen und nicht in eine „Drehtür-Kinder- und Jugendpsychiatrie“ zurückfallen will, die im stationären Setting permanent mit Rückfällen und raschen Wiederaufnahmen zu rechnen hat. Ein ähnlicher Zusammenhang ergibt sich zwischen Therapieintensität (gemessen als Anzahl der therapeutischen Sitzungen) und Therapieerfolg (Grafik 6).
Selbstverständlich muss man den Zusammenhang zwischen der Behandlungsdauer beziehungsweise der Behandlungsintensität und dem Behandlungserfolg für jede einzelne Diagnose betrachten. Dies kann aber im Rahmen dieses Beitrages nicht ausführlicher dargestellt werden. Da sich die bisherigen Ausführungen jedoch auf alle Patienten bezogen und nicht diagnosenspezifisch aufgeschlüsselt waren, soll auf den Zusammenhang zwischen Diagnose und Behandlungserfolg bei ambulanten und stationären Patienten noch eingegangen werden.
Tabelle 1 zeigt den von den Therapeuten eingeschätzten Behandlungserfolg am Ende der Behandlung, aufgeschlüsselt nach den verschiedenen Diagnosen bei 1 358 ambulanten Patienten. Tabelle 2 zeigt den analogen Zusammenhang bei 1 317 stationären Patienten. Aus beiden Tabellen wird deutlich, dass die Erfolgsraten diagnosespezifisch sehr unterschiedlich sind: Neurotische Syndrome und Anpassungs- und Belastungsreaktionen weisen relativ günstige Therapieerfolge auf, relativ erfolgreich schneiden aber auch schizophrene Erkrankungen und affektive Psychosen ab, wohingegen die Erfolgsraten bei dissozialen Syndromen, beim Autismus und beim
hyperkinetischen Syndrom geringer sind.
Die dargestellten Ergebnisse zum Therapieerfolg beruhen auf einer Einschätzung des Therapeuten am Ende der Behandlung. Dagegen kann man einwenden, dass die Therapeuten im Hinblick auf ihre Patienten befangen sind und den Therapieerfolg günstiger einschätzen als er in Wirklichkeit ist. Deshalb müssen auch die Urteile der Patienten und ihrer Eltern einbezogen werden. Hierfür haben die Autoren ein Instrument entwickelt: den Fragebogen zur Beurteilung von Behandlungen (FBB).
Der FBB ermöglicht die Erhebung der Urteile über die Therapie vom Patienten, vom Therapeuten und von beiden Elternteilen. Der FBB ist ein standardisiertes Instrument, dessen Skalen aufgrund von Faktorenanalysen definiert wurden und das eine Erfassung der verschiedenen Aspekte der Therapiezufriedenheit beziehungsweise des wahrgenommenen Therapieverlaufs und -erfolgs in reliabler und valider Weise ermöglicht (4). Die bisherigen Untersuchungen mit dem FBB an verschiedenen Stichproben haben Folgendes ergeben:
c Bei allen Beurteilern (Eltern, Patienten und Therapeuten) erhält die Prozessqualität günstigere Beurteilungen als die Ergebnisqualität. Unter Prozessqualität versteht man im Wesentlichen die Kooperation zwischen dem Therapeuten und dem Patienten beziehungsweise zwischen dem Therapeuten und den Eltern. Unter Ergebnisqualität versteht man den Erfolg der Therapie für den Patienten (gemessen am Rückgang der Symptomatik) und den Erfolg für die Familie (Verbesserung der familiären Situation).
- Die Einschätzungen der Therapeuten sind in der Regel ungünstiger und kritischer als die der Patienten und ihrer Eltern. Dies zeigt zumindest, dass die Therapeuten im Hinblick auf die Beurteilung der von ihnen durchgeführten Behandlungen sich keineswegs überschätzen, sondern eher selbstkritisch sind.
- Der Erfolg hinsichtlich der Symptomatik des Patienten wird in der Regel günstiger eingeschätzt als der Erfolg hinsichtlich einer Verbesserung des elterlichen Verhaltens beziehungsweise der Familienbeziehungen.
Schlussfolgerungen
Die Therapieevaluation bei psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen ist eine große Herausforderung für Forschung, Klinik und Praxis. Obwohl mittlerweile eine große Zahl von experimentellen Therapiestudien mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen vorliegt, besteht noch ein erheblicher Mangel an Untersuchungen über die Wirksamkeit und Nützlichkeit von kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungen unter Alltagsbedingungen. Aus diesem Grund geht der Trend der Evaluationsforschung berechtigterweise heute in die Richtung der Therapieevaluation unter natürlichen Bedingungen in Klinik und Praxis. Soweit bisher überhaupt Evaluationsstudien unter klinischen Alltagsbedingungen durchgeführt wurden, sind ihre Ergebnisse häufig erheblich schlechter als die Ergebnisse der experimentellen „Forschungstherapien“ (die im Durchschnitt relativ gute Ergebnisse erbracht haben).
Mit den hier referierten Studienergebnissen wollten die Autoren zeigen, dass auch unter klinischen Bedingungen eine angemessene Therapieevaluation möglich ist und zu brauchbaren Ergebnissen führt, in denen die Effektivität und Nützlichkeit der durchgeführten Behandlungen deutlich wird. Voraussetzung ist allerdings eine intensive Schulung und langfristig angelegte Weiterbildung der Mitarbeiter, die Entwicklung und der Einsatz von Instrumenten, die reliabel, valide und unter klinischen Bedingungen einsetzbar sind und die Motivation aller Beteiligten, diese zusätzliche Arbeit auf sich zu nehmen.
Darüber hinaus ist es dringend notwendig, dass die Kostenträger der Krankenversorgung empirische Therapieevaluationen im Rahmen der Qualitätssicherung unterstützen, um längerfristig zu einer Verbesserung der Patientenversorgung zu gelangen. Denn die Therapieevaluation soll letztlich dazu dienen, ineffektive Interventionen zu reduzieren und erfolgreiche und nützliche Therapieangebote auszubauen. Um dies zu erreichen, ist es wünschenswert, dass Maßnahmen zur Qualitätssicherung und Therapieevaluation schon im Rahmen der Ausbildungsprogramme vermittelt und eingeübt werden. In einer Arbeitsgemeinschaft von Ausbildungsinstituten für die Verhaltenstherapie im Kindes- und Jugendalter wird zurzeit ein Vorschlag für die Qualitätssicherung von Ausbildungstherapien erarbeitet.
Nach derzeitigem Kenntnisstand über Ätiologie, therapeutische Beeinflussbarkeit und Verlauf psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter sind bei den meisten Störungsbildern gute Erfolge zu erzielen, 100-prozentige Erfolgsquoten der Behandlung können allerdings nur im Ausnahmefall erreicht werden, da viele Störungen zur Chronifizierung neigen. Ein wichtiger Gesichtspunkt, der sich auf diese längerfristige Perspektive bezieht und der in diesem Beitrag nicht behandelt werden konnte, ist die systematische Nachsorge und die Nachuntersuchung aller Patienten in regelmäßigen Abständen.
Für den stationären Bereich haben die Autoren in den letzten Jahren ein Evaluationsprojekt entwickelt und realisiert, bei dem die katamnestischen Befragungen durch ein standardisiertes Telefoninterview realisiert werden; erste Ergebnisse aus diesem Projekt wurden kürzlich veröffentlicht (3, 6).

