ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2003Kunst und Psyche: Wiederkehr des Verdrängten

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Kunst und Psyche: Wiederkehr des Verdrängten

Dtsch Arztebl 2003; 100(16): A-1078 / B-907 / C-851

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Nur in der direkten Ansicht erschließt sich das tief gefurchte Holzrelief dem Betrachter. Man erkennt ein männliches Profil in der unteren Bildhälfte und erahnt ein Maul mit Zähnen in der oberen Bildhälfte. Daneben ein Auge, das von der roten Linie des Mauls mit umfasst wird. Ein seltsames Gebilde, der Schädel eines zähnebleckenden Untiers?
Der Farbauftrag unterstreicht das Beunruhigende der Reliefdarstellung. Es sind starke, kontrastreiche Farben, die sich über das Bild ergießen und die Dramatik des Inhalts verstärken: „In meinem Kopf war eine Wunde. Dort kämpften relativ gutmütige Tiere gegen böse Tiere, die die guten fressen wollten. Damit sie das nicht taten, musste man die bösen füttern.“ Dies war ein Traum des Künstlers Antonius Höckelmann, den er gut zehn Jahre vor der Herstellung des hier gezeigten Werkes hatte. Spätestens jetzt stößt man auf das Besondere dieser Bilderfindung: Die Stirn des Männerkopfes ist aufgebrochen, das Ungeheuer wächst aus dem Gehirn des Mannes in die Höhe. Dem Holz und der Stirn des Mannes ist eine Verletzung zugefügt worden, die das Emporbrechen des Untiers plastisch erlebbar werden lässt.
Betrachtet man etwas höher die obere Kante des Holzblocks (in der Abbildung nicht zu erkennen), findet man den Titel: „Versuchung des Antonius“. Die Kämpfe im Kopf erhalten dadurch eine kunsthistorische Anbindung. Wer würde nicht an
die häufig von Hieronymus Bosch bis Matthias Grünewald, von Alfred Kubin bis Max Ernst gestaltete „Versuchung des heiligen Antonius“ denken, an Antonius (251 bis 356), den Vater der Mönche und Äbte. Seine Versuchungen durch den Teufel, der ihn von seinem Glaubenseifer, seiner Askese und seiner Suche nach Gott abbringen wollte, waren Anlass für bildgewaltige Darstellungen aggressiver und sexueller Art vor allem vom Ende des 15. bis zum 17. Jahrhundert. Was ursprünglich als Ansporn für die Kraft des Glaubens galt, kann heute als Wiederkehr des Verdrängten verstanden werden. Es sind die nach außen projizierten Kämpfe in seinem Kopf, die der heilige Antonius auszufechten hatte. Hartmut Kraft

Biografie Antonius Höckelmann:
Geboren 1937 in Oelde/Westfalen. Nach einer Lehre als Holzbildhauer Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin 1957 bis 1961 bei Karl Hartung. Neben großformatigen Zeichnungen wurde er mit seinen Reliefs und Skulpturen bekannt, die zum Teil aus ungewöhnlichen Materialien wie Styropor gefertigt wurden. 1977 und 1982 Beteiligung an der Documenta 6 und 7 in Kassel. Gestorben 2000 in Köln.

Literatur
Höckelmann A: Skulpturen und Handzeichnungen. Joseph-Haubrich-Kunsthalle, Köln 1980.
Kraft H: Antonius Höckelmann – Der Maler. Köln: Salon Verlag, 1999.
Trebbin H: St. Antonius. Geschichte, Kult und Kunst. Frankfurt: Haag und Herrchen, 1994.
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