BRIEFE

DMP: Tiefer ins Elend

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1112 / B-938 / C-881

Saueressig, Udo

Zur Bürokratie in der Medizin:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Einführung der DMP zeichnet sich als großer Segen, insbesondere Geldsegen, für uns Ärzte ab. Mit nur wenig bürokratischem Aufwand werden wir pro DMP-Fall etwa 15 Euro je Quartal hinzuverdienen. Wenn nun jeder Patient im Durchschnitt drei DMP-Programme hat, was bei 10 geplanten DMP (wenn es so gut klappt, kann man ja auf noch mehr, z. B. 20, steigern) erreichbar scheint, bedeutet das eine Verdoppelung der etwa 45 Euro, die Hausärzte infolge Budgetierung maximal je Patient und Quartal erwirtschaften können, der Ferrari kann bestellt werden, Leute! Auch ist es völlig abwegig zu behaupten, dass wir unsere Integrität, Ehre und Ethik für ein Linsengericht an die Kassen verkaufen. Denn erstens ist es viel mehr als nur eine warme Suppe, nämlich ein Luxusartikel, und zweitens folgen wir nur den „offiziellen“ Vorgaben, z. B. dem jahrelang schwer bekämpften Arzneimittelreport, wenn wir unsere Patienten durch die Gabe von veralteten Medikamenten, wozu uns DMP verpflichten, schädigen. Hier fällt mir spontan der alte Satz des Prof. Vilmar vom sozialverträglichen Frühableben ein. Nur was als evidenzbasiert gilt, ist richtig, was universitär wenig bekannt oder erforscht oder unerforscht ist, ist als subjektiver verwerflicher Unsinn zu werten und muss ausgegrenzt werden von Kassengeldern (z. B. Homöopathie, Phytotherapie, Selbstorganisatorische Hypnose), wenn’s denn dem Rotstift dient. Der Erfahrungsschatz eines Arztes, die Individuation der Behandlung, die Bedürfnisse des Patienten sind vollkommen uninteressant. Beispiel: Wäre also vor etwa zehn Jahren ein DMP Herzinsuffizienz entstanden, wären Betablocker noch heute dafür kontraindiziert mit amtlichem Brief und Siegel. Jeder, der sich näher mit Wissenschaft beschäftigt, kann leicht sehen, wie dogmatisch und verkehrt vieles ist, wie widersprüchlich, wie manipulierbar, wie viel pseudoobjektiver Unsinn verzapft wird. Das fing auch schon lange vor Semmelweis an. Die Anbeter der heiligen Kuh des Doppelblindversuchs und der evidenzbasierten DMP sollten nicht die hausärztliche Versorgung bestimmen! Wir sollten uns in die andere Richtung bewegen, nämlich die Patienten dort abholen, wo sie stehen, bei dem, was sie glauben und fühlen, auch bei ihren Ängsten. Dazu müsste jeder primärversorgende Arzt viel mehr Training erhalten, erstens auch in Selbsterfahrung, zweitens im induktiven Arbeitsstil zuungunsten des direktiven, der heute üblich ist. Psychologische, psychosomatische und psychotherapeutische Kenntnisse müssten trainiert werden! Die neue Weiter­bildungs­ordnung des hausärztlichen Internisten und Allgemeinarztes wird nur weiterhin 40 Stunden Psychosomatik enthalten, deren Kürzung sogar überlegt wird. Gleichzeitig hat der BDI einen idiotischen Streit vom Zaun gebrochen, indem er drei Jahre stationäre Innere Medizin fordert, obwohl die auf dem Rostocker Ärztetag festgelegten zwei Jahre dick reichen würden.
Aller Quatsch, der jetzt geplant ist (elektronische Chipkarte, digitalisierte Daten, DRG, DMP, Quittungen, Leitlinien-Bundeshauptamt etc.), wird uns, Patienten und Ärzte, tiefer ins Elend führen und nur Bürokraten glücklicher machen. Kosten werden auch höchstens über Patientenschädigung (s. o.) gesenkt. Nur über die Einsicht und Mitarbeit des Patienten, nicht über Dressur, kann langfristig erfolgreiche Prävention und eine glücklichere und gesundheitsbewusstere Bevölkerung entstehen – und dann auch Kostensenkung!
Dr. med. Udo Saueressig,
Hauptstraße 129, 74931 Lobbach-Waldwimmersbach
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema