ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Palliativmedizin: Eine Alternative zur aktiven Sterbehilfe

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Palliativmedizin: Eine Alternative zur aktiven Sterbehilfe

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1092 / B-920 / C-864

Lennert, Kurt

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Ricam-Hospiz in Berlin: Eine Besucherin und eine Pflegerin spielen mit einer Patientin „Das verrückte Labyrinth“. Foto: KNA
Ricam-Hospiz in Berlin: Eine Besucherin und eine Pflegerin spielen mit einer Patientin „Das verrückte Labyrinth“. Foto: KNA
Nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Mediziner ist es Aufgabe des Arztes, auch unheilbar kranken
Patienten eine bestmögliche Lebensqualität zu ermöglichen.

Seit etwa 1980 entstand in der Medizin ein neuer Schwerpunkt, die Palliativmedizin, deren Aufgabe es ist, Patienten mit unheilbarer Krankheit und begrenzter Lebenserwartung ganzheitlich zu betreuen. Ihr Ziel ist es, durch eine bedürfnisorientierte Medizin eine bestmögliche Lebensqualität für den Patienten und die Angehörigen zu erreichen. Mit dem Thema „Palliativmedizin als Alternative zur aktiven Sterbehilfe“ beschäftigte sich vor kurzem die 42. Tagung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Mediziner in Kirchheim, die in diesem Jahr auf ihr 30-jähriges Bestehen zurückblicken konnte.
150 Ärztinnen und Ärzte befassten sich mit dem Thema: „Palliativmedizin als Alternative zur aktiven Sterbehilfe“. In einem theologischen Grundsatzreferat sprach Prof. Dr. Jürgen van Oorschot (Jena) über das christliche Postulat der Sterbebegleitung. Unter anderem führte er aus, dass für ethische Fragen das Liebesgebot als christliche Grundorientierung gelte. Bei der Übertragung des Liebesgebots auf die
Arzt-Patienten-Beziehung müsse man berücksichtigen, dass sich zwei Menschen mit ungleichen Vorgaben begegnen. Auf der einen Seite stehe der Arzt, der aufgrund seiner Erfahrung einen Rat gibt und eine Behandlung ausführt, der aber auch manipulieren oder etwas Letztbestimmendes ausüben kann. Auf der anderen Seite befinde sich der selbstbestimmende, schwache, kranke oder sterbende Patient, der unter Umständen seine Autonomie verloren hat. Es sei Aufgabe des Arztes, eine Kultur des Lebens zu entwickeln, Beziehungen, die durch Krankheit und Sterben abgebrochen wurden, zu erhalten und zu stützen. Das Liebesgebot gestatte weder einem liebenden noch einem geliebten Menschen, über sich selbst zu verfügen. Übertragen auf die aktive Sterbehilfe, bedeutet dies, dass der Arzt auch nicht aus Liebe töten dürfe.
Nach wie vor bestünde bei ethischen Grundprinzipien, wie „primum non nocere“, „salus aegroti suprema lex“ und „voluntas aegroti lex“ ein allgemeiner Konsens, betonte Prof. Dr. Johannes G. Meran (Wien). Da in den letzten Jahren bioethische Prinzipien, wie Nutzen einer Behandlung und die Möglichkeit der Autonomie, zunehmend an Bedeutung gewonnen hätten, seien bezüglich der aktiven Sterbehilfe drei Grundfragen entstanden: 1. Besitzt das menschliche Leben einen Wert für sich, beziehungsweise hängt der Wert des Lebens von der Lebensqualität ab? 2. Soll das Tötungsverbot als Prinzip aufrechterhalten werden? 3. Wo liegen die Grenzen der Selbstbestimmung?
Durch das Recht des Patienten, selbst ärztliche Behandlungsmaßnahmen festzulegen beziehungsweise abzulehnen, sei ein Paradigmenwechsel in der Arzt-Patienten-Beziehung entstanden, der durch die explosionsartige Entwicklung der Kommunikationswelt und die Selbstbestimmungsbewegungen wesentlich gefördert worden sei. Intention dieser Bewegungen sei gewesen, die Behandlungspflicht des Arztes zu beschränken und das Recht des Patienten zu begrenzen.
Meran forderte, dass der Arzt beim Einsatz der Palliation nicht paternalistisch, sondern als „Treuhänder“ die Interessen des Patienten bestmöglich vertreten sollte. Schwierig sei es, im Einzelfall den Zeitpunkt zu bestimmen, wann die kurative Therapie aufgegeben und die palliative beginnen sollte. Wichtigstes Handlungsziel für den Arzt sollte es sein, Symptomfreiheit zu erreichen und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Das Tötungsverbot sollte aufrechterhalten bleiben, forderte Meran, da Leid nicht durch Tötung des Leidenden abzuschaffen sei.
In Workshops wurden die juristischen und ärztlichen Aspekte des Selbstbestimmungsrechts und der Patientenverfügung erörtert. Als wichtige, ungeklärte Probleme der Patientenverfügung wurden hervorgehoben, dass sie bisher gesetzlich nicht verankert sei, dass sie von Menschen in gesunden Tagen hypothetisch abge-fasst werde und dass sie ein Misstrauen gegenüber dem behandelnden Arzt dokumentiere. Die Patientenverfügung macht nach Auffassung Merans die ärztliche Betreuung und palliative Behandlung unheilbar Kranker und Sterbender zum großen Teil bedeutungslos. Prof. Dr. med. Kurt Lennert
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