ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Interdisziplinäre Zentren für Klinische Forschung: Viele Erwartungen wurden erfüllt

THEMEN DER ZEIT

Interdisziplinäre Zentren für Klinische Forschung: Viele Erwartungen wurden erfüllt

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1104 / B-929 / C-873

Lehmann-Horn, Frank

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Foto: phalanx
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Leistungsbezogene Mittelverteilung und Forschungsförderung, Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses – das Beispiel des IZKF Ulm zeigt, wie ein Projekt zur Verbesserung der klinischen Forschung weitgehend
erfolgreich umgesetzt wurde.


Vor etwa sechs Jahren gingen bundesweit acht interdisziplinäre Zentren für Klinische Forschung (IZKF) mit dem Ziel an den Start, die eher als mittelmäßig geltende klinische Forschung an den deutschen Hochschulen zu verbessern. Dies sollte durch verstärkte Kooperation von Klinikern und Grundlagenwissenschaftlern und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses erreicht werden. Die Zentren in Aachen, Erlangen, Jena, Köln, Leipzig, Münster, Tübingen, Würzburg und Ulm haben sich zur Association of Clinical Research Centers zusammengeschlossen. An der Schwelle zur dritten Förderphase am IZKF Ulm ist es an der Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.
Das IZKF Ulm hat in den ersten beiden Förderperioden einen degressiv gestaffelten Betrag von insgesamt 10,3 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) erhalten. Zu dieser Bundesförderung bekam das IZKF über die Medizinische Fakultät mit 8,4 Millionen Euro noch einen erheblichen Finanzierungsanteil aus dem Landeszuführungsbetrag für Lehre und Forschung. Allerdings erhielt die Fakultät aufgrund der im IZKF erbrachten Leistungen 74 Prozent dieser Summe über die leistungsorientierte Bemessung von Zuschüssen durch das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft und Kunst wieder zu anderweitiger Verwendung zurück. Weitere beachtliche Mittel brachte in der Anfangsphase das Universitätsklinikum ins IZKF ein: Es kam für den Neubau des ZKF-Gebäudes und für die Geräte-Grundausstattung aller dort untergebrachten Labors auf.
Die Bundesförderung erfolgte degressiv; sie nahm in acht Jahren von 90 auf zehn Prozent ab. Das hat sich als zweischneidiges Schwert erwiesen. Einerseits sollte ein lukrativer Start die Medizinischen Fakultäten zur Teilnahme am Wettbewerb verlocken. Ein zunächst sehr hoher Bundesanteil war auch nötig, um den dann ausgewählten Instituten den Start zu erleichtern. Andererseits war aufgrund der degressiven Förderung absehbar, dass der steigende Eigenanteil der Medizinischen Fakultät zunehmenden Widerstand gegen diese „Bevorzugung der IZKFler“ verursachen würde. Die Eingliederung des IZKF in die bestehenden Fakultätsstrukturen konnte dies zwar verhindern, hat aber die Entwicklung neuer Forschungsstrukturen gebremst. Eine weniger steile Degression, zum Beispiel von 70 auf 30 Prozent, hätte die Entwicklungsmöglichkeiten des IZKF sicher verbessert.
Breites Themenspektrum
Das wissenschaftliche Themenspektrum des IZKF Ulm ist wie bei allen anderen IZKF relativ breit und in mehrere Schwerpunkte gegliedert. Die drei Forschungsschwerpunkte der vergangenen sechs Jahre – Immunmodulation bei Entzündungen, Bewegungsapparat und Nervensystem sowie Onkologie – waren zusammengefasst unter dem Titel „Molekulare Pathomechanismen entzündlicher, degenerativer und maligner Erkrankungen: Ansätze einer verbesserten Krankheitserkennung und
-behandlung“. Projekt- und schwerpunktübergreifende Kooperationen sind eine zunehmend härtere Forderung des Geldgebers und der externen Gutachter. Derartige Randbedingungen werden den Persönlichkeitsmerkmalen eines Wissenschaftlers meist nicht gerecht, sondern dienen eher politischen Zielen. Die beabsichtigte Profilbildung lässt sich eher durch die Berufungspolitik als durch mehr oder weniger erzwungene Kooperationen steuern.
Alle anderen Erfahrungen sind dagegen uneingeschränkt positiv. An erster Stelle ist die Qualität der wissenschaftlichen Forschung zu nennen. Als Indikator der Forschungsqualität eignen sich anerkanntermaßen die Impaktfaktoren der Publikationen. Erstaunlicherweise sind die jährlichen Impaktwerte der Ulmer-IZKF-Veröffentlichungen etwa doppelt so hoch wie die der „übrigen“ medizinischen Fakultät. Die statistische Auswertung der Mediane ergab für alle Jahre einen hoch signifikanten Unterschied (p < 0.0001). Der Zeitraum vor 1998 ließ sich nicht berücksichtigen, da die Fakultätsdaten zuvor nicht systematisch dokumentiert wurden. Die nahe liegende Frage, ob die Gruppen, die im IZKF Ulm gefördert wurden, generell höherwertig publizieren oder erst durch die BMBF-Förderung in diese Lage versetzt wurden, lässt sich deshalb nicht endgültig beantworten. Da der Impact-Faktor der 1996 und 1997 erschienenen IZKF-Publikationen aber ebenfalls bei Werten um fünf liegt, ist anzunehmen, dass es eher an der Positivauswahl der Arbeitsgruppen lag. Das bedeutet, dass die mit den Jahren progredienten Forschungsmittel der Fakultät – wie gefordert – nachweislich nach dem Leistungsprinzip vergeben wurden.
