ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Multiple Chemical Sensitivity: Wenig hilfreich
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LNSLNS Diesen Artikel empfinde ich als psychotherapeutisch tätige Nervenärztin für die niedergelassenen ärztlichen Kollegen wenig hilfreich. Benennung unzutreffend, Ursache unbekannt, Therapie unbekannt, keine Berufskrankheit – so etwa könnte die Zusammenfassung lauten. Tatsache ist doch, dass immer mehr Menschen mit diesem Krankheitsbild in unsere Praxen kommen. Die Autoren weisen auf die Wissenschaftlichkeit der Medizin hin, ohne zu bedenken, dass Medizin als Krankheitslehre und Heilkunde zum größten Teil auf Empirie und Definitionen beruht, auf Festlegung von Normal- und Grenzwerten, man kann Studien statistisch korrekt durchführen, Leitlinien erarbeiten – die Praxis wird immer wieder anders aussehen. Ich habe zum Beispiel drei Patienten aus derselben Fabrik in Behandlung, die mich wegen Mobbing am Arbeitsplatz aufsuchten und über Depressionen und Selbstmordgedanken klagten. Bei Nachfragen erfuhr ich unter anderem von Symptomen, wie sie von den Autoren beschrieben wurden, und, um auch die „anerkannten“ Krankheiten zu nennen, von einer nicht einstellbaren Hypertonie und Hepatopathie im einen Fall, von einem zervikalen Bandscheibenvorfall im anderen und Hautausschlägen und Bronchitis im dritten Fall. Alle drei Patienten haben acht bis zehn Jahre in der Fabrik gearbeitet. Wenn sie nun nach langer Arbeitsunfähigkeit und erfolglosen Kuren einen Rentenantrag stellen, dürfen sie dann auf verständige Gutachter hoffen, die ihre schwere Beeinträchtigung erkennen und den Zusammenhang mit ihren Arbeitsbedingungen (Chemikalien, keine ausreichende Lüftung) nicht ignorieren? Was haben wir Ärzte anzubieten an therapeutischen Möglichkeiten (außer der supportiven und ressourcenorientierten Psychotherapie, die helfen soll zu „lernen mit der Krankheit zu leben“)? Ein therapeutischer Nihilismus ist nicht gerechtfertigt, heißt es im Artikel – wie das, wenn Ätiologie und Pathogenese nicht gesichert sind?
Die Gefahr besteht, dass die Patienten in die psychiatrisch-psychotherapeutische Ecke abgeschoben werden zur Ruhigstellung und Beruhigung des ärztlichen Gewissens. Oder, auch nicht besser, es werden unrealistische Heilserwartungen an die Psychotherapeuten herangetragen. Ein verstärkter interkollegialer Austausch könnte vielleicht bewirken, dass diese Menschen, die oft „schwierig“ sind und den „Fehler“ haben, unserer chemiebelasteten Umwelt nicht mehr gewachsen zu sein, anders wahrgenommen werden.

Dr. med. Christine Aschermann
Eichenstraße 6
88299 Leutkirch

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Avatar #100905
U.Hehl
am Sonntag, 10. März 2013, 16:18

Gut erkannt !!!

Ich teile nicht oft die Meinung von Ärztin aber im speziellen Fall, hat Frau Dr. Aschermann recht. Die Kollegen machen sich das Bild der MCS zu einfach und schieben sie ab, in die Psychoecke.

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