ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Menschen im Alter: Könnte die Medizin „behindert“ sein?

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Menschen im Alter: Könnte die Medizin „behindert“ sein?

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1114 / B-939 / C-882

Isermann, Horst

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LNSLNS Über die Beiträge zur medizinischen Versorgung alter Menschen habe ich mich sehr gefreut, weil auf ein Problem hingewiesen wurde, das im medizinischen Alltag der Forschung, der Kliniken und Krankenhäuser sowie auch der Facharztpraxen häufig wenig beachtet wird. Es mangelt oft an Kenntnissen altersbedingter Krankheiten, am Verständnis psychosozialer Besonderheiten im Alter und an der Bereitstellung finanzieller Mittel für eine befriedigende Versorgung dieser Menschen. Das ist eigentlich verwunderlich, weil die meisten jüngeren und älteren Menschen auch einmal in das hohe Lebensalter kommen werden und aufgrund des natürlichen Abbauprozesses, von Krankheiten oder Pflegebedürftigkeit eine angemessene Versorgung und Betreuung erwarten.
Ähnlich ergeht es auch meist jüngeren Menschen mit und/ oder geistiger Behinderung, deren Versorgung trotz vielfältiger Fortschritte in der Medizin und verschiedener Versorgungssysteme immer noch als unzureichend zu bezeichnen ist. Wie bei der Versorgung alter Menschen ist festzustellen, dass die bekannten medizinischen Kenntnisse und Erfahrungen in der Behindertenmedizin im Studium und in der klinischen Ausbildung unzureichend vermittelt werden und aus finanziellen Gründen oft nicht umgesetzt werden können. Diese Notlage hat die in der Behindertenmedizin tätigen Ärzte veranlasst, eine „Bundesarbeitsgemeinschaft Ärzte für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung“ zu gründen. Der Gründung ging 2001 ein Kongress zur medizinischen Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung mit dem Titel „Eine behinderte Medizin?!“ in Kassel voraus. Die Beiträge liegen jetzt in einem im Lebenshilfe-Verlag erschienenen Kongressband („Eine behinderte Medizin?!“) vor.
Natürlich sind Menschen mit deutlichen Alterungsveränderungen nicht mit geistig behinderten Menschen gleichzusetzen, aber der medizinische und pflegerische Aufwand bei der Betreuung ist in ähnlicher Weise erforderlich. Werden diese Menschen mit ihren natürlichen Wünschen und berechtigten Forderungen in unserer Gesellschaft genügend wahrgenommen? Ist ihre medizinische Versorgung sinnvoll und ausreichend? Werden sie menschenwürdig in der Familie oder in Heimen betreut? Genügen die ärztlichen und pflegerischen Kenntnisse zur Versorgung dieser Menschen und werden die Leistungen entsprechend vergütet? Alles Fragen, ob die Medizin vielleicht doch „behindert“ sein könnte!
Dr. med. Horst Isermann,
Leipziger Straße 52 A, 27356 Rotenburg
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