ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Frankfurter Buchmesse: Irlands mutige Schriftsteller

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Frankfurter Buchmesse: Irlands mutige Schriftsteller

Kohler, Marion

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LNSLNSLNSLNS Wie war es möglich, daß bis ins Jahr 1967 hinein ein Censorship Board in der Republik Irland darüber entscheiden konnte, was die Iren lesen durften und was nicht? Das offiziell 1929 etablierte Evil Literature Committee setzte im Schnitt pro Monat 30 Bücher auf den Index, weil sie "in ihrer Grundtendenz" als anstößig und obszön "beurteilt" waren. Daß Autoren der irischen Moderne wie Joyce, Behan und O’Casey verboten wurden, läßt sich im wesentlichen durch Macht des katholischen Klerus erklären, der mit Hilfe der Presse die irische Öffentlichkeit lenkte. Trotzdem wagten es Autoren wie John McGahern und Edna O’Brien, ein ungeschminktes Bild der irischen Wirklichkeit zu zeichnen, und bezahlten unter der strengen irischen Zensur teuer dafür. "Irland" war das Schwerpunktthema der Frankfurter Buchmesse.


John McGahern
McGahern mußte 1965 unter dem Druck von Kirche und Behörden seinen Schuldienst quittieren und die Insel verlassen, was er seinem Roman "das dunkel" verdankte. Zu freimütig sprach er sich gegen den rigiden irischen Katholizismus aus, zu deutlich sind bei ihm Beschreibungen der Sexualität und der väterlichen Tyrannei.
Auch in seinen anderen Romanen sowie den in neuer Übersetzung erschienenen Erzählungen entwirft er ohne jede Larmoyanz Innenansichten Irlands. McGaherns Themenkanon spiegelt die absolute Tristesse eines Lebens am Ende der Welt wider. Seinem streng realistischen Irlandbild angepaßt ist McGaherns Sprachstil: karg auch dieser. Unspektakulär beschreibt er, was man sieht, er dringt nicht ein in die Figuren, er beobachtet sie und hört ihnen zu. So entsteht das eindrucksvolle Bild eines Irlands außerhalb der urbanen Welt von Dublin, das jeder folkloristischen Idylle entbehrt.


Edna O’Brian
So wie McGahern in das Innenleben des ländlichen Irlands eindringt, zeigt Edna O’Brien in ihrem umfangreichen Erzählwerk die in der irischen Gesellschaft vorherrschenden sexuellen und sozialen Rollenzwänge aus weiblicher Sicht auf.
In ihrem neuesten Buch "Das einsame Haus" schildert sie die traurige Lebensgeschichte einer älteren Frau, die aus dem Pflegeheim zurückkehrt, um zu Hause zu sterben. Versponnen in ihrer Vergangenheit, zieht sie Bilanz, versucht Versöhnung mit ihrem verstorbenen Ehemann herbeizuführen. Doch der Frieden will sich so wenig einstellen wie der Frieden im Land: Eines Nachts steht ein bewaffneter Mann vor ihrem Bett. Ein Kämpfer für ein vereintes Irland, der bei Josie Zuflucht sucht. Eine ungewöhnliche, höchst sublime MutterSohn-Beziehung entwickelt sich, geschildert in einem nachdenklichen, betörenden Ton. O’Brien fokussiert hier einen mächtigen Konflikt auf zwei Figuren. Sie porträtiert in eindringlichen Szenen die zwei Gesichter eines geteilten Landes und schildert die hitzige Auseinandersetzung als Parabel für das Dilemma, an dem die Seele Irlands krankt. Der Nordirland-Konflikt – erst in den neunziger Jahren wurde dieser ein unmittelbares Thema in der irischen Literatur. Zwar wurde der letztjährige Nobelpreisträger Seamus Heaney besonders für seinen Mut geehrt, im Land der Halbwahrheiten und Verschwiegenheiten schon in seinen frühen Werken ein offenes Wort zu schreiben. Doch geschieht dies hauptsächlich auf subtile, gar mystische Art, wovon man sich in dem zweisprachig erschienenen Gedichtband "Norden" selbst überzeugen kann.


Patrick Quigley
Lauter tönt da die jüngere Generation der Schriftsteller: Patrick Quigley nimmt in seinem Debütroman "Grenzland" offen Stellung zum Töten. Mitreißend erzählt er die Geschichte des Idealisten Shane McCabe, der im Grenzland zwischen irischer Republik und britischem Ulster aufwächst. Eine neue Sprache hat Quigley erfunden; eine Sprache, der es gelingt, die Schönheit der irischen Landschaft mit der geschichtsträchtigen Brutalität des Lebens zwischen Heckenschützen, Armeefahrzeugen und Begräbnissen zu verbinden. Eingehend wird uns das bedrohliche Leben in einer von Haß und Sektierertum beherrschten Gesellschaft vorgeführt, in der Shanes Liebe zu der Protestantin Joy nur an den hohen Mauern der irischen Realität zerbrechen kann. Fast vorauszusehen: die Bombenexplosion, die leider nur den Roman beendet.
Die neunziger Jahre sind jedoch nicht nur durch die Erlebnisliteratur gekennzeichnet, welche die turbulente und konfliktreiche Zeitgeschichte einzufangen versucht – im Gegenteil, die gegenwärtige irische Belletristik ist so vielfältig wie noch nie. Mit Romanciers wie Roddy Doyle, Patrick McCabe, Colm Tóibín wird die "zweite literarische Renaissance" gefeiert.


Roddy Doyle
Deutlich wird an Roddy Doyles Prosa- und Filmwerk, daß die Iren nicht mehr so sehr von der Vergangenheit traumatisiert sind, als daß sie keinen Spaß verstehen würden. Mit seinen verfilmten Romanen "The Commitments", "The Snapper" und "The Van" hat er viele Lacher auf seiner Seite. Die Tragikomik, die bei den Filmen wohltuend ist, bleibt einem bei Doyles neuestem Roman eher im Halse stecken. In "Die Frau, die gegen Türen rannte" zeichnet er ein bedrückendes Psychogramm einer von ihrem Mann geschlagenen und vergewaltigten Frau, die über ihr in Trümmer liegendes Leben resümiert. Eine schwarze Hölle tut sich auf, die auch fast den Leser verschlingt, denn Doyles Erzählweise und Sprachrhythmus sind packend. Den jeweiligen Stimmungslagen Paulas angepaßt, verdichtet sich der Text oder geht in Wortstakkati über. Wider Erwarten macht Doyle aus diesem Roman keine sozialpsychologische Studie; er läßt sich nicht einmal dazu verleiten, psychologische Innenansichten zu liefern. Er charakterisiert seine Hauptfiguren ausschließlich über ihr Idiom, über ihre Art, sich zu unterhalten, was auch in seinem 1994 in Deutschland erschienenen Roman "Paddy Clarke Ha Ha Ha" auffallend ist.
Ein trostloses Irland wird in all diesen Romanen gezeichnet. Ein Irland, das der Tourist nicht sieht oder nicht sehen möchte.
Marion Kohler, Berlin

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