ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Sammlung Berggruen Berlin: Tanzende Algen

VARIA: Feuilleton

Sammlung Berggruen Berlin: Tanzende Algen

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1145 / B-963 / C-905

Lenze, Susanne

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LNSLNS Spätwerk: 61 Scherenschnitte von Henri Matisse

Wer zurzeit durch den westlichen Stülerbau, den Stammsitz der Sammlung Berggruen, vis-à-vis dem Berliner Schloss Charlottenburg, streift, entdeckt dort Bilder mit schönen Formen und Leuchtkraft. Apfelförmige, algenförmige, geschwungene, wellige, runde, gekurvte, spitze, zackige und auch sternförmige Ornamente in Zitronengelb, Altrosa, Lila, Pink, Orangenfarben, Grasgrün, Ultramarinblau und Rot.
Ein Spätwerk des französischen Künstlers Henri Matisse (1869 bis 1954): Sechzig Scherenschnitte – „Papiers découpés“. Die Algen, Sterne, Frauenakte, Affen, Papageien, Quallen, Meerjungfrauen und Akanthus-Blätter entfalten ihren Liebreiz im Original. Ihr Charme strahlt nur reduziert, betrachtet man die Formen auf Postkarten und Postern. Häufig wurden seine Ornamente auch für Werbezwecke verkitscht. Die fast acht Meter breite Arbeit „Der Papagei und die Meerjungfrau“ von 1952 zeigt ein Meer von bunten Algen, so weit das Auge reicht. Nur unmittelbar vor dem Werk lässt sich die „Lebendigkeit und Verspieltheit“ einer grazilen Meerjungfrau und eines Papageis, inmitten von Algen und Blättern, entdecken. Schaut man lange genug auf die Arbeit, schwimmt es an den Wänden: Die Meerjungfrau, der Papagei, die Algen und Blätter scheinen sich zu bewegen. Die Formen ozeanischer Fauna und Flora dokumentieren Matisses Erinnerungen an seine Reisen nach Tahiti und die Insel Bora-Bora.
1941 hatte sich der damals 71-jährige Künstler am Darm operieren lassen müssen. Anschließend musste er das Bett hüten, allenfalls im Rollstuhl konnte er sich fortbewegen. Die Technik des Papierschnittes ermöglichte es ihm, auch unter diesen Bedingungen künstlerisch zu arbeiten.
Halb liegend, halb sitzend, hielt er mit Gouachefarbe eingestrichene Papierbögen mit seiner linken Hand hoch. Mit der rechten Hand schnitt er freie Figuren aus. Matisse nannte das „mit der Schere zeichnen“. Die Figuren wurden von seinen Gehilfen zu Kompositionen collagiert.
Höhepunkt seiner Papierschnittarbeit war die Arbeit für die Rosenkapelle in Vence von 1949 bis 1951. Nach Angaben von Dr. Hans Jürgen Papies, Kurator der Sammlung Berggruen in der Nationalgalerie Berlin, sah Matisse in ihr die „Erfüllung eines ganzen arbeitsreichen Lebens“. Zunächst sollte er nur die Kirchenfenster gestalten. Seine Aufgabe erweiterte sich dann zur Gesamtgestaltung, vom architektonischen Gehäuse bis zu den Priestergewändern. Die Entwürfe für die beiden fünf Meter hohen Kirchenfenster und ein Priestergewand sind in der Ausstellung zu sehen.
Die Exposition wurde von der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main organisiert und von Oliver Berggruen (Sohn von Heinz Berggruen) kuratiert. Vor genau 50 Jahren hatte Heinz Berggruen, damals Galerist von Matisse, in Paris die weltweit erste Ausstellung der „Papiers découpés“ gezeigt. Susanne Lenze
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