VARIA: Post scriptum

Kein Entrinnen

Dtsch Arztebl 2003; 100(16): [76]

Pfleger, Helmut

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Beim letzten deutschen Ärzteturnier in Bad Neuenahr war zum Auftakt als Simultanspieler auch Vlastimil Hort dabei. So weit, so gut, das „Problem“ mit ihm kam erst einen Tag später. Denn da hat er nichts Besseres zu tun, als im Foyer des Kurhauses, in welches die Ärzte in den Pausen zwischen ihren Partien strömen, froh, für eine kurze Erholungsphase der klau-
strophobisch-begrenzten Welt
der 64 Felder entronnen zu sein, all den Springergabeln, Bauernstürmen und Läuferfesselungen und, frei nach Goethe, anderen Bestien des Schachspiels, just dort also ein Schachproblem aufzubauen. Und wie die Mücken vom Licht, so werden viele von diesem geheimnisvollen Brett angezogen, umso stärker, je mehr sich bereits darum scharen. Nicht so ich, ich kenne meinen Pappenheimer Vlastimil, ahne, welche Gefahren dort lauern, klammheimlich will ich vorbeihuschen: „Nein, nicht schon wieder!“
Doch schon hat mich Helmut Werner, der schachbegeisterte Schlussredakteur des Deutschen Ärzteblattes, erspäht: „Ach, kommen Sie doch mal!“ Ich komme und bereue es schon nach einem flüchtigen Blick aufs Brett. Mein Gott, welch Durcheinander! Allein die Bauern – in welche Richtung ziehen sie eigentlich? Rauf oder runter, nach Norden oder Süden? Confusio totalis cerebralis. Und wundere mich noch mehr über Vladimir Nabokov, der über das Komponieren von Schachproblemen schrieb: „Häufig spürte ich in einem günstigen Augenblick mitten am Tag, am Rande irgendeiner trivialen Beschäftigung, im müßigen Gefolge eines flüchtigen Gedankens, wie ich vor lebhaftem geistigen Vergnügen zusammenzuckte, während sich unversehens die Knospe eines Schachproblems in meinem Kopf öffnete und mir eine Nacht der Mühsal und Glückseligkeit versprach“ (aus „Sprich, Erinnerung, sprich“).
Genau das ist es, worauf wir Schachspieler hereinfallen, nur allzu bereitwillig, immer wieder – und eine andere Warnung ebendieses Nabokov überhören: „Seine Nächte waren qualvoll. Er konnte sich nicht dazu zwingen, das Schach zu vergessen. Obgleich er todmüde war, vermochte es der Schlaf nicht, von seinem Gehirn Besitz zu ergreifen, und versuchte er dennoch einzudringen, stand an jedem Schlupfloch eine Schachfigur Wache“ (aus „Lushins Verteidigung“).
Wenn Sie trotz alledem zu den Unverbesserlichen zählen und es partout nicht lassen können, bitte schön!
Weiß zieht an und setzt im zweiten Zug matt. Ich wünsche Ihnen eine Nacht der Mühsal und Glückseligkeit!
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