ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Geschichte der Medizin – Ansichten zur Ethik: Menschenversuch und Menschlichkeit

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Geschichte der Medizin – Ansichten zur Ethik: Menschenversuch und Menschlichkeit

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1108 / B-933 / C-877

Schott, Heinz

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Nürnberger Ärzteprozess: Die polnische Zeugin J. Bzize zeigt ihre Narben am rechten Bein – Folge medizinischer Experimente im Konzentrationslager Ravensbrück. Foto: dpa
Nürnberger Ärzteprozess: Die polnische Zeugin J. Bzize zeigt ihre Narben am rechten Bein – Folge medizinischer Experimente im Konzentrationslager Ravensbrück. Foto: dpa
In der Neuzeit setzte sich in den Naturwissenschaften die Auffassung durch, dass die Natur durch Experimente kunstgerecht zu einer Antwort zu nötigen sei. Im aktuellen Diskurs der Bioethik vermisst man die anthropologisch orientierte medizinhistorische Rückschau.

Heinz Schott

Seit dem 19. Jahrhundert hält die moderne (natur-)wissenschaftliche Medizin – heute „Biomedizin“ genannt – das Humanexperiment für unverzichtbar: Es gilt als eine entscheidende Triebfeder für den wissenschaftlichen Fortschritt. Vor dem Hintergrund der verbrecherischen Menschenversuche in Konzentrationslagern des Nazi-Regimes definierten der „Nürnberger Kodex“ von 1947 im Anschluss an den Nürnberger Ärzteprozess sowie die darauf aufbauenden Deklarationen von Helsinki und Tokio die prinzipiellen Voraussetzungen, unter denen Menschenversuche überhaupt zulässig sind (7). Inzwischen gibt es für die klinische Forschung ein gesetzlich verankertes Regelwerk, dessen Befolgung vor allem die zuständigen Ethikkommissionen zu kontrollieren haben. Die Problematisierung des Humanexperiments aus einer (anthropologisch orientierten) medizinhistorischen Perspektive findet im gegenwärtigen Diskurs der Bioethik kaum statt. Erst in der Neuzeit setzte sich in den (Natur-)Wissenschaften die Auffassung durch, dass die Natur durch Experimente kunstgerecht zu einer Antwort zu nötigen sei. So forderte Kant, dass die Vernunft durch das Experiment von der Natur belehrt werden solle, „aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen lässt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nöthigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt“ (4). Gleichwohl werden noch in der Goethezeit skeptische Vorbehalte laut: So unterschied Johannes Müller 1824 in seiner Bonner Antrittsvorlesung „Von dem Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung“ scharf zwischen der „schlichten“, „aufrichtigen“ Beobachtung und dem „künstlichen“, „ungeduldigen“ Experiment: „Man darf die Natur nur auf irgendeine Weise gewalttätig versuchen; sie wird immer in ihrer Noth eine leidende Antwort geben.“ (5)
Experimentelle Medizin
Gegen eine solche Einstellung zog der Wegbereiter der experimentellen Medizin, Claude Bernard, eine Forschergeneration später vehement zu Felde. Er stellte in seiner programmatischen Schrift von 1865 der beobachtendenden Medizin die experimentelle Medizin gegenüber, der es – wie der Physik und Chemie – nicht nur darum gehe, die Naturvorgänge vorauszusehen, sondern „sie nach Belieben zu lenken und Herr über sie zu werden“. Das Experimentieren dürfe nicht durch unnützes Philosophieren behindert werden: Erst einmal sollten die jungen Leute in die Wissenschaft eingeweiht werden, und zwar in den Laboratorien als „ihrem wahren Heiligtume“ (1).