Wissenschaftlicher
Nachwuchs wird gefördert
Im Ulmer IZKF wurden Formen der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses entwickelt, die unter allen IZKF in Deutschland einmalig sind. So wurden Nachwuchsgruppen gebildet, deren Leiter nicht allein von außen angeworben wurden, sondern die von engagierten jungen Ärzten und Wissenschaftlern aus den eigenen Reihen geleitet wurden. Diese Nachwuchsgruppenleiter haben die besondere Chance hervorragend genutzt. Das zweite Fördermodell ist die Vergabe von IZKF-Stipendien (gegenwärtig sind es zehn) an Doktoranden, die ihre Doktorarbeit innerhalb von IZKF-Projekten anfertigen. An deutsche Doktoranden werden die Stipendien nach DFG-Richtlinien vergeben, ausländische Doktoranden werden zusätzlich durch das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderte „Internationale Postgraduierten-Programm“ (IPP) betreut. Alle diese Doktoranden nehmen am Promotionsstudium des DFG-geförderten Graduiertenkollegs 460 „Therapeutische und diagnostische Konzepte in der Molekularen Medizin“ teil (http://grk.uni-ulm.de/). Das vom IZKF initiierte Promotionsstudium erwies sich als so erfolgreich, dass sich die Ulmer Medizinische Fakultät dazu entschlossen hat, es auszubauen. Die Fakultät möchte den Ph.D. in Biomedical Sciences als weiteren Abschluss anbieten; die endgültige Entscheidung über den internationalen Abschluss wurde vom Wissenschaftsministerium des Landes noch nicht genehmigt. Dagegen wurde der ebenfalls auf dem Kolleg aufbauende neue BSc- und MSc-Studiengang „Molekulare Medizin“ vom Ministerium trotz der englischsprachigen Bezeichnung uneingeschränkt begrüßt, wie es ja auch bei der Forderung nach mehr Internationalität zu erwarten war.
Als sinnvoll hat sich die Einrichtung von „Core Facilities“ erwiesen. Dabei handelt es sich um zentrale Ressourcen, die zwar von einem Projekt betreut werden, aber jedem IZKF-Wissenschaftler zur Verfügung stehen. Die „Core Facilities“ bergen ein beträchtliches Einsparpotenzial, da teure Großgeräte nur einmal angeschafft werden müssen, und die gemeinsame Gerätenutzung führt fast automatisch zu Kooperationen.
Öffentlichkeitsarbeit
Eine Besonderheit des IZKF Ulm besteht darin, dass auf Initiative des Sprechers eine Stelle für Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationsförderung eingerichtet wurde. Der Stelleninhaber soll die Öffentlichkeit auf die Forschungsarbeiten im IZKF aufmerksam machen und neben Fachleuten insbesondere auch nichtfachkundige Bürger jeden Alters über den Sinn gentechnologischer und tierexperimenteller Arbeiten informieren. In den vergangenen Jahren konnten zahlreiche Artikel zu diesen Themen in der regionalen und überregionalen Presse veröffentlicht werden.
Die Einrichtung einer eigenen Geschäftsstelle mit einem administrativen Ansprechspartner hat sich als großer Pluspunkt für die Arbeit im IZKF herausgestellt. Die Forscher sind nicht mit wissenschaftsfremden Dingen belastet und können sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren. Mit der Eingliederung des IZKF in die Fakultätsstrukturen wurde die Behandlung inzwischen dem universitätsüblichen Niveau angeglichen. !
Eine Einrichtung, die öffentlich gefördert wird, muss einer effektiven Kontrolle unterliegen. Ein externes Gremium kann die Qualität von Forschungsprojekten fraglos neutraler beurteilen als eine interne Institution. Deswegen war es richtig, einen externen Beirat als Kontrollinstanz einzusetzen. Zusätzlich erfolgten im Auftrag des BMBF vergleichende Evaluierungen zu Strukturen, Finanzierungsmodellen und Erfolgskontrolle/Qualitätssicherung an den acht interdisziplinären Zentren, die vom Fraunhofer-Institut Systemtechnik und Innovationsforschung durchgeführt wurde und bei denen sich das Ulmer IZKF gut positionieren konnte (siehe Textkästen).
Strukturänderung blieb aus
Mehrere Ziele, die das BMBF und die Fakultät mit dem IZKF Ulm verfolgt hatten, wurden erreicht: eine leistungsbezogene Forschungsförderung, eine bessere Ausbildung in Molekularer Medizin und eine erfolgreiche Förderung des eigenen wissenschaftlichen Nachwuchses. Auf dem Gebiet der Doktorandenausbildung wäre eine breite Initiative sicher wünschenswert, um die an der Ulmer und einigen anderen Medizinischen Fakultäten entwickelten Maßnahmen flächendeckend zu implementieren. Was die leistungsbezogene Mittelverteilung betrifft, hat
die BMBF-Maßnahme eine Entwicklung eingeleitet oder zumindest beschleunigt, die inzwischen von den Landesregierungen übernommen und weiter ausgebaut wurde. Die vom BMBF gewünschte Strukturänderung hat nicht stattgefunden, wohl auch nicht in den anderen IZKF. Ein „Staat im Staate“, auch wenn er Neues erdenkt und testet, ist von den Vorständen der Medizinischen Fakultäten aus verständlichen Gründen nicht erwünscht. Skeptisch zu betrachten ist auch der auferlegte Zwang zur Kooperation, der selbst wissenschaftlich exzellente Einzelgruppen benachteiligt. Rückblickend hätte hier das IZKF Ulm mutiger sein können.

Prof. Dr. med. Frank Lehmann-Horn
Sprecher des IZKF Ulm (1995 bis 2002)
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