ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2003Tate Modern und Tate Britain: Verbindung von Alt und Neu

VARIA: Feuilleton

Tate Modern und Tate Britain: Verbindung von Alt und Neu

Dtsch Arztebl 2003; 100(16): A-1077 / B-906 / C-850

Apke, Bernd

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Cornelia Parker: Cold Dark Matter – An Exploded View, 1991. Presented by the Patrons of New Art (Special Purchase Fund) through the Tate Gallery Foundation 1995 Foto: Tate Modern
Cornelia Parker: Cold Dark Matter – An Exploded View, 1991. Presented by the Patrons of New Art (Special Purchase Fund) through the Tate Gallery Foundation 1995 Foto: Tate Modern
Die Hoffnung, dass sich die Besuchermassen auf beide Häuser verteilen werden, trog:
Sie haben sich insgesamt sogar verdoppelt.
Am besten nähert man sich der Tate Modern, dem neuen Tempel der internationalen Kunst des 20. Jahrhunderts in London, vom alten Mittelpunkt der Stadt her, der 1709 vollendeten St. Paul’s Cathedral. Beide Gebäude verbindet die Millenniums-Bridge, jene von namhaften Planern zur Jahrtausendwende entworfene Beton-Stahl-Konstruktion, die nach ihrer Eröffnung gleich wieder geschlossen werden musste, da ihre enormen Schwingungen selbst die meerverbundenen Briten seekrank werden ließ. Das ist nun vorbei. Geht man auf der Brücke über die Themse zur Tate Modern hinüber, sieht man, dass sich mittlerweile auch im Stadtbild die Verbindung von Alt und Neu stabilisiert hat: Zuerst erscheint zur Linken die Tower-Bridge und dann dahinter die gerade hochgezogene Hochhaussilhouette des ehemaligen Hafengebietes, der Docklands, wo sich die zurzeit so schwer gebeutelten IT-Firmen niedergelassen haben.
Ehemaliges Kraftwerk
Die Tate Modern, die außen von einem hohen Schornstein halbiert wird, betritt man von der rechten Seite her und steht plötzlich in einer gewaltig aufragenden, 150 Meter langen Eingangshalle, die gleich erkennen lässt, welche Funktion sie ursprünglich hatte. Das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron hat ein ehemaliges Kraftwerk zum Ausstellungsgebäude umgebaut und die Kräne und Stahlträger im Innern belassen. Die pharaonischen Ausmaße dieser Backsteinkathedrale beherbergen sieben Etagen, wovon drei für die Dauerausstellung, eine für große Sonderausstellungen und die restlichen als Shops, Cafés und ein exklusives Restaurant im oben aufgesetzten, verglasten und nachts ausgeleuchteten Stockwerk verwendet werden. Die ausgedehnte kommerzielle Nutzung des Gebäudes trägt dazu bei, den Eintritt zur Dauerausstellung gratis anbieten zu können, doch das hauptstädtische Publikum sowie die Touristen strömen nicht nur deshalb zahlreich herbei: Gerade unter jungen Leuten gilt ein Spaziergang durch die Tate Modern als schick. Immerhin finden sie dort das wieder, was vor kurzem noch als der letzte Schrei in Kunstkreisen galt.
Einen ästhetischen Reflex auf die Stimmung in der Weltpolitik liefert eine Installation der 46-jährigen Britin Cornelia Parker, die ein hölzernes Gartenhaus mit mechanischen Elementen aller Art anfüllte und das Ganze dann durch die britische Armee sprengen ließ. Die übrig gebliebenen Teile hängen nun, einzeln an Bindfäden befestigt, in der Tate Modern: außen die hölzernen, innen die metallenen Bruchstücke, angeleuchtet von einer nackten Glühbirne in der Mitte.
Die Tate Modern bietet keinen chronologischen Durchgang durch das 20. Jahrhundert, sondern gliedert die Werke nach übergreifenden Themen, die sich an die Gattungen der klassischen Kunsttheorie anlehnen. Dieses jeder Langeweile vorbeugende Konzept findet man auch im Mutterhaus der Tate Modern, der Tate Britain, in der Nähe von Westminster, wo ausschließlich Kunst britischer Künstler der letzten 500 Jahre ausgestellt wird. Entstanden durch eine Stiftung des viktorianischen Wirtschaftsmagnaten Henry Tate, des Erfinders des Würfelzuckers, sollte die „Tate“ ursprünglich nur britische Kunst sammeln, doch man erweiterte die Bestände schon bald um internationale, zeitgenössische Kunst.
Die Magie des Lichts
Als mehrfache Anbauten und diverse Filialen, zum Beispiel die Tate Liverpool, die drängenden Raumprobleme nicht minderten, nahm man die Tate Modern ins Auge. Jetzt kann man sich in der Tate Britain wieder auf britische Kunst
beschränken. Die Hoffnung aber, dass sich die Besucherströme nun auf beide Häuser verteilen würden, trog allerdings: Sie haben sich verdoppelt, und es ist voll wie immer – kein Wunder, bietet die Sammlung doch das Feinste der Kunstproduktion des Landes, wie zum Beispiel von William Turner, der die englische romantische Landschaftsmalerei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu ihrem Höhepunkt führte. Turners mit der Magie des Lichtes spielende Werke füllen einen ganzen Trakt der Tate Britain und rechtfertigen allein einen Besuch. Bernd Apke

Tate Modern: Bankside, London SE1 9TG, Öffnungszeiten: sonntags bis donnerstags 10 bis 18 Uhr, freitags bis samstags 10 bis 22 Uhr
Tate Britain: Millbank, London SW1P 4RG, Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, Informationen: www.tate.org.uk
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