Hier ist auf die zentrale Bedeutung des Tierversuchs für die experimentelle Medizin hinzuweisen, der spätestens seit dem 18. Jahrhundert systematisch dem Menschenversuch vorgeschaltet wird. In der aktuellen medizinethischen Debatte wird das Verhältnis, die „Verwandtschaft“ von Mensch und Tier, kaum tiefer gehend reflektiert. Die Biomedizin im Fahrwasser eines molekularbiologisch verfeinerten Darwinismus interessiert sich nur für den Vergleich in der genetischen Ausstattung und nicht für das weitreichende Beziehungsgeflecht, das die Menschheit in kulturhistorischer und anthropologischer Hinsicht (immer noch) mit der Tierwelt verbindet.
Der Mensch als „Versuchskaninchen“
In Georg Büchners „Woyzeck“ wird der Menschenversuch als Nötigung der Natur charakterisiert, auf die Frage der Wissenschaft in einer bestimmten Weise zu antworten (Textkasten 1). Wie am Doktor in Büchners „Woyzeck“ zu beobachten, will sich der Experimentator ganz aufs Objektive beschränken und alle Emotionen aus seiner Begegnung mit der Versuchsperson heraushalten. Damit reduziert er sein Gegenüber auf ein Versuchsobjekt, dessen physiologische Prozesse ihn nur noch als quantifizierbare Größen zu interessieren haben, die objektiv zu messen sind.
Bevorzugt wandte sich die Forschung im 19. und 20. Jahrhundert – besonders in Zeiten der Krise und des Krieges – stigmatisierten Randgruppen zu: Strafgefangenen, politischen Häftlingen, „Asozialen“, rassenbiologisch „Minderwertigen“, Armen und Behinderten. Seit dem 18. Jahrhundert spielen hierbei Infektions- und Impfversuche eine zentrale Rolle, etwa auf dem Gebiet der Geschlechtskrankheiten. Als ein eklatantes Beispiel kann der berühmt-berüchtigte Fall des Breslauer Dermatologen Albert Neisser dienen, der 1892 in seiner Klinik eine Reihe von Patientinnen mit dem Serum von Syphiliskranken impfte, um festzustellen, ob sich hierdurch eine Immunisierung erreichen ließe. Während vier Patientinnen – davon drei minderjährige Mädchen – nicht erkrankten und somit Neissers Annahme sich zu bestätigen schien, brach bei den vier übrigen Patientinnen – Prostituierten, die wegen anderer Geschlechtskrankheiten in Behandlung waren – in der Folgezeit die Syphilis aus. Neisser verneinte grundsätzlich die Möglichkeit, dass dies die Folge seiner intravenösen Seruminjektionen gewesen sein könnte, da die Prostituierten sich auch anderweitig hätten infizieren können. Neisser wurde in einem Disziplinarverfahren zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt und dafür gerügt, dass er seine Patientinnen ohne deren Zustimmung geimpft hatte (2).
In der 1900 erschienenen anonymen Broschüre „Arme Leute in Krankenhäusern“ wurde eine Reihe von Fällen geschildert, bei denen unter anderen hoch angesehene Universitätsprofessoren mit ihren Krankenhauspatienten ohne deren Aufklärung und Einwilligung experimentierten. Es war für die ärztlichen Forscher jener Zeit keine Frage, dass mit Patienten der Unterschicht zum Wohl der Menschheit experimentiert werden durfte, ja sogar notwendigerweise experimentiert werden musste. Moralische Hemmungen konnten umso leichter überspielt werden, je stärker die Versuchspersonen von der Gesellschaft als kranke oder gefährliche „Untermenschen“ (oder gar Unmenschen) wahrgenommen wurden.