Manuskript eingereicht: 21. 1. 2003 revidierte Fassung angenommen: 5. 3. 2003

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1066–1072 [Heft 16]
Literatur
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 2. Kazdin AE, Bass D, Ayers WA, Rodgers A: Empirical and clinical focus of child and adolescent psychotherapy research. J Consult Clin Psychol 1990; 58: 729–740.
 3. Mattejat, F, Hirsch, O, Remschmidt, H: Die Nutzung von Telefoninterviews für die Qualitätssicherung und Therapieevaluation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother 2002; 31: 17–34.
 4. Mattejat F, Remschmidt H: FBB: Fragebögen zur Beurteilung der Behandlung. In: Brähler E, Schumacher J, Strauß B, eds.: Diagnostische Verfahren in der Psychotherapie (Diagnostik für Klinik und Praxis, 1). Göttingen: Hogrefe 2002; 91–94.
 5. Paul G.: Strategy of outcome research in psychotherapy. J Consult Clin Psychol 1967; 31: 109–118.
 6. Remschmidt, H, Hirsch, O, Mattejat, F: Reliabilität und Validität von telefonisch erhobenen Evaluationsmaßen. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother 2002; 31: 35–49.
 7. Remschmidt H, Mattejat F, eds.: Treatment evaluation in child and adolescent psychiatry. Eur Child Adolesc Psychiatry 2001a; Suppl. 1.
 8. Remschmidt H, Mattejat F: The component model of treatment in child and adolescent psychiatry: Theoretical concept and empirical results. Eur Child Adolesc Psychiatry 2001b; Suppl.1: 26–45.
 9. Remschmidt H, Schmidt MH, Poustka F, eds.: Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO: Mit einem synoptischen Vergleich von ICD-10 und DSMIV. 4. revidierte Auflage. Bern: Huber 2001.
10. Remschmidt H, Walter R: Psychische Auffälligkeiten bei Schulkindern. Eine epidemiologische Untersuchung. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother 1990; 18: 121–132.
11. Shapiro DA, Shapiro D: Metaanalysis of comparative therapy outcome studies: a replication and refinement. Psychological Bulletin 1982; 92: 581–604.
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14. Weisz JR, Weiss B, Alicke MD, Klotz ML: Effectiveness of psychotherapy with children and adolescents: A metaanalysis for clinicals. J Consult Clin Psychol 1987; 55: 542–549.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und -psychotherapie
der Philipps-Universität
Hans-Sachs-Straße 6
35039 Marburg
E-Mail: remschm@med.uni-marburg.de

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (Direktor: Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt), Philipps-Universität, Marburg

Weitere Informationen im Internet:
www.ivv-marburg.de

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