Im Zeitalter der aufblühenden naturwissenschaftlichen Medizin schien die Freiheit der Wissenschaft zunächst fast grenzenlos zu sein. Als einer der wenigen Ärzte beklagte Albert Moll in seiner „Ärztlichen Ethik“ (1902), dass immer wieder „Mediziner, von einer Art Forschungsmanie besessen“, sich über Recht und Sittlichkeit hinwegsetzten: „Die Grenze zwischen Mensch und Tier ist für sie verwischt. Der unglückliche Kranke, der sich ihnen zur Behandlung anvertraut hat, wird von ihnen schmählich betrogen, das Vertrauen getäuscht, und der Mensch wird zum Versuchskaninchen degradiert.“ Zahlreiche ethisch unzulässige Menschenversuche konnten in letzter Zeit – oft Jahrzehnte nach ihrer Durchführung – insbesondere in den USA aufgedeckt werden (3).
Ärztliche Erlösungsfantasien
Der Doktor verkündet im „Woyzeck“: „Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft.“ Wo der Fortschrittsglaube herrscht, ist die Erlösungsfantasie nicht weit: Neuartige Heilmethoden und Heilmittel, Schutzimpfungen und Präventivmaßnahmen sollten die Menschen vom Elend erlösen und den jeweiligen Entdecker unsterblich machen. Angesichts des greifbaren Massenelends durch Seuchen und Infektionskrankheiten waren Versuche – auch heroische Selbstversuche – in der Medizin üblich.
Ein Beispiel aus der Vorgeschichte der modernen Bluttransfusion kann dies illustrieren. Bereits im 17. Jahrhundert wurde mit Bluttransfusionen vom Tier auf den Menschen experimentiert. Man beobachtete damals bei der beliebten Transfusion von Lammblut die „Schaf-Melancholie“, die heute als Symptomatik der immunologischen Unverträglichkeit begriffen wird. Wegen der Zwischenfälle wurden diese frühen Versuche wieder aufgegeben. Interessanterweise erlebten diese Lammbluttransfusionen zwischen 1873 und 1875 eine Renaissance. Der praktische Arzt Oskar Hasse aus Nordhausen erregte mit seinen scheinbar erfolgreichen Transfusionen großes Aufsehen – Patienten strömten in seine Praxis. Hasse führte seine Methode auch in anderen Städten im Kollegenkreis vor. Wenn sich die regelmäßig auftretenden Unverträglichkeitsreaktionen bemerkbar machten, stoppte er die Transfusion (2).
Die Lammblutübertragung erlebte im 19. Jahrhundert eine Renaissance. Foto: Nach O. Hasse, Petersburg 1874
Die Lammblutübertragung erlebte im 19. Jahrhundert eine Renaissance. Foto: Nach O. Hasse, Petersburg 1874
Trotz der regelmäßig auftretenden und zum Teil lebensgefährlichen Nebenwirkungen (unter anderem Schüttelfrost, Angstgefühl, Atemnot, Ohnmacht) unternahmen zahlreiche, zum Teil berühmte Ärzte solche modischen Transfusionsversuche. Trotz aller Zwischenfälle gab es euphorisches Lob für diese Methode, wie einem Artikel der Wiener Medizinischen Wochenschrift von 1874 zu entnehmen ist: „Die Transfusion wird ein Segen werden in der Hand des Arztes und manches Leben [. . .] wird er hoffentlich zu kräftigen, zu erhalten im Stande sein. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, in welcher wir der Tuberkulose, dem Krebs, der Syphilis et cetera werden ein gebietendes Halt zurufen können.“ (2) Zur Rechtfertigung dieser zweifelhaften Transfusionsversuche wird bereits jene „Ethik des Heilens“ genannt, die auch heute wieder ins Feld geführt wird (10).
Diskriminierung und Bestrafung
Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ handelt von der geplanten Exekution eines Soldaten (Textkasten 2). Ihre technologische Durchführung erscheint wie eine medizinhistorische Karikatur des Humanexperiments: Es ist daran zu erinnern, dass bereits in der Antike Menschenversuche an zum Tod verurteilten Verbrechern durchgeführt wurden. Als berühmtes Beispiel gilt hier die Schule von Alexandrien im dritten Jahrhundert v. Chr.: Herophilos von Chalkedon (circa 330 bis 250
v. Chr.) sezierte systematisch Leichen, nahm aber auch Vivisektionen an zum Tode Verurteilten vor. Seine Unterscheidung zwischen sensorischen und motorischen Nerven resultierte – möglicherweise – aus solchen vivisektorischen Experimenten.
In der Medizingeschichte gibt es traditionell enge Verbindungen zwischen Strafvollzug (insbesondere der Hinrichtung) und medizinischer Forschung. Als makabrer Grenzfall können die elektrophysiologischen Untersuchungen an Enthaupteten (Guillotinierten) während der Französischen Revolution gelten. Namhafte Gelehrte – darunter Soemmerring und Eschenmayer – stritten sich, ob das Bewusstsein im abgetrennten Kopf fortdauere oder nicht (9).
Ein besonderes Kapitel stellt die gezielte Ermordung von Menschen dar, um sie anschließend der Anatomie zuzuführen. Man denkt unwillkürlich an das Anlegen der „jüdischen Skelettsammlung“ durch den Straßburger Ordinarius für Anatomie, August Hirth. Er ließ 80 im KZ Auschwitz ausgewählte „jüdisch-bolschewistische Kommissare“, die seiner Meinung nach ein „charakteristisches Untermenschentum“ verkörperten, töten, um ihre Schädel für die „Wissenschaft“ sicherzustellen (7). Aber auch unter harmloser erscheinenden Umständen konnten Anatomen zu Auftraggebern von Mördern werden. Es sei hier nur der Edinburgher Skandal von 1828/29 erwähnt, bei dem der bekannte Anatom Robert Knox offenbar 16 Menschen ermorden ließ, um sie sezieren zu können (6). Der Zweck heiligt die Mittel: Wie die Menschenversuche in Konzentrationslagern zeigen, gilt dies vor allem in Kriegszeiten, wo Experimente geheim, oft ohne – beziehungsweise mit fragwürdiger – Aufklärung und Einwilligung und ohne Rücksicht auf die Risiken durchgeführt wurden. Heute noch weitgehend tabuisiert sind die verbrecherischen japanischen Menschenversuche während des Zweiten Weltkriegs, etwa die künstliche Erzeugung von Gasbrand durch Splitterbomben an circa 3 000 Kriegsgefangenen in einem Lager (3).
1941 richtete die US-Regierung das Committee on Medical Research ein, um militärmedizinisch wichtige Forschungen in Universitäten, Krankenhäusern, Forschungseinrichtungen und Firmen zu koordinieren und voranzutreiben. Aus dieser Initiative gingen schließlich in der Nachkriegszeit die National Institutes for Health in Bethesda hervor. Für die notwendigen Menschenversuche zur Bekämpfung von kriegswichtigen Seuchen wurden vielfach Anstaltsinsassen herangezogen. So testete man experimentelle Impfstoffe und potenzielle Arzneimittel gegen bakterielle Dysenterie an Bewohnern von Anstalten für geistig Behinderte (3). Darüber hinaus fanden während und nach dem Zweiten Weltkrieg beim US-amerikanischen Militär unfreiwillige Versuche mit radioaktiver Strahlung an eigenen Soldaten statt, was erst 1994 durch eine Untersuchungskommission im Auftrag von US-Präsident Bill Clinton aufgedeckt wurde.
Unterschiedliche Methoden des ärztlichen Selbstversuchs
Wie die Geschichte der medizinischen Forschung an Menschen zeigt, können sich Experimentatoren auch selbst zum Versuchsobjekt machen und bereit sein, ihr Leben für einen „heiligen Zweck“ (Wissenschaft, Vaterland, Menschheit) zu opfern (8). Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass Motive und Methoden des ärztlichen Selbstversuchs (wie des Humanexperiments überhaupt) höchst unterschiedlich sind: Man vergleiche nur Hahnemanns systematische Arzneimittelprüfungen zur Begründung der Homöopathie (um 1800) mit Pettenkofers infektiologischem Selbstversuch mit Cholera-Bazillen (1892).
In Kafkas „Strafkolonie“ wird das „Aufgehen des Verstandes“, die Einschärfung einer höheren Vernunft auf dem Folterbett geschildert (Textkasten 2). Dies erinnert an die Zwangsbehandlung der „Irren“ in der vormodernen Psychiatrie („Irrenheilkunde“), die mit drastischen Mitteln und Apparaturen (zum Beispiel Drehmaschine oder Zwangsstuhl) im Namen von Philanthropie und Aufklärung zur Vernunft gebracht werden sollten. Was den zeitgenössischen Irrenärzten als Heilversuch oder Heilbehandlung vorkam, erscheint aus heutiger Sicht als grausame Folterung.
Entwürdigung des Menschen zum Versuchsobjekt
Allerdings stellt sich hier die Frage, inwieweit der Kulturprozess insgesamt als Resultat einer brutalen Vergewaltigung und schließlich (verinnerlichten) Selbst-Vergewaltigung des Menschen aufzufassen ist. Friedrich Nietzsche sagt in der „Genealogie der Moral“: „Wir modernen Menschen, wir sind die Erben der Gewissens-Vivisektion und Selbst-Tierquälerei von Jahrtausenden: Darin haben wir unsere längste Übung, unsere Künstlerschaft vielleicht, in jedem Fall unser Raffinement, unsere Geschmacks-Verwöhnung.“ Vielleicht kann man aus dieser Perspektive die Kulturentwicklung als Resultat eines gigantischen Experiments begreifen, wodurch dem Menschen eine höhere Vernunft eingeschärft wird, ein Versuch, den er allmählich so verinnerlicht hat, dass das Alltagsleben zu einem ständigen, routinemäßigen Selbstversuch geworden ist. Man könnte hier von einem „Wiederholungszwang“ im Sinne Freuds sprechen: Die Wiederholung des Unlustvollen, Schmerzhaften „jenseits des Lustprinzips“ ermöglicht es einer Person, das Unlustvolle, von dem sie zunächst nur passiv betroffen war, aktiv wie in einem (Kinder-)Spiel zu wiederholen.
Die Menschenversuche im Konzentrationslager bilden die erschreckende Quintessenz kultur- und wissenschaftshistorischer Voraussetzungen. Nirgends treten die beiden Hauptmomente, die am literarischen Beispiel von Georg Büchner und Franz Kafka illustriert wurden, brutaler hervor als hier: einerseits die Bemächtigung der menschlichen Natur, das heißt die absolute Entwürdigung des Menschen zum Versuchsobjekt; andererseits das Aufdrücken einer wissenschaftliche Signatur, das heißt die Brandmarkung bestimmter Menschen bis hin zu ihrer Vernichtung. Das monströse Ergebnis einer „Medizin ohne Menschlichkeit“ (7) als Bestandteil eines verbrecherischen Krieges ist: Unter bestimmten Bedingungen sind „ganz normale“ Menschen bereit, im Namen eines „heiligen Zwecks“ andere Menschen bis zu deren Vernichtung zu quälen. Das Unheimliche dabei ist, dass unter bestimmten Bedingungen „ganz normale“ Menschen auch bereit sein können, für einen „heiligen Zweck“ (die „Fahne“) ihr eigenes Leben zu opfern. Es scheint, dass die heutige medizinische Ethik in ihrem Alltagsgeschäft dieses anthropologische Rätsel aus den Augen verloren hat. Sie ist deshalb auch kaum in der Lage, das Untergründige, Abgründige des Kulturprozesses als unbewusstes Vorbild des Humanexperiments zu erahnen, das Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“ im Auge hat: „Fast alles, was wir ,höhere Kultur‘ nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung der Grausamkeit – dies ist mein Satz; jenes ‚wilde Tier‘ ist gar nicht abgetötet worden, es lebt, es blüht, es hat sich nur – vergöttlicht.“


zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1108–1111 [Heft 17]


Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit1703 abrufbar ist.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott
Direktor des Medizinhistorischen Instituts der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
Sigmund-Freud-Straße 25
53105 Bonn
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1.
Bernard C: Einführung in das Studium der experimentellen Medizin (franz. Originalausg. Paris 1865). Hrsg. von K. E. Rothschuh. Leipzig: Barth, 1961 (Sudhoffs Klassiker der Medizin; Bd. 35).
2.
Elkeles B: Der moralische Diskurs über das medizinische Menschenexperiment im 19. Jahrhundert. Stuttgart, Jena, New York: G. Fischer, 1996.
3.
Enclyclopedia of Bioethics. Revised ed. Ed. by Warren T. Reich. Vol. 4. New York: Macmillan Library Reference USA / Simon & Schuster Macmillan, 1995 (on „human“ and „unethical research“, pp. 2248–2261).
4.
Frey G: Experiment. In: Ritter J (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1972; 868–870.
5.
Haberling W: Johannes Müller. Leipzig: Akadem. Verlagsanstalt, 1924 (Große Männer; Band 9).
6.
Marshall T: Murdering to Dissect. Grove-robbing, Frankenstein, and the anatomy literature. Manchester, New York: Manchester Univ. Press, 1995.
7.
Mitscherlich A, Mielke F (Hrsg.): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt/M.: Fischer TB, 1987.
8.
Schott H: Die Bedeutung des ärztlichen Selbstversuchs in der Medizingeschichte. In Appell RG (Hrsg.): Der verwundete Heiler. Homöopathie und Psychoanalyse im Gespräch. Heidelberg: Haug, 1995; 13–33.
9.
Schott H (Hrsg.): Der sympathetische Arzt. Texte zur Medizin im 18. Jahrhundert. München: Beck, 1998.
10.
Schott H: „Ethik des Heilens“ versus „Ethik der Menschenwürde“. Dtsch Arztebl 2002; 99: 172–175 [Heft 4]. VOLLTEXT
1. Bernard C: Einführung in das Studium der experimentellen Medizin (franz. Originalausg. Paris 1865). Hrsg. von K. E. Rothschuh. Leipzig: Barth, 1961 (Sudhoffs Klassiker der Medizin; Bd. 35).
2. Elkeles B: Der moralische Diskurs über das medizinische Menschenexperiment im 19. Jahrhundert. Stuttgart, Jena, New York: G. Fischer, 1996.
3. Enclyclopedia of Bioethics. Revised ed. Ed. by Warren T. Reich. Vol. 4. New York: Macmillan Library Reference USA / Simon & Schuster Macmillan, 1995 (on „human“ and „unethical research“, pp. 2248–2261).
4. Frey G: Experiment. In: Ritter J (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1972; 868–870.
5. Haberling W: Johannes Müller. Leipzig: Akadem. Verlagsanstalt, 1924 (Große Männer; Band 9).
6. Marshall T: Murdering to Dissect. Grove-robbing, Frankenstein, and the anatomy literature. Manchester, New York: Manchester Univ. Press, 1995.
7. Mitscherlich A, Mielke F (Hrsg.): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt/M.: Fischer TB, 1987.
8. Schott H: Die Bedeutung des ärztlichen Selbstversuchs in der Medizingeschichte. In Appell RG (Hrsg.): Der verwundete Heiler. Homöopathie und Psychoanalyse im Gespräch. Heidelberg: Haug, 1995; 13–33.
9. Schott H (Hrsg.): Der sympathetische Arzt. Texte zur Medizin im 18. Jahrhundert. München: Beck, 1998.
10. Schott H: „Ethik des Heilens“ versus „Ethik der Menschenwürde“. Dtsch Arztebl 2002; 99: 172–175 [Heft 4]. VOLLTEXT